Die Gen­der-Iko­ne

Mit Fe­der­boa und Zy­lin­der: Mar­le­ne Dietrich präg­te Look und Li­fe­style

Neue Osnabrucker Zeitung - Lotte, Westerkappeln, Mettingen, Tecklenburg - - In Der Familie -

Von Ste­fan Lüd­de­mann

Mit 13 Jah­ren hat sich Mar­le­ne für die wich­tigs­te Rol­le ih­res Le­bens be­reits qua­li­fi­ziert. Gleich „vier Rü­gen in Be­tra­gen“setzt es 1914 in der Schu­le für das Mäd­chen, das in sei­nem Ta­ge­buch da­zu ko­kett ver­merkt: „Hei­li­ger Bimbam!“Rü­gen kas­siert Mar­le­ne in ih­rem lan­gen Le­ben noch reich­lich, weil sie lie­ber über Gren­zen geht, als sich zu be­tra­gen. Die „Dietrich“weiß: Wer zur Klas­si­ke­rin avan­cie­ren will, muss zu­erst pro­vo­zie­ren. Und das macht Mar­le­ne Dietrich mit Film­auf­trit­ten, in de­nen sie ei­nen ver­wir­rend raf­fi­nier­ten, weil her­aus­for­dern­den Look kre­iert, weil sie mit Rol­len und Iden­ti­tä­ten so über­legt und über­le­gen wie sonst nie­mand spielt. Vie­le ih­rer Fil­me sind heu­te ver­ges­sen. Der Stil, der Mar­le­ne Dietrich zur Iko­ne macht, ist ge­blie­ben, der zeit­lo­se Stil über­le­ge­ner Läs­sig­keit.

Den be­herrscht schon die New­co­me­rin. Als Va­rie­té­sän­ge­rin Lo­la in „Der blaue En­gel“gibt sie 1930 die be­rühr­ba­re Frau. Aber nur auf den ers­ten Blick. Vom keck auf­ge­setz­ten Zy­lin­der über straff ge­spann­te Strap­se bis zu ne­ckisch an­ge­win­kel­ten Bei­nen und ele­gan­ten Pumps rei­hen sich bei ihr ero­ti­sche Blick­fän­ge zu ei­ner SKur­ve, die nicht nur ei­nem ver­klemm­ten Gym­na­si­al­pro­fes­sor Schwin­del­ge­füh­le macht. Mar­le­ne kre­iert ih­re Lo­la als Pro­jek­ti­ons­flä­che für Män­ner­träu­me, weil sie das Kli­schee ero­ti­scher Ver­füh­rung be­dient und zu­gleich mit Si­gna­len der Männ­lich­keit spielt. Er­in­nern wir uns heu­te noch dar­an, dass sie noch im glei­chen Jahr in dem Film „Ma­rok­ko“als ers­te Schau­spie­le­rin über­haupt in Frack und Zy­lin­der auf­tritt, ei­ner auf­rei­zen­den Schö­nen spie­le­risch die Blu­me vom Haar­kno­ten sti­bitzt, nur um sie dann vor al­ler Au­gen auf den Mund zu küs­sen?

Die­se klei­ne Sze­ne wirkt noch heu­te auf­re­gen­der als der os­ten­ta­ti­ve Zun­gen­kuss, den Ma­don­na und Brit­ney Spears 2003 auf of­fe­ner Büh­ne tau­schen. Denn Mar­le­ne Dietrich agiert 1930 mu­ti­ger und sou­ve­rä­ner, weil sie mit­ten in der von Män­nern do­mi­nier­ten Ge­sell­schaft ei­nes Nacht­lo­kals auf sich al­lein ge­stellt ist und ein wirk­li­ches Wag­nis ein­geht. Bis in je­de klei­ne Re­gung ih­res Kör­pers hin­ein ko­piert sie per­fekt die mas­ku­lin for­dern­de Kör­per­spra­che des ga­lan­ten Ver­eh­rers – ein schau­spie­le­ri­sches Meis­ter­stück und ein Wurf für ei­ne Kul­tur, die Mo­de als Selbst­aus­druck und Ge­schlech­ter­rol­len als Ge­gen­stand of­fe­ner Ins­ze­nie­rung be­greift.

„Sie hat Sex, aber kein be­stimm­tes Ge­schlecht“, sagt ihr Freund Ken­neth Ty­n­an über Mar­le­ne Dietrich, die ver­stan­den hat, dass Un­greif­bar­keit der sub­tils­te und des­halb stärks­te al­ler Rei­ze ist. Da­für in­sze­niert die Di­va in ih­ren le­gen­dä­ren Auf­trit­ten ei­nen Ap­peal in­ten­si­ver Kon­tras­te. In „Ma­rok­ko“lüf­tet sie den Zy­lin­der, um blon­de Lo­cken­pracht zur Schau zu stel­len. In dem Film „Das Haus der sie­ben Sün­den“blen­det sie als Sän­ge­rin in schnee­wei­ßer Uni­form ihr Pu­bli­kum aus lau­ter Sol­da­ten. Auf der Show­büh­ne lässt die Sän­ge­rin Mar­le­ne weib­li­che For­men durch die hauch­zar­te Hül­le ih­rer le­gen­dä­ren Pail­let­ten­klei­der schim­mern. Dar­über schwebt ihr un­be­weg­tes Ge­sicht wie ein Idol rät­sel­haf­ter Ge­schlechts­lo­sig­keit.

Mit Mar­le­ne Dietrich wird Gen­der ein The­ma, lan­ge be­vor es das Wort ei­gent­lich gibt. Der Star führt vor, wie je­ne Iden­ti­tät, die das Ge­schlecht ver­leiht, ge­formt und va­ri­iert wer­den kann. Ob Zy­lin­der, Frack oder Uni­form – Mar­le­ne Dietrich usur­piert die mo­di­schen In­si­gni­en der Männ­lich­keit und er­öff­net da­mit ein ver­füh­re­ri­sches Spiel um Macht und Do­mi­nanz. Als Lo­la zeigt sie sich im ver­ruch­ten Look der Halb­welt. Mit wal­len­der Boa aus Schwa­nen­dau­nen­fe­dern po­siert sie als Göt­tin, an die kein Ir­di­scher zu rüh­ren ver­mag. Das al­les hin­dert sie nicht, mit weit ge­schnit­te­ner und hoch an der Tail­le sit­zen­der Ho­se ei­ne frü­he Unisex-Mo­de zu eta­b­lie­ren. In den Zwan­zi­ger­jah-ren des ver­gan­ge­nen Jahr­hun­derts sorgt die Dietrich mit die­sem Klei­dungs­stück für Skan­da­le. Heu­te ist die Mar­le­ne-Ho­se Stan­dard und Kult zu­gleich. „Die Ge­burts­ur­kun­de ist ein Ge­rücht, das ei­ne Frau durch ihr Aus­se­hen je­der­zeit de­men­tie­ren kann“, sagt die Dietrich ein­mal schnodd­rig und un­über­biet­bar le­bens­wei­se. Je­der kann das ei­ge­ne Le­ben als Kunst­werk for­men, wenn er be­reit ist, für die­sen Ent­schluss auch ein­sa­me We­ge in Kauf zu neh­men. Gla­mour sei ein „un­wirk­li­ches Pa­ra­dies“, be­schreibt die Di­va we­ni­ge Jah­re vor ih­rem Tod, der sich heu­te, am 6. Mai 2017, zum 25. Mal jährt, das Ter­rain ih­rer ei­ge­nen frei­en Exis­tenz, sei­ner Lo­ckun­gen und Tü­cken.

1975 schon zieht sie sich nach ei­nem letz­ten Auf­tritt in Syd­ney ganz aus der Öf­fent­lich­keit zu­rück, nur um 1978 noch ein letz­tes Mal in ei­nem Film, in „Schö­ner Gi­go­lo, ar­mer Gi­go­lo“, wie ein Zei­chen aus der Zeit­lo­sig­keit zu er­schei­nen. Dort spielt Mar­le­ne ne­ben Da­vid Bo­wie – und bei­de mit­ein­an­der ze­le­brie­ren den Zau­ber an­dro­gy­ner Rei­ze. Nicht nur Da­vid Bo­wie ist ein le­gi­ti­mer Nach­fol­ger der Dietrich, auch Lau­ren Ba­call und Ma­don­na ha­ben vor­ge­führt, wie das Spiel mit Ge­schlech­ter­rol­len und der da­zu ge­hö­ren­de mo­di­sche Look zu Vor­bil­dern ei­ner gan­zen Le­bens­kul­tur wer­den kön­nen.

Der Un­ter­schied: Mar­le­ne Dietrich hat sich nicht im Set je­ner Op­tio­nen be­die­nen kön­nen, die die Pop­kul­tur heu­te wie selbst­ver­ständ­lich be­reit­stellt. Sie pro­vo­ziert mit ih­ren Auf­trit­ten noch er­bit­ter­te Ver­wün­schun­gen. „Mar­le­ne, go ho­me“steht auf Pro­test­pla­ka­ten, mit de­nen die Di­va 1960 in der Hei­mat­stadt Berlin emp­fan­gen wird. Das galt nicht nur der Künst­le­rin, die of­fen ge­gen die Na­tio­nal­so­zia­lis­ten op­po­nier­te und sich ih­ren Avan­cen ver­wei­ger­te. Das galt auch je­ner Frau, die es wag­te, Iden­ti­tät nicht nur als Schick­sal hin­zu­neh­men, son­dern sie als Her­aus­for­de­rung an­zu­neh­men. Die­ser Mut mach­te sie zur Iko­ne der Mo­de, zum Vor­bild für ein frei­es Le­ben.

Ei­ne Frau, tau­send Ins­ze­nie­run­gen: Mit Fe­der­boa, Zy­lin­der und Per­len wird Mar­le­ne Dietrich zum Star – und zum Kult­bild. In dem Film „Mar­le­ne“ver­kör­pert Kat­ja Fl­int (un­ten) die un­er­reicht ele­gan­te Di­va.

Fo­tos: Co­lour­box.de, dpa (3), ZDF (2)

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