„Wir sind Frank­reich“

Ma­crons An­hän­ger fei­ern ih­ren Sie­ger mit fre­ne­ti­schem Ju­bel

Neue Osnabrucker Zeitung - Lotte, Westerkappeln, Mettingen, Tecklenburg - - Einblicke - Von Ka­trin Pribyl und Bir­git Hol­zer

Was noch vor we­ni­gen Mo­na­ten un­wahr­schein­lich schi­en, ist wahr ge­wor­den: Em­ma­nu­el Ma­cron ist neu­er fran­zö­si­scher Prä­si­dent. Der Platz vor dem Lou­vre in Paris ver­sank im Ju­bel­rausch.

Im Sprech­chor zäh­len sie die letz­ten Se­kun­den bis 20 Uhr noch ge­mein­sam her­un­ter, dann bricht der Ju­bel un­ter den Tau­sen­den Fans von Em­ma­nu­el Ma­cron aus, die sich vor dem Lou­vre in Paris ver­sam­melt ha­ben. „Wir ha­ben ge­won­nen“, sin­gen sie. Ei­ni­ge lie­gen sich in den Ar­men, an­de­re star­ren mit Trä­nen in den Au­gen auf die rie­si­gen Bild­schir­me ne­ben der Büh­ne, wo die Hoch­rech­nun­gen er­schei­nen: Ma­cron liegt dem­nach mit rund 65 Pro­zent klar vor der Rechts­po­pu­lis­tin Ma­ri­ne Le Pen vom Front Na­tio­nal, die nur et­wa 35 Pro­zent er­rei­chen soll­te.

Das noch vor Kur­zem Un­vor­stell­ba­re ist Wirk­lich­keit ge­wor­den: Ihr Kan­di­dat, der erst vor gut ei­nem Jahr die Be­we­gung „En Mar­che!“ge­grün­det hat, ist der neue Staats­prä­si­dent Frank­reichs.

An­hän­ger in T-Shirts mit dem Auf­druck „Ma­cron Pré­si­dent“schwenk­ten fran­zö­si­sche Flag­gen, die zu­vor ver­teilt wur­den, und wun­dern sich über die ge­rin­ge Zahl von EU-Fah­nen – aus­ge­rech­net beim pro-eu­ro­päischs­ten al­ler Kan­di­da­ten. Ei­ne Mit­ar­bei­te­rin von Ma­crons Team lie­fer­te hin­ter den Ku­lis­sen im Pres­se­zelt die sim­ple wie auch über­ra­schen­de Ant­wort: Sie wa­ren aus­ver­kauft und so kurz­fris­tig nicht mehr zu or­ga­ni­sie­ren. Der Par­ty­stim­mung scha­de­te dies nicht, ein DJ brach­te mit Po­phits die war­ten­de Men­ge zum Tan­zen.

„Wir ha­ben heu­te ge­zeigt, dass nicht Ma­ri­ne Le Pen das fran­zö­si­sche Volk re­prä­sen­tiert, son­dern wir Frank­reich sind“, sag­te der Fran­zo­se Bas­ti­an und zeigt in die Men­ge. „Chris­ten, Mus­li­me, Ju­den, Ein­wan­de­rer, Fran­zo­sen,

EU-Bür­ger – das ist die Ge­sell­schaft, die wir ver­tei­di­gen müs­sen.“

Noch be­vor die letz­ten Wahl­lo­ka­le um 20 Uhr schlos­sen, wa­ren Tau­sen­de Jour­na­lis­ten aus Frank­reich und al­ler Welt zum Platz vor dem Lou­vre ge­drängt. Vor dem Ein­gang bil­de­ten sich am Nach­mit­tag schon me­ter­lan­ge Schlan­gen, auf­grund der mas­si­ven Si­cher­heits­vor­keh­run­gen ka­men die Re­por­ter nur schritt­wei­se vor­an. Et­li­che Tou­ris­ten be­ob­ach­te­ten das Spek­ta­kel mit Han­dy­ka­me­ras

in der Hand und ei­nem Schmun­zeln im Ge­sicht. „Ich fin­de es auf­re­gend, dass wir aus­ge­rech­net jetzt in Paris sind, wo so ei­ne his­to­ri­sche Wahl statt­fin­det“, mein­te ei­ne spa­ni­sche Be­su­che­rin. Nur ein biss­chen mul­mig sei ihr an­ge­sichts der Ku­lis­se. Tat­säch­lich wa­ren den gan­zen Tag über Hun­der­te schwer be­waff­ne­te Po­li­zis­ten in der Ge­gend pos­tiert, und be­vor die Ma­cron-Fans vor die Büh­ne ge­las­sen wur­den, durch­kämm­ten Be­am­te aber­mals den Platz.

Die Wahl des Lou­vre war ei­ne stra­te­gisch ge­schick­te – das Sym­bol der Kul­tur und Ge­schich­te Frank­reichs be­fin­det sich im Her­zen der fran­zö­si­schen Haupt­stadt, wäh­rend die An­hän­ger des Kon­ser­va­ti­ven Ni­co­las Sar­ko­zy bei des­sen Sieg vor zehn Jah­ren auf dem Platz der Con­cor­de in ei­nem schi­cken Vier­tel im Pa­ri­ser Wes­ten fei­er­ten und je­ne von François Hol­lan­de vor fünf Jah­ren auf dem Bas­til­le-Platz.

Der Noch-Prä­si­dent war auch ei­ner der Ers­ten, die Ma­cron te­le­fo­nisch gra­tu­lier­ten. „Sein gro­ßer Sieg be­stä­tigt, dass ei­ne sehr gro­ße Mehr­heit un­se­rer Mit­bür­ger sich um die Wer­te der Re­pu­blik und ih­re Ver­bun­den­heit zur Eu­ro­päi­schen Uni­on so­wie der Of­fen­heit Frank­reichs ge­gen­über der Welt ver­ei­nen woll­te“, er­klär­te Hol­lan­de.

Der­weil herrsch­te ei­si­ge Stil­le bei der Ver­samm­lung des Front Na­tio­nal na­he dem Bois de Vin­cen­nes im Süd­os­ten von Paris. Fast die Hälf­te der 1000 Gäs­te be­stand aus Me­di­en­ver­tre­tern.

Ma­ri­ne Le Pen wirk­te kühl und ernst, ih­re An­spra­che fiel eben­so kurz aus wie der Glück­wunsch an ih­ren Ri­va­len. Weil ihr die Zu­kunft des Lan­des wich­tig sei, wün­sche sie Ma­cron zwar Er­folg. Aber zugleich ver­sprach sie ei­ne „tie­fe Trans­for­ma­ti­on“der Par­tei und zeig­te Kampf­geist: „Durch die­ses his­to­ri­sche und mas­si­ve Er­geb­nis ha­ben die Fran­zo­sen aus der Al­li­anz der Pa­trio­ten die ers­te Op­po­si­ti­ons­kraft ge­gen das Pro­jekt von Herrn Ma­cron ge­macht.“Tat­säch­lich ist die Nie­der­la­ge im zwei­ten Wahl­gang zugleich ein Tri­umph für den Front Na­tio­nal, der mehr als elf Mil­lio­nen Wäh­ler hin­ter sich sam­meln konn­te – ein Re­kord.

Viel­sa­gend er­scheint auch die ho­he Zahl der un­gül­ti­gen Wahl­zet­tel („Vo­te blanc“) von knapp neun Pro­zent so­wie der Stimm­ent­hal­tung von mehr als 25 Pro­zent. Seit 1969 be­tei­lig­ten sich nicht mehr so we­ni­ge Fran­zo­sen an ei­ner Prä­si­dent­schafts­wahl. Das dürf­te nicht nur dar­an lie­gen, dass an die­sem Mon­tag Fei­er­tag ist und vie­le für ein lan­ges Wo­che­n­en­de ver­reis­ten. Vor al­lem ent­täusch­te An­hän­ger des Link­s­po­pu­lis­ten Je­an-Luc Mé­len­chon blie­ben wohl den Ur­nen fern. An­ders als die meis­ten an­de­ren Kan­di­da­ten hat­te Mé­len­chon dar­auf ver­zich­tet, zur Wahl Ma­crons auf­zu­ru­fen, um ein ho­hes Er­geb­nis für den Front Na­tio­nal zu ver­hin­dern. Und doch be­ton­ten et­li­che Wäh­ler Ma­crons ges­tern, für sie ha­be im Vor­der­grund ge­stan­den, Le Pen zu ver­hin­dern.

Fo­to: AFP

Ju­bel un­ter den Tri­co­lo­re-Flag­gen: An­hän­ger von Em­ma­nu­el Ma­cron fei­ern vor dem Lou­vre in Paris den Sieg des Mit­te-links-Kan­di­da­ten.

Ent­täusch­te Ver­lie­re­rin: Am Sonn­tag­abend muss Ma­ri­ne Le Pen vor An­hän­gern in Paris ih­re Wahl­nie­der­la­ge ein­ge­ste­hen.

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Zeit für ein Sel­fie nimmt sich der schei­den­de Prä­si­dent François Hol­lan­de, nach­dem er sei­ne Stim­me in Tul­le ab­ge­ge­ben hat.

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Mit er­ho­be­ner Faust lässt sich ei­ne Fe­menDe­mons­tran­tin von der Po­li­zei in der Stadt He­nin-Beau­mont fest­neh­men.

Fo­to: AFP

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