Kiew kann kom­men

Le­vina fliegt angst­frei zum ESC

Neue Osnabrucker Zeitung - Lotte, Westerkappeln, Mettingen, Tecklenburg - - Im Gespräch - Von Sa­rah En­gel

Für Deutsch­land war der Eu­ro­vi­si­on Song Con­test zu­letzt kei­ne fröh­li­che Ver­an­stal­tung. Nach Le­nas Sieg im Jahr 2010 ging es schnell berg­ab. Ei­ne möch­te das än­dern: Le­vina tritt am 13. Mai für uns in Kiew auf. Mit ih­rem Song „Per­fect Li­fe“will sie in der ers­ten Hälf­te der Ta­bel­le lan­den. Im In­ter­view ver­rät uns die 26-Jäh­ri­ge, war­um Le­nas Sieg auch für sie ein Ge­winn war und sie nach ih­rem Kin­der­mäd­chen be­nannt wur­de.

Le­vina, wir be­gin­nen mit der ner­vigs­ten Fra­ge von al­len: In den ver­gan­ge­nen Jah­ren hat sich Deutsch­land beim Eu­ro­vi­si­on Song Con­test nicht mit Ruhm be­kle­ckert. War­um wer­den Sie vie­le Punk­te sam­meln? Mir ma­chen die letz­ten Plät­ze aus den ver­gan­ge­nen Jah­ren kei­ne Angst, ich ge­he sehr po­si­tiv und mo­ti­viert an den Auf­tritt in Kiew her­an. Selbst­ver­ständ­lich möch­te ich ei­ne Wen­de für die deut­sche Plat­zie­rung brin­gen. Mit mei­ner Stim­me brin­ge ich et­was Neu­es und an­de­res in den Wett­be­werb, was man zu­vor dort noch nicht so ge­hört hat. Au­ßer­dem ha­ben wir uns ei­ne schö­ne Show über­legt und ha­ben ei­nen gu­ten Song. „Per­fect Li­fe“hat ei­ne schö­ne Mes­sa­ge und kommt bei den Fan-Events gut an. Die Leu­te ge­hen mit, klat­schen und tan­zen. Ich hof­fe, dass die­se po­si­ti­ve Stim­mung vie­le Punk­te brin­gen wird.

Sie sind vor dem ESC durch zehn ver­schie­de­ne Län­der ge­reist. Wo hat es Ih­nen am bes­ten ge­fal­len? Ar­me­ni­en fand ich sehr toll. Die Haupt­stadt Eri­wan ist wirk­lich wun­der­schön mit hüb­schen Ge­bäu­den und ei­nem süd­län­di­schen Flair. Die Men­schen wa­ren rich­tig nett und ha­ben mich mit of­fe­nen Ar­men emp­fan­gen. Hier ha­be ich auch die ar­me­ni­sche Teil­neh­me­rin Arts­vik ken­nen­ge­lernt, mit der ich ge­mein­sam auf ei­nem FanE­vent war. Ich er­in­ne­re mich ger­ne an die­se Ta­ge zu­rück.

Sie sind ei­ne er­fah­re­ne Mu­si­ke­rin. Trotz­dem ist der ESC ei­ne Rie­sen-Num­mer. Was tun Sie ge­gen Lam­pen­fie­ber? Mo­men­tan ha­be ich so vie­le Ter­mi­ne, dass ich gar kei­ne Zeit für Lam­pen­fie­ber ha­be (lacht). Aber so­bald ich am 13. Mai auf die­ser rie­si­gen Büh­ne ste­he, wer­de ich si­cher sehr ner­vös sein. Wenn das Lam­pen­fie­ber steigt, schlie­ße ich die Au­gen, at­me tief ein und ver­ge­wis­se­re mich, war­um ich hier ste­he. Ich lie­be es, auf der Büh­ne zu ste­hen und Songs zu sin­gen. In die­sem Mo­ment kommt es dar­auf an, ganz bei sich zu sein. Dann kann nichts schief­ge­hen.

Was kön­nen Sie uns zu Ih­rer Show ver­ra­ten? Wird ei­ne Wind­ma­schi­ne Ihr Haar zer­zau­sen? (lacht laut) Ich kann lei­der noch nicht zu viel ver­ra­ten. Aber wir fo­kus­sie­ren uns bei dem Auf­tritt nicht auf ex­tra­va­gan­te Out­fits oder ei­ne gro­ße Büh­nen­show. Das Lied und der Ge­sang sol­len im Fo­kus ste­hen. Wir wol­len es sch­licht hal­ten, aber auf­re­gen­de Ak­zen­te set­zen. So hof­fen wir, dass sich die Zu­schau­er an uns er­in­nern und ganz viel für mich an­ru­fen.

Ab­seits von Ih­rem ei­ge­nen Auf­tritt: Wel­cher Lan­des­bei­trag ge­fällt Ih­nen be­son­ders gut? Blan­che aus Bel­gi­en mit dem Song „Ci­ty Lights“sagt mir sehr zu. Auch dem Por­tu­gie­sen Sal­va­dor So­bral hö­re ich ger­ne zu.

Ge­hö­ren die­se bei­den auch zu Ih­rer här­tes­ten Kon­kur­renz? Ich fin­de es im­mer sehr schwer, das ein­zu­schät­zen. Wenn wir uns auf den ESC-Events tref­fen, spü­re ich kei­ne Kon­kur­renz­ge­dan­ken un­ter­ein­an­der. Wir ver­ste­hen uns al­le sehr gut. Was die mu­si­ka­li­sche Kon­kur­renz an­geht, gibt es na­tür­lich Län­der, die mit Som­mer­hits an den Start ge­hen. Spa­ni­en, Frank­reich oder Ita­li­en kön­nen mit die­sen Lie­dern punk­ten und so zu ech­ten Kon­kur­ren­ten wer­den.

Nach dem Vor­ent­scheid ka­men sehr schnell Pla­gi­ats­vor­wür­fe zu Ih­rem Lied „Per­fect Li­fe“. Wie ha­ben Sie das auf­ge­nom­men? Na­tür­lich ist das al­les an­de­re als toll. Aber es hat mich nicht be­un­ru­higt. Ich kann ver­ste­hen, dass Men­schen Ähn­lich­kei­ten zu Da­vid Gu­et­t­as „Ti­ta­ni­um“her­aus­ge­hört ha­ben, aber „Per­fect Li­fe“ist ein kom­plett ei­gen­stän­di­ger Song. Wer auf den Text und den Ge­sang ach­tet, merkt das auch.

Das Lied ist auch auf Ih­rem Al­bum „Un­ex­pec­ted“ver­tre­ten, das En­de April er­schie­nen ist. Mit „Not­hing At All“fin­det sich da­bei auch ein Song, der ein Zei­chen ge­gen Frem­den­hass set­zen soll. Wie neh­men Sie die ak­tu­el­le De­bat­te nach der Flücht­lings­kri­se wahr? Nicht nur in Deutsch­land, son­dern auf der gan­zen Welt ist Frem­den­hass ein The­ma. Je­der Mensch soll­te, be­vor er ei­ne Pa­ro­le in die Welt ruft, sich Ge­dan­ken dar­über ma­chen, was er sagt. Man darf nicht nur zwi­schen Gut und Bö­se un­ter­schei­den, son­dern muss sich die Aspek­te da­zwi­schen an­schau­en. Je­der soll­te sich gut in­for­mie­ren und die Mei­nun­gen und The­men von bei­den Sei­ten be­trach­ten, be­vor er sich ein Ur­teil bil­det.

Sie sind in Chemnitz auf­ge­wach­sen. Ha­ben Sie Frem­den­feind­lich­keit im Os­ten Deutsch­lands deut­li­cher als in Berlin oder London ge­spürt? Na­tür­lich ist Chemnitz kei­ne in­ter­na­tio­na­le Stadt, aber star­ke Frem­den­feind­lich­keit ha­be ich dort nicht ge­spürt. Mich per­sön­lich rei­zen an­de­re Län­der und Kul­tu­ren sehr. Ich ler­ne ger­ne Men­schen aus an­de­ren Na­tio­nen ken­nen. Des­we­gen le­be ich in Berlin und London, weil ich hier die Chan­ce ha­be, ver­schie­dens­te Na­tio­na­li­tä­ten ken­nen­zu­ler­nen. Das ist sehr span­nend!

Ha­ben Sie frü­her denn re­gel­mä­ßig den ESC ge­schaut? Wie oft ich ihn als Kind ge­se­hen ha­be, kann ich gar nicht sa­gen. Aber seit Le­nas Sieg ha­be ich den ESC sehr re­gel­mä­ßig ver­folgt.

Le­na war mit ih­rem Sieg na­tür­lich her­aus­ra­gend. Wel­che deut­schen Teil­neh­mer aus der Ver­gan­gen­heit ha­ben Ih­nen noch ge­fal­len? Ro­man Lob hat mir mit „Stan­ding Still“sehr gut ge­fal­len. Wo­bei ich auch Ann So­phie und Ja­mie Lee gut fand. Ich hät­te nicht er­war­tet, dass wir mit die­sen Songs auf den hin­te­ren Plät­zen lan­den.

Ei­ne Freun­din hat Ih­nen von dem ESC-Vor­ent­scheid er­zählt. Dar­auf­hin ha­ben Sie sich be­wor­ben. Wie dank­bar sind Sie? Wenn mei­ne Freun­din mir nicht von die­ser Chan­ce er­zählt hät­te – wer weiß, ob ich dann jetzt hier sit­zen und mit Ih­nen spre­chen wür­de. Ich war zu die­ser Zeit sehr in mein Stu­di­um ver­tieft und ha­be zu­nächst nichts von dem Cas­ting zum ESC-Vor­ent­scheid mit­be­kom­men. Da­her bin ich sehr glück­lich über den Hin­weis mei­ner Freun­din und be­dan­ke mich jetzt an­dau­ernd bei ihr (lacht).

Sie stu­die­ren in London. En­g­land hat ei­ne wahn­sin­ni­ge Wett­kul­tur. Wor­auf ha­ben Sie schon mal ge­wet­tet? Ich ha­be 2010 das ers­te und ein­zi­ge Mal ge­wet­tet, und zwar auf den Sieg von Le­na beim Eu­ro­vi­si­on Song Con­test. Wir ha­ben un­ter Freun­den die Wet­te ab­ge­schlos­sen, und ich ha­be 50 Eu­ro ge­won­nen – das hat su­per ge­klappt (lacht).

Wie ste­hen Ih­re Chan­cen bei den Wett­bü­ros? Ich ha­be noch nicht nach­ge­schaut, aber an­de­re spre­chen mich dar­auf an, dass Deutsch­land von den Wett­bü­ros nicht die größ­ten Chan­cen zu­ge­spro­chen wer­den. Aber da­von las­se ich mich nicht be­ein­dru­cken.

Der ESC fin­det in die­sem Jahr in der Ukrai­ne statt. Das Land ist po­li­tisch ge­spal­ten. Mit wel­chem Ge­fühl fah­ren Sie nach Kiew? Ich fah­re mit ei­nem sehr gu­ten Ge­fühl nach Kiew. Na­tür­lich spielt der po­li­ti­sche Kon­flikt ei­ne Rol­le. Ge­ra­de des­halb soll­ten wir mit dem ESC in Kiew ein Zei­chen set­zen. Mu­sik ver­bin­det und kann Gren­zen über­win­den – das ist ei­ne schö­ne Idee des ESC. Ih­re El­tern nen­nen Sie Isa­bel­la, auf der Büh­ne hei­ßen Sie Le­vina. Wie stel­len Sie sich ak­tu­ell neu­en Leu­ten vor? Ich stel­le mich über­all als Le­vina vor. Ich nut­ze mei­nen Zweit­na­men schon sehr lan­ge für al­le mei­ne Mu­sik­pro­jek­te. Freun­de, mit de­nen ich Mu­sik ma­che, sa­gen des­halb auch Le­vina zu mir. El­tern und al­te Freun­de nen­nen mich na­tür­lich Isa­bel­la. Für mich ist das nicht ko­misch, aber die an­de­ren ver­wirrt es manch­mal, wenn über mich ge­re­det wird (lacht).

Und wie kam es zu dem be­son­de­ren Zweit­na­men? Mei­ne gro­ße Schwes­ter hat­te ein Kin­der­mäd­chen, das mit Nach­na­men Le­vi­ne hieß. Sie fand so­wohl das Kin­der­mäd­chen als auch den Nach­na­men ganz toll (lacht), und als mei­ne El­tern nach ei­nem Zweit­na­men für mich such­ten, schlug mei­ne Schwes­ter Le­vina vor. Die Ge­schich­te hört sich ver­rückt an, ist aber wirk­lich wahr.

Sie sind in ei­ner sehr mu­si­ka­li­schen Fa­mi­lie auf­ge­wach­sen. Wann ha­ben Sie das ers­te Mal mit der Haar­bürs­te vor dem Spie­gel ei­nen Song per­formt? Ich war si­cher­lich fünf oder sechs Jah­re alt. Ich fand es toll, für mei­ne El­tern Shows auf­zu­füh­ren oder im Gar­ten Lie­der zu sin­gen. Das hat mir schon im­mer gro­ßen Spaß ge­macht.

Sie ha­ben sehr früh Ge­s­angs­un­ter­richt ge­nom­men. Ha­ben Sie hier auch Lie­der Ih­rer Ido­le ge­probt? Wäh­rend mei­ner klas­si­schen Ge­s­angs­aus­bil­dung ha­be ich mich auf Ari­en fo­kus­siert und vie­le Lie­der aus Opern ge­sun­gen. Aber na­tür­lich wa­ren auch mo­der­ne Songs da­bei. In mei­ner Frei­zeit ha­be ich mich der Pop­mu­sik ge­wid­met. Micha­el Jack­son, Xa­vier Nai­doo oder Avril La­vi­g­ne fand ich su­per. Ei­ne Zeit lang bin ich tat­säch­lich wie ein Ska­ter-Mäd­chen im Stil von La­vi­g­ne auf­ge­tre­ten (lacht).

Wann stand fest, dass Sie Mu­si­ke­rin wer­den wol­len? Ich wuss­te schon als Kind, dass ich Sän­ge­rin wer­den möch­te. Frü­her fan­den das die Er­wach­se­nen süß. Aber nach dem Abitur wur­de ich schon ge­fragt, ob ich nicht ei­nen „rich­ti­gen“Be­ruf er­grei­fen will. Ich ha­be im­mer Mu­sik ge­macht, aber zwi­schen­durch auch an­de­re Sa­chen aus­pro­biert wie zum Bei­spiel ein Stu­di­um der Geo­gra­fie. Das war sehr span­nend und in­ter­es­sant. Trotz­dem ha­be ich da­nach rea­li­siert, dass mich nur die Mu­sik glück­lich macht. Mu­sik ist mein Weg, das ist mein Plan A, und das Tat­too auf mei­nem Arm er­in­nert mich dar­an.

Wann wa­ren Sie schon mal so ver­zwei­felt, dass Sie ernst­haft über Plan B nach­ge­dacht ha­ben? Ich hat­te die­sen ei­nen Mo­ment noch nie. Na­tür­lich war ich schon in Si­tua­tio­nen, die mich frus­triert ha­ben. Aber in die­sen trau­ri­gen, ver­zwei­fel­ten Mo­men­ten ha­be ich mich ans Kla­vier ge­setzt und ei­nen Song dar­über ge­schrie­ben. Das hat mich aus der Si­tua­ti­on ge­holt und ge­zeigt, dass es für mich nur die Mu­sik gibt.

Zu ei­ner trau­ri­gen Si­tua­ti­on ge­hört be­stimmt das Schei­tern Ih­rer Band „Miss Ter­ry Blue“. Da­bei ha­ben Sie mit dem sehr be­kann­ten Pro­du­zen­ten Matt La­wrence ei­ne EP pro­du­ziert. Wor­an hak­te es? Wir hat­ten da­mals lei­der kei­ne gro­ßen fi­nan­zi­el­len Mög­lich­kei­ten, um Pro­mo zu ma­chen. So ver­öf­fent­lich­ten wir zwar ei­ne CD, aber nie­mand hat sie ge­hört. Dar­auf folg­ten an­de­re Pro­ble­me: Wenn ein Pro­jekt nicht so­fort klappt, geht bei man­chen Men­schen die Mo­ti­va­ti­on ver­lo­ren. Ich ha­be ver­sucht, die Band zu­sam­men­zu­hal­ten, und war die trei­ben­de Kraft. Doch dann kam hin­zu, dass ei­ni­ge Band­mit­glie­der zu­rück in ih­re Hei­mat­län­der ge­gan­gen sind und sich un­se­re We­ge trenn­ten. In die­sem Mo­ment wuss­te ich, dass ich es al­lei­ne ver­su­chen möch­te. Trotz­dem war es ei­ne wun­der­ba­re Zeit, in der ich viel ge­lernt ha­be.

Sie pen­deln zwi­schen London und Berlin. Was lie­ben Sie an der bri­ti­schen Haupt­stadt? In London fin­det je­der, was er sucht. Die Stadt hat so vie­le un­ter­schied­li­che Fa­cet­ten, dass sich je­der Mensch sein per­fek­tes London zu­sam­men­stel­len könn­te. Ich lie­be das Mul­ti­kul­ti-Le­ben in London und die Mög­lich­keit, Men­schen aus der gan­zen Welt ken­nen­zu­ler­nen.

Und was ver­mis­sen Sie aus der Hei­mat, wenn Sie dort stu­die­ren? Wir Deut­schen sind sehr ef­fi­zi­ent or­ga­ni­siert, das ver­mis­se ich wirk­lich manch­mal (lacht). Vie­len Deut­schen ist gar nicht be­wusst, dass un­ser Or­ga­ni­sa­ti­ons­ta­lent und un­se­re Ef­fi­zi­enz tol­le Ei­gen­schaf­ten sind. Bei uns läuft al­les gut nach Plan ab, das fin­de ich gut.

Foto: Wal­ter Glöck­le

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