Die Sün­de­rin

Weg von den Zeu­gen Je­ho­vas: Ei­ne Aus­stei­ge­rin be­rich­tet

Neue Osnabrucker Zeitung - Lotte, Westerkappeln, Mettingen, Tecklenburg - - Im Leben -

Von Alex­an­dra Bro­sow­ski

In Got­tes Na­men pas­sie­ren welt­weit seit Tau­sen­den von Jah­ren schreck­li­che Din­ge. Eli­sa­beth Söh­rings* Gott hieß über 45 Jah­re Je­ho­va. Sie hat ihn ge­liebt und an­ge­be­tet. Bis die Zwei­fel ka­men. Aber Zwei­fel sind nicht er­laubt. „Ganz oder gar nicht“heißt es bei den Zeu­gen Je­ho­vas. Lan­ge hat Eli­sa­beth die Zwei­fel ver­drängt. Mit dem „Man­tel der Lie­be“wur­de ihr gan­zes Elend zu­ge­deckt – so hieß es.

Spal­tung, Lü­gen, Ehe­bruch, Druck, Ab­leh­nung türm­ten sich zu ei­nem gro­ßen See­len­berg auf. Ir­gend­wann wur­de der Berg zu groß. Sie ist ge­gan­gen und hat sich be­freit. Der Preis war hoch. Mit den Zeu­gen Je­ho­vas hat sie ge­bro­chen. Den Glau­ben an Gott hat sie wie­der­ge­fun­den. Die Spal­tung je­doch ist ge­blie­ben, wer die Zeu­gen ver­lässt, darf kei­nen Kon­takt mehr zur „Fa­mi­lie“ha­ben.

Ih­re Groß­mut­ter hat es auf der Flucht vor den Na­tio­nal­so­zia­lis­ten nach Ne­u­müns­ter ver­schla­gen. Die Ge­mein­schaft der streng­gläu­bi­gen Bi­bel­for­scher wur­de zu Zei­ten des Na­tio­nal­so­zia­lis­mus ver­folgt, denn sie ver­wei­ger­te aus Glau­bens­grün­den den Kriegs­dienst so­wie den Hit­ler­gruß. 1961 gab es ei­nen gro­ßen Kon­gress der Zeu­gen Je­ho­vas in Hamburg. Vie­le Teil­neh­mer fan­den Un­ter­schlupf bei Gleich­ge­sinn­ten. So auch bei der Groß­mut­ter von Eli­sa­beth Söh­ring. „Ich glau­be, dass das für mei­ne Mut­ter auch der Im­puls war, sel­ber Zeu­gin Je­ho­vas zu wer­den“, sagt sie.

Kurz vor dem Bei­tritt hat­te sich ih­re Mut­ter ver­liebt und war schwan­ger ge­wor­den. Ihr Va­ter war kein An­hän­ger der Zeu­gen und wur­de es auch nie. Ei­ne schwie­ri­ge Si­tua­ti­on für die gan­ze Fa­mi­lie. Eli­sa­beth saß da­mals zwi­schen den Stüh­len und woll­te wie je­des Kind bei­den El­tern­tei­len ge­recht wer­den. „Mei­ne El­tern ha­ben ver­sucht, die­sen gro­ßen Glau­bens­kon­flikt im­mer aus­zu­klam­mern, was na­tür­lich nur be­dingt mög­lich war.“Es wur­de ein­fach nicht dar­über ge­spro­chen.

Am schlimms­ten war es für sie, ih­ren Va­ter zu be­lü­gen. „Mei­ne vie­len St­un­den Bi­bel­ar­beit muss­te ich oft heim­lich vor­neh­men. Ich saß mit mei­ner Mut­ter auf dem So­fa, und im­mer wenn wir mei­nen Va­ter ge­hört ha­ben, wur­de das Buch ver­steckt. Mein Le­ben lang ha­be ich dar­un­ter ge­lit­ten, es bei­den recht zu ma­chen. Ei­nen Ge­win­ner gab es nie. Ich lie­be doch bei­de!“

Bis sie 14 Jah­re alt war, ver­bot ihr Va­ter die Teil­nah­me an den Ver­samm­lun­gen. Ih­re Tau­fe und da­mit den un­wie­der­bring­li­chen Bei­tritt in die Ge­mein­schaft konn­te er je­doch nicht ver­hin­dern.

Der Kon­flikt zwi­schen den El­tern und dem Glau­ben brach­te sie auch in Le­bens­ge­fahr. Mit sechs Jah­ren er­krank­te sie an ei­ner Blut­krank­heit. Nach der Bi­bel­aus­le­gung der Zeu­gen Je­ho­vas ist Blut hei­lig und darf dem Kör­per da­her un­ter kei­nen Um­stän­den als ret­ten­de Blut­trans­fu­si­on zu­ge­führt wer­den. Wie­der ste­hen ih­re El­tern mit­ten in ei­nem Kon­flikt. An die lau­ten Aus­ein­an­der­set­zun­gen an ih­rem Kran­ken­bett kann sie sich noch gut er­in­nern – nicht aber dar­an, wer schließ­lich ge­won­nen hat­te. Erst nach sechs Mo­na­ten wur­de sie wie­der ge­sund.

Als Zeu­gin Je­ho­vas war klar, dass sie nur ei­nen Part­ner aus der Glau­bens­ge­mein­schaft wäh­len konn­te. Auch ih­re Mut­ter hat­te stets da­für ge­sorgt, dass an­de­re Be­wer­ber gar nicht in­fra­ge ka­men. Wahr­schein­lich, so ver­mu­tet Eli­sa­beth, woll­te sie ih­rer Toch­ter da­durch auch den Kon­flikt er­spa­ren, in dem sie sich selbst be­fand. Mit 16 lern­te sie ih­ren Mann ken­nen. „Mit 17 ha­ben wir uns ver­lobt, mit 19 ge­hei­ra­tet“, er­zählt die 58-Jäh­ri­ge. Ihr Va­ter war bei der Hoch­zeit nicht da­bei. Doch Eli­sa­beth war be­ein­druckt von dem gut aus­se­hen­den, dy­na­mi­schen Mann. Lan­ge hielt die­se Fas­zi­na­ti­on an. Die zwei wur­den El­tern, führ­ten ein Le­ben in Wohl­stand. Auch ih­ren Glau­ben leb­ten sie in ei­ner star­ken Ge­mein­schaft. Doch mit den Jah­ren wur­den die Zwei­fel im­mer stär­ker und die Kon­flik­te grö­ßer. Ihr Mann be­gann ein Ver­hält­nis mit ei­ner Glau­bens­schwes­ter. Ei­ne Tod­sün­de in den Au­gen der Zeu­gen Je­ho­vas. Das Paar ver­such­te, mit­hil­fe der Ge­mein­de sei­ne Ehe zu ret­ten. In die­ser Zeit wuchs je­doch auch bei Eli­sa­beth Söh­ring in­ne­rer Wi­der­stand ge­gen ih­ren Glau­ben. „Der Mensch als In­di­vi­du­um zählt nicht. Man ist im höchs­ten Ma­ße un­frei. In sei­ner Per­sön­lich­keits­ent­wick­lung wird man mas­siv be­ein­träch­tigt.“

Es ist der Be­ginn ei­ner schwe­ren Le­bens­kri­se. „Ich konn­te das ir­gend­wann nicht mehr er­tra­gen. Ich wuss­te um den ho­hen Preis, den ich da­für zah­len muss­te. Und den­noch ging es ein­fach nicht mehr. Ich muss­te mich und mei­ne Kin­der in Sicherheit brin­gen.“2005 trat sie bei den Zeu­gen Je­ho­vas aus. „Ei­ne Zeit lang war ich rich­tig bö­se auf Gott“, er­in­nert sie sich. „Al­les, was man 45 Jah­re lang ge­lernt und ge­glaubt hat, war nichts mehr wert. Ich war nichts wert.“Sie kämpf­te lan­ge, um die­ses Bild zu wan­deln.

Heu­te hat sie sich mit Gott ver­söhnt. „Er kann nichts da­für, dass Men­schen ihn falsch in­ter­pre­tie­ren.“Trotz­dem ist sie ei­ne Sün­de­rin. Wer den Na­men Je­ho­vas ver­rät, nimmt schwe­re Schuld auf sich. So hat sie es ge­lernt. Ih­re Mut­ter darf nicht mehr mit ihr spre­chen. Sie tut es trotz­dem. Aber al­le ha­ben zu je­der Zeit das Ge­fühl, et­was Verbotenes zu tun. Der Va­ter ih­rer Kin­der hat den Kon­takt zu ih­nen ab­ge­bro­chen. So geht es al­len ab­trün­ni­gen Zeu­gen. Das ver­langt der Glau­be. Für die Be­trof­fe­nen un­mensch­lich. Für Eli­sa­beth war es ein lan­ger, har­ter Weg, sich von die­ser Bür­de zu be­frei­en.

Sie wür­de ger­ne ei­ne Selbst­hil­fe­grup­pe für Aus­stei­ger und jun­ge Zeu­gen Je­ho­vas an­bie­ten. „Vie­le Zeu­gen Je­ho­vas sind de­pres­siv, und vie­le Ju­gend­li­che füh­ren ein Dop­pel­le­ben. Sie lei­den un­ter den Zwei­feln und dem Druck“, weiß sie. Mit ih­ren Er­fah­run­gen will sie an­de­ren hel­fen, ei­nen Aus­weg zu fin­den. Denn ei­nes ist für sie si­cher: „Es gibt ein Le­ben nach den Zeu­gen Je­ho­vas.“Die Fol­gen ih­res ei­ge­nen Aus­tritts spü­ren sie und ih­re Kin­der bis heu­te. „Ich ver­su­che, es an­zu­neh­men, dass das ein Teil mei­nes Le­bens ist. Kein gu­ter Teil.“In­zwi­schen ha­ben sich al­le ge­fan­gen, aber der Weg da­hin war stei­nig. Die Nar­ben wer­den ewig blei­ben.

Wer sich mit den Zeu­gen Je­ho­vas ein­lässt, schließt ei­nen Pakt für die Ewig­keit. Wer sich ge­gen die Ge­mein­schaft stellt, be­geht Sün­de. Eli­sa­beth Söh­ring* ist aus­ge­stie­gen – und kämpft seit­dem ge­gen ein Le­ben als Aus­ge­sto­ße­ne. Fo­tos: dpa, imago/one­mo­re­pic­tu­re

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