Klei­ne Le­bens­ret­ter

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Schü­ler ler­nen im Ers­te-Hil­fe-Kurs, wie sie in der Not han­deln kön­nen Von Ju­lia Voigt

Ei­nen Ers­te-Hil­fe-Kurs macht man erst, wenn man groß ist? Von we­gen. Be­reits Grund­schü­ler ler­nen schon früh, wie man in ei­ner Not­si­tua­ti­on hel­fen kann.

Til­ly liegt bei­na­he re­gungs­los auf der gel­ben Woll­de­cke, die auf dem Bo­den ih­res Klas­sen­zim­mers aus­ge­brei­tet ist. Nur müh­sam kann sie sich ein La­chen ver­knei­fen. „Du bist doch be­wusst­los, und dei­ne Mus­keln sind ganz schwer“, sagt Eve­lyn Helth und zieht die Neun­jäh­ri­ge am Är­mel.

Heu­te hat die 3c der Grund­schu­le in Al­ten­holz bei Kiel die Schul­bän­ke bei­sei­te­ge­räumt, und statt Ma­the und Deutsch ste­hen die sta­bi­le Sei­ten­la­ge und Druck­ver­bän­de auf dem St­un­den­plan. Eve­lyn Helth ist Grün­de­rin und Fir­men­in­ha­be­rin von Con Cu­ra, ein Kie­ler Un­ter­neh­men, das sich auf die Ers­te-Hil­fe-Aus­bil­dung spe­zia­li­siert hat. Seit ei­ni­gen Jah­ren schult das Team nicht nur Füh­rer­schein-Neu­lin­ge, Erst­hel­fer & Co., son­dern mit viel Herz­blut un­ter­rich­ten Eve­lyn Helth und ih­re Mit­ar­bei­ter re­gel­mä­ßig an den Schu­len des Lan­des. In Nie­der­sach­sen bie­ten der Mal­te­ser, die Jo­han­ni­ter und das DRK spe­zi­el­le Ers­te-Hil­fe-Schu­lun­gen für Kin­der an.

In den Kur­sen von Con Cu­ra soll der Stär­ke­re den Schwä­che­ren stüt­zen und der Zu­sam­men­halt in der Grup­pe ge­för­dert wer­den. „Ir­gend­et­was ma­chen ist im­mer bes­ser als nichts zu tun“, gibt Eve­lyn Helth den Schü­le­rin­nen und Schü­lern mit Nach­druck auf den Weg.

„Was macht ihr als Al­ler­ers­tes, wenn je­mand ei­nen Un­fall hat und ver­letzt ist?“, will die Kurs­lei­te­rin wis­sen. Lan­ge über­le­gen muss die Klas­se nicht, und im Nu schie­ßen die Hän­de in die Hö­he. „Den Kran­ken­wa­gen an­ru­fen“, weiß Le­on. Groß schreibt die Kurs­lei­te­rin 112 an die Ta­fel. „Die Zah­len soll­tet ihr euch un­be­dingt mer­ken. Su­per ist es, wenn ihr den Leu­ten von der Ret­tungs­stel­le sa­gen könnt, wo ihr seid, was pas­siert ist und wie vie­le Ver­letz­te es gibt.“

Nun ist das Ver­suchs­ka­nin­chen auf ih­rer De­cke dran. „Ganz wich­tig ist, dass Til­ly jetzt at­men kann.“Vor­sich­tig nimmt Eve­lyn Helth den Kopf des Mäd­chens in ih­re Hän­de und über­streckt ihn leicht nach hin­ten. „So kann die schlap­pe Zun­ge nicht mehr die Luft­röh­re ver­schlie­ßen“, er­klärt sie. Rich­tig gut fin­det die 3c die sil­ber- und gold­far­be­ne Ret­tungs­de­cke. „Am bes­ten legt ihr die­se un­ter den Ver­letz­ten oder deckt ihn da­mit zu.“

Eben­falls als Übungs­ob­jekt stellt sich Max zur Ver­fü­gung, der sich mit Schau­spiel­ta­lent auf den Bo­den plump­sen lässt. „Sprecht ihn an und seht, ob er noch re­agiert. Wenn nicht, tippt ihr ihm kurz auf die Schul­ter.“Kom­pli­zier­ter wird es mit der sta­bi­len Sei­ten­la­ge, die flei­ßig an Max ge­übt wird. Vor al­lem das At­men macht Eve­lyn Helth zum The­ma. „Ob je­mand noch at­met, kann man hö­ren und füh­len“, er­klärt sie, legt ih­re Hand auf Max’ Bauch und geht mit ih­rem Ohr dicht über sein Ge­sicht.

Die Kurs­lei­te­rin zeigt den Schul­kin­dern un­ter an­de­rem, wie Ver­letz­te lie­gen soll­ten, was man ma­chen muss, wenn je­mand ei­nen Ball an den Kopf be­kommt oder sich schlimm in die Haut schnei­det. Da­mit das mög­lichst echt aus­sieht, wer­den mit ro­ter Far­be Wun­den auf die Ar­me der Kin­der ge­malt. „Das war to­tal cool“, fin­det Eli­sa­beth und zeigt zum Schluss stolz den Ver­band, den sie um den Arm ih­rer Freun­din Ro­hya ge­wi­ckelt hat. „Un­ser Ziel ist es, dass Kin­der mit ei­nem ge­stärk­ten Selbst­be­wusst­sein aus un­se­ren Kur­sen ge­hen und sie sich im Not­fall nicht völ­lig hilf­los füh­len“, bringt es Eve­lyn Helth auf den Punkt.

Funk­tio­nie­ren wir ein­mal die Ret­tungs­de­cke zum Tra­ge­tuch um: Grund­schü­ler beim Ers­te-Hil­fe-Kurs. Foto: Staudt

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