Re­vo­lu­ti­on kommt still und heim­lich

Ers­te E-Mail er­reicht am 3. Au­gust 1984 Deutsch­land – Fluch und Se­gen zugleich

Neue Osnabrucker Zeitung - Lotte, Westerkappeln, Mettingen, Tecklenburg - - Politik -

Die­se tech­ni­sche Re­vo­lu­ti­on kommt still und lei­se in das Land der Dich­ter und Den­ker: Am 3. Au­gust 1984 emp­fängt Micha­el Ro­tert von der Uni­ver­si­tät Karls­ru­he die deutsch­land­weit ers­te E-Mail.

Von Bert­hold Ha­mel­mann

Es war die Bot­schaft ei­ner ame­ri­ka­ni­schen Kol­le­gin, die den Deut­schen un­ter der Adres­se ro­tert@ger­ma­ny in ei­nem in­ter­na­tio­na­len Kom­mu­ni­ka­ti­ons­netz­werk für Wis­sen­schaft­ler be­grüß­te.

Be­stand­teil die­ser Nach­richt war das „At“-Zei­chen, das heu­te wie selbst­ver­ständ­li­che @-Sym­bol, die­ser grund­le­gen­de Be­stand­teil ei­ner je­den E-Mail-Adres­se. Es steht zwi­schen Be­nut­zer­na­me und Do­main, wur­de 1971 erst­mals in den USA ge­nutzt und muss sich hier­zu­lan­de schon mal den eher ver­ächt­li­chen Be­griff „Klam­meraf­fe“ge­fal­len las­sen.

Mit dem Sie­ges­zug des In­ter­nets in den Neun­zi­ger­jah­ren und dem Auf­kom­men der ers­ten Web-Mail-An­bie­ter war es für je­der­mann auch in Deutsch­land ein Leich­tes, sich ei­ne ei­ge­ne EMail-Adres­se zu­zu­le­gen. Ein un­ge­ahn­ter Boom nahm sei­nen An­fang.

Die­ser Sie­ges­zug der in­zwi­schen schon oft tot­ge­sag­ten elek­tro­ni­schen Post hält im­mer noch an. Fluch oder Se­gen, die Be­wer­tun­gen fal­len bis­wei­len ex­trem un­ter­schied­lich aus. Vor­bo­te ei­ner ge­sell­schaft­li­chen und tech­no­lo­gi­schen Ve­rän­de­rung: In­ter­net-Pio­nier Micha­el Ro­tert hat sie noch ge­spei­chert: die ers­te E-Mail, die Deutsch­land je er­reich­te.

Laut ARD/ZDF-On­li­ne­stu­die 2016 sen­den und emp­fan­gen in Deutsch­land 45 Pro­zent der Be­völ­ke­rung täg­lich E-Mails, ein Wahn­sinns­wert. Für 2017 pro­gnos­ti­zie­ren Fach­leu­te von sta­tis­ta al­lein in Deutsch­land ein Auf­kom­men von 732,2 Mil­li­ar­den ver­sen­de­ter Mails – und das ganz oh­ne Spam, wie der un­er­wünsch­te elek­tro­ni­sche Ab­fall be­zeich­net wird.

Die un­ge­bro­che­ne Ak­zep­tanz der E-Mail liegt in der kin­der­leich­ten Hand­ha­bung und den um­fang­rei­chen Nut­zungs­mög­lich­kei­ten. Text­nach­rich­ten, Fo­tos oder di­gi­ta­le Do­ku­men­te je­der Art wer­den in Se­kun­den in je­den Teil der Welt ge­schickt. Und das kos­ten­güns­ti­ger als durch die Brief­post, wo­bei sich am Über­mitt­lungs­prin­zip nichts ge­än­dert hat: Auf der ei­nen Sei­te gibt es den

(Ab-)Sender, auf der an­de­ren den Emp­fän­ger. An­ders als beim Te­le­fo­nie­ren kom­mu­ni­ziert man aber nicht gleich­zei­tig mit­ein­an­der. Und ab­so­lu­te Si­cher­heit, dass die Mail nach dem Ab­schi­cken auch an­kommt, gibt es nicht – wie beim nor­ma­len Brief.

Doch die Mög­lich­kei­ten der E-Mail, die als ei­nes der wich­tigs­ten Kom­mu­ni­ka­ti­ons­mit­tel der heu­ti­gen Zeit gilt, ha­ben den All­tag zum Teil fast un­merk­lich ver­än­dert, wie ein Bei­spiel be­legt: Es gibt kaum ein grö­ße­res Un­ter­neh­men, das noch Be­wer­bungs­un­ter­la­gen per Post ent­ge­gen­nimmt. Vor­bei sind die Zei­ten, als Kaf­fee­fle­cken auf den Un­ter­la­gen oder Sei­ten mit Esels­oh­ren ein Aus­schluss­kri­te­ri­um dar­stell­ten.

Ein Groß­teil der pro­fes­sio­nel­len Kom­mu­ni­ka­ti­on fin­det di­gi­tal statt. Face­book, Whatsapp und an­de­re Mes­sen­ger-Di­ens­te schaff­ten es bis­lang nicht, die E-Mail un­ter­zu­krie­gen. Das spricht auch für die hö­her ein­ge­schätz­te Se­rio­si­tät der elek­tro­ni­schen Post.

Das E-Mail-Auf­kom­men al­lein in Deutsch­land be­trug im ver­gan­ge­nen Jahr 625,8 Mil­li­ar­den. Aber wo viel Licht ist, gibt es auch viel Schat­ten: Cy­ber­kri­mi­nel­le ma­chen sich längst die neu­en Mög­lich­kei­ten zu ei­gen. Bran­chen­ken­ner ge­hen da­von aus, dass mehr als 13 Pro­zent al­ler Spam-Mails (die ers­ten tauch­ten An­fang der 1990er-Jah­re auf) mit Sch­ad­da­tei­en im An­hang Deutsch­land über­flu­ten. Der Scha­den, über den kaum ein Un­ter­neh­men ger­ne spricht, ist enorm.

Wild­wuchs herrscht bei der Schreib­wei­se. Die or­tho­gra­fi­sche Fan­ta­sie kennt bei der Kurz­form von „Elec­tro­nic Mail“kaum Gren­zen: eMail, E-Mail, EMail, email – der Du­den hat sich auf EMail fest­ge­legt. Und mit Email­le hat das al­les nichts zu tun: Das bleibt ein Schmelz­über­zug auf Glaso­der Me­tall­flä­chen.

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