Von al­ten und neu­en Gren­zen

Im Kia K7 durch Ko­rea

Neue Osnabrucker Zeitung - Lotte, Westerkappeln, Mettingen, Tecklenburg - - Kfzwelt -

Ko­rea ist ein ei­gen­wil­li­ges Land. So west­lich und ver­traut es uns in vie­len Ecken vor­kommt, bie­tet es nur zwei Kur­ven wei­ter im­mer wie­der über­ra­schen­de Grenz­er­fah­run­gen. Ku­li­na­risch wie po­li­tisch. Und mit sei­nen Au­tos ist es nicht an­ders.

Von Ben­ja­min Bes­sin­ger

SP-X SEO­UL/KO­REA. Auf den ers­ten Blick ist al­les wie im­mer und die Auf­fahrt vor dem Grand Hyatt steht voll gro­ßer Li­mou­si­nen in de­zen­tem Schwarz und schmu­ckem Sil­ber. Erst wenn man ge­nau­er hin­schaut, er­kennt man ei­nen Un­ter­schied. Denn was aus­sieht wie die üb­li­chen Ver­däch­ti­gen von Au­di, BMW und Mer­ce­des, ent­puppt sich als Lu­xus­li­ner des Hy­un­dai-Ab­le­gers Ge­ne­sis, als Kia, Ss­an­gyong, Chev­ro­let oder als Samsung. Schließ­lich steht das Grand Hyatt nicht in Berlin, Brüssel oder Bos­ton, son­dern in Seo­ul. Und hier in der ko­rea­ni­schen Haupt­stadt ist selbst der Lu­xus­markt fest in der Hand der hei­mi­schen Her­stel­ler, die über 80 Pro­zent der jähr­lich rund 1,6 Mil­lio­nen Neu­zu­las­sun­gen hal­ten.

Trotz­dem fühlt sich ir­gend­wie al­les un­ge­wöhn­lich ver­traut an, wenn man mit ei­nem Au­to wie dem Kia K7 durch die Zehn-Mil­lio­nen­Me­tro­po­le fährt. Drau­ßen, weil man auch in frem­den Schrift­zei­chen be­kann­te Schrift­zü­ge er­kennt und die Häu­ser­schluch­ten in Seo­ul mit ih­ren in­ter­na­tio­na­len Fran­chise-Ket­ten kaum an­ders aus­se­hen als in Stuttgart, Stock­holm oder Shanghai. Nur dass der Ver­kehr hier ge­sit­te­ter und we­ni­ger auf­ge­regt da­hin kriecht als in vie­len an­de­ren Städ­ten. Und dass die Au­tos al­le bes­ser aus­se­hen. Denn der Ko­rea­ner ist so ver­liebt in sei­nen Wa­gen, dass er ihn stän­dig wie­nert und po­liert und so­gar die Schaum­stoff­pols­ter und Schutz­fo­li­en von der Aus­lie­fe­rung dran lässt, da­mit er mög­lichst lan­ge na­gel­neu aus­sieht.

Fühlt sich gut an

Und drin fühlt man sich wie im­mer, weil die ko­rea­ni­sche Li­mou­si­ne, der es mit ih­ren 4,97 Me­tern nur für Platz zwei in der Kia-Pa­let­te reicht, ei­nem ähn­lich gro­ßen Fün­fer BMW oder ei­ner Mer­ce­des E-Klas­se in kaum et­was nach­steht. Ges­tern noch ein schmuck­lo­ser Bil­lig­an­bie­ter, be­wegt sich Kia mit dem K7 ganz selbst­ver­ständ­lich in der Bu­si­ness-Klas­se und stiehlt den Do­mi­na­to­ren aus Deutsch­land nicht nur mit dem fri­sche­ren De­sign die Schau: Man thront auf ei­nem Ses­sel, der sich be­que­mer ein­stel­len lässt als die Mas­sa­ge­lie­gen drau­ßen am Flug­ha­fen In­che­on, der Blick schweift über di­ckes Le­der und no­ble Kon­so­len, be­vor er in ei­nem schmu­cken Cock­pit hän­gen bleibt oder von ei­nem Head-Up-Dis­play doch wie­der auf die Stra­ße ge­zo­gen wird und wo man den K7 an­fasst, fühlt er sich gut an.

Schon der Fah­rer wähnt sich gut auf­ge­ho­ben. Und in der zwei­ten Rei­he sitzt man erst recht erst­klas­sig. Weil sich die Ko­rea­ner wie al­le Asia­ten lie­ber chauf­fie­ren las­sen als selbst zu len­ken, ist die Bein­frei­heit bei ei­nem Rad­stand von 2,86 Me­tern aus­ge­spro­chen groß­zü­gig, das So­fa ist nicht min­der be­quem wie die Ses­sel in der ers­ten Rei­he, es gibt na­tür­lich ei­ne ei­ge­ne Sitz­hei­zung, ei­ne ei­ge­ne Kli­ma­zo­ne und teil­wei­se Ja­lou­si­en für die Pri­vat­sphä­re, und weil hin­ten zu­meist der Chef sitzt, kann man den Bei­fah­rer­sitz auch aus dem Fond her­aus nach vor­ne sur­ren las­sen.

Al­so al­les wie im­mer? Nicht ganz. Denn wie so oft in Ko­rea lie­gen die Über­ra­schun­gen im De­tail – auf der Spei­se­kar­te zum Bei­spiel, wo sie ei­nem bis­wei­len tat­säch­lich Hun­de­fleisch im Ein­topf ver­kau­fen wol­len, in der Seo­ul Au­to Gal­le­ry, weil sie von au­ßen aus­sieht wie ein Park­haus und drin­nen zu den größ­ten Händ­lern ge­brauch­ter Lu­xus-Au­tos zählt. Oder eben auf dem gro­ßen In­fo­tain­ment-Bild­schirm des K7, wo man selbst oh­ne lo­ka­le Sprach­kennt­nis­se schnell das Na­vi­ga­ti­ons­me­nü fin­det und aus dem Stau­nen kaum mehr her­aus­kommt. Denn nir­gend­wo sonst gibt es so bril­lan­te Grafiken und so de­tail­rei­che Kar­ten wie in der Hei­mat der Han­dys von Samsung & Co. Selbst Park­ver­bo­te sind, mit­samt der zeit­li­chen Ein­schrän­kun­gen ein­ge­zeich­net und auf den meis­ten 3D-Ani­ma­tio­nen stim­men so­gar die Far­ben der Leucht­re­kla­men mit der Wirk­lich­keit über­ein.

Frisch und ei­gen­stän­dig

So ver­traut ei­nem Ko­rea in Seo­ul noch vor­kommt, so be­fremd­lich wird es auf dem Weg nach drau­ßen. Gen Sü­den, weil man stun­den­lang durch Hoch­haus­sied­lun­gen fährt, wie sie die Plat­ten­bau­er in deut­schen Os­ten nicht gleich­för­mi­ger hin­be­kom­men hät­ten. Nur dass die hier na­gel­neu sind und Jahr für Jahr wei­ter aus­ufern. Um­so woh­ler fühlt man sich da in ei­ner Li­mou­si­ne, die mit ih­rem nach in­nen ge­wölb­ten Grill, den schar­fen Za­cken der Tag­fahr­leuch­ten in den LED-Schein­wer­fern und der schnei­dig-schlan­ken Sil­hou­et­te er­freu­lich frisch und ei­gen­stän­dig aus­sieht im Ei­ner­lei der Bu­si­ness­klas­se.

Und gen Nor­den, weil dort mit je­dem Ki­lo­me­ter der St­a­chel­draht ent­lang der Au­to­bahn dich­ter wird und sich da­zwi­schen in im­mer kür­ze­ren Ab­stän­den Wach­tür­me er­he­ben. Ja, auch da­für gibt es Par­al­le­len in der deut­schen Ge­schich­te. Nur dass es bei uns zwi­schen den Wach­tür­men kei­ne Shop­ping-Cen­ter, Kunst­mu­se­en und Ver­gnü­gungs­parks ge­ge­ben hat.

Dass man die­se Sze­ne­rie aus dem Kia her­aus wie im Ki­no er­lebt, liegt aber nur zum Teil an der skur­ri­len Mi­schung aus Amü­se­ment und Ab­schre­ckung, mit der die Ko­rea­ner ih­re Gren­ze ins­ze­nie­ren. Es liegt auch dar­an, dass man in die­sem Au­to die Rea­li­tät da drau­ßen tat­säch­lich wie ein Zu­schau­er sieht, weil man ihr so weit ent­rückt ist: Die Ka­ros­se­rie dick ge­dämmt, vom Rau­schen des Win­des und dem Rol­len der Rei­fen kaum et­was zu hö­ren und das Fahr­werk wie bei al­len Au­tos in Ko­rea sam­tig weich – so fährt man im K7 in sei­ner ei­ge­nen Welt.

Dass man da­bei nicht ganz den Kon­takt zu Mut­ter Er­de ver­liert, ist ein­mal mehr ein Ver­dienst der Kia-Elek­tro­nik. Denn die As­sis­ten­ten für Spur­füh­rung und Spur­wech­sel so­wie die Kon­trol­le des Ab­stands sind so über­vor­sich­tig pro­gram­miert, dass ei­nen ein be­stän­di­ges Pie­pen und Fie­pen zu­rück ins Hier und Heu­te holt. Und es ist wie­der das Na­vi­ga­ti­ons­sys­tem, das dem Fass den Bo­den aus­schlägt. Denn im Kampf ge­gen die wahr­schein­lich pin­ge­ligs­te Ver­kehrs­über­wa­chung der Welt zählt es be­glei­tet von an­schwel­len­den Warn­tö­nen me­ter­ge­nau auf je­de Ra­dar­fal­le her­un­ter und be­rech­net zwi­schen zwei Kon­troll­stel­len so­gar die Dif­fe­renz zum er­laub­ten Durch­schnitt. Das mag ner­vig sein, weil man bei der von kei­nem an­de­ren Land er­reich­ten Dich­te an Ka­me­ras nie sei­ne Ru­he hat. Aber be­ru­hig­ter als in die­sem Kia kann man mit kei­nem an­de­ren Au­to ra­sen.

Auch als Hy­brid

Wo­bei das mit dem Ra­sen so ei­ne Sa­che ist. Für ih­ren 3,3 Li­ter gro­ßem Sechs­zy­lin­der-Di­rekt­ein­sprit­zer mit 290 PS und ei­ner fa­mo­sen Acht­gang-Au­to­ma­tik ha­ben die Ko­rea­ner zwar viel Lob ge­ern­tet. Doch seit ein paar Wo­chen gibt es den K7 auch als Hy­brid. In der Stadt, wo man oh­ne­hin die meis­te Zeit im Stopp-and-Go-Ver­kehr da­hin staut, macht der mit sei­nem 160 PS star­ken 2,4-Li­ter-Vier­zy­lin­der und ei­ner E-Ma­schi­ne von 52 PS nicht nur Sinn, son­dern auch noch Spaß – selbst wenn der 1,76 kWh-Ak­ku zu klein ist für ei­nen Plug-In-An­schluss. Denn so zäh, wie sich die Schlan­gen durch Gangnam quä­len, re­ku­pe­riert man auch da­mit ge­nug, dass man die meis­te Zeit flüs­ter­lei­se durch die Stadt surrt und nur sel­ten das de­zen­te Knur­ren des Vier­zy­lin­ders hört. Doch drau­ßen auf der Au­to­bahn ist das ein biss­chen an­ders und der Li­mou­si­ne geht über­ra­schend schnell die Pus­te aus. Erst recht, wenn man vom ent­spann­ten Öko-Mo­dus in den Sport-Be­trieb wech­selt und sich am Elan doch nichts än­dert. 140, 150 sind kein Pro­blem, und na­tür­lich kratzt der K7 auch an der 200er-Mar­ke. Doch so dicht, wie hier die Ra­dar­fal­len ste­hen, kann man da­für kaum ge­nü­gend An­lauf neh­men, wenn man da­nach nicht wie­der voll in die Ei­sen stei­gen möch­te.

So rich­tig en­ga­giert mag man mit dem Hy­bri­den viel­leicht nicht fah­ren. Doch fährt man da­für um­so ent­spann­ter. Und vor al­lem hier oben im Nor­den des Lan­des kann ein biss­chen Ent­span­nung ja nicht scha­den. Erst recht nicht, wenn man zwi­schen St­a­chel­draht und Schieß­stän­den an ei­ner Kon­flikt­li­nie ent­lang­fährt, auf de­ren An­span­nung die Welt gut ver­zich­ten könn­te. Nicht dass es da­für an­ge­sichts der Ra­ke­ten­phan­ta­si­en des Dik­ta­tors Kim Jong Un ge­ra­de ernst­haf­te Hoff­nun­gen gä­be. Doch die Hoff­nung stirbt zu­letzt. Denn Gren­zen sind da­für da, ver­scho­ben zu wer­den. Und der K7 als ve­ri­ta­bler Fün­fer-Kon­kur­rent ei­ner eins­ti­gen Bil­lig­mar­ke ist da­für ein gu­tes Bei­spiel. Denn mit dem Auf­stieg von Hy­un­dai und Kia ha­ben die Ko­rea­ner das zu­min­dest in der Au­to­welt doch ge­ra­de vor­ge­macht.

Ges­tern noch ein schmuck­lo­ser Bil­lig­an­bie­ter, be­wegt sich Kia mit dem K7 ganz selbst­ver­ständ­lich in der Bu­si­ness-Klas­se. Fo­tos: Ben­ja­min Bes­sin­ger und Kia (klein, oben)

Der Fah­rer thront auf ei­nem Ses­sel, der sich be­que­mer ein­stel­len lässt als die Mas­sa­ge­lie­gen am Flug­ha­fen In­che­on.

Der Blick schweift über no­ble Kon­so­len, be­vor er im schmu­cken Cock­pit hän­gen bleibt.

Bril­lan­te Grafiken und de­tail­rei­che Kar­ten auf dem gro­ßen In­fo­tain­ment-Bild­schirm.

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