„Ge­schich­te ei­nes Schei­terns“

Star­ker Auf­tritt für Ben­ja­min Sad­ler im ZDF-Film „Der Gut­ach­ter“

Neue Osnabrucker Zeitung - Lotte, Westerkappeln, Mettingen, Tecklenburg - - Medien / Fernsehen - Von Marie-Lui­se Braun Mehr Kri­ti­ken und Hin­ter­grün­de zum TV-Pro­gramm le­sen Sie auf noz.de/me­di­en

Frei­las­sen oder weg­sper­ren? In sei­nem neu­en Film schlüpft Ben­ja­min Sad­ler in die Rol­le ei­nes fo­ren­si­schen Psych­ia­ters. Der muss sich die Fra­ge stel­len, ob er mit sei­nem Gut­ach­ten über ei­nen psy­chisch kran­ken Mann da­ne­ben­ge­le­gen hat und des­halb Mit­schuld an ei­nem Mord trägt.

OS­NA­BRÜCK. Mord? Ach so. Es ge­sche­hen so­gar zwei. Im Fo­kus ste­hen die aber nicht. Viel­mehr neh­men sich Jo­chen Bit­zer als Dreh­buch­au­tor und Re­gis­seu­rin Christiane Baltha­sar Zeit, die Ge­schich­te der Fi­gu­ren zu er­zäh­len. Al­len vor­an die von Dr. Ro­bert Sied­ler (Ben­ja­min Sad­ler). Sei­ne täg­li­che Ar­beit dreht sich dar­um, psy­chisch kran­ke Straf­tä­ter zu be­han­deln und zu be­gut­ach­ten, um de­ren Un­ter­brin­gung durch ei­nen Rich­ter fest­le­gen zu las­sen.

Mord nach Frei­las­sung

Al­lem An­schein nach macht Ro­bert Sied­ler sei­nen Job gut. Er wirkt zu­ge­wandt und hält zugleich Dis­tanz. Er lockt sein Ge­gen­über aus sich her­aus, wenn es sich in ver­trau­ens­wür­di­ger Um­ge­bung wähnt, um ihm auf den Zahn zu füh­len. Aber Sied­ler wird auch im pri­va­ten Um­feld mit sei­ner Frau Kath­rin (Jas­min Ge­rat), die hoch­schwan­ger ist, ge­zeigt.

Im­mer wie­der wech­selt der Film zwi­schen den Fi­gu­ren. Aber kurz be­vor sich der Zu­schau­er fra­gen könn­te, was das al­les soll und wann

es end­lich rich­tig los­geht, fi­xiert sich die Ka­me­ra auf Fried­helm Knecht (Micha­el Grimm). Der psy­chisch auf­fäl­li­ge Ex-Al­ko­ho­li­ker soll nach lan­ger Zeit in der Ver­wah­rung frei­ge­las­sen wer­den. Sied­lers Gut­ach­ten ist da­für die Ba­sis.

Doch kaum ist Knecht auf frei­em Fuß, wird ei­ne Frau in ei­nem Park um­ge­bracht. In genau dem Park, in dem Fried­helm Knecht kurz zu­vor im Voll­rausch auf die Wie­se ge­fal­len und ein­ge­schla­fen ist. Und es ist die Frau, mit der er sich hef­tig ge­strit­ten hat­te.

„Ei­gent­lich ist es die Ge­schich­te ei­nes gro­ßen Schei­terns“, sagt Ben­ja­min Sad­ler im Ge­spräch mit un­se­rer Re­dak­ti­on. Er sei die Aus­ein­an­der­set­zung mit der Fra­ge, was pas­siert, wenn ein Feld zu­sam­men­bricht, in dem ein Mensch sich zu­vor noch si­cher

be­wegt hat: „Es ist ein Aus­schnitt aus ei­nem Le­ben, das ja wei­ter­geht.“

Da­durch wirkt der Film, als ob er der Auf­takt ei­ner Se­rie sein könn­te. Das stim­me, meint auch Sad­ler, aber: „Dar­über den­ke ich nicht nach. Ge­macht ist er als Ein­zel­stück“, be­tont der Schau­spie­ler. Will der Film denn ei­nen Bei­trag leis­ten zur öf­fent­li­chen Dis­kus­si­on über den Um­gang mit psy­chisch auf­fäl­li­gen Straf­tä­tern? „Das The­ma ist na­tür­lich Be­stand­teil der Fi­gu­ren, und sie set­zen sich des­halb auch da­mit aus­ein­an­der“, sagt Sad­ler. Ei­ne wis­sen­schaft­li­che Ab­hand­lung sol­le der Film aber nicht sein.

Zu­mal: Er kon­zen­triert sich nicht nur auf den Fall, in dem Sied­ler mit sei­nem Gut­ach­ten da­ne­ben­liegt. Er dreht sich auch um die jun­ge Re­bek­ka (Jo­han­na Pol­ley),

die nach ei­nem Mord von Sied­ler be­gut­ach­tet wird – und aus der er mit Fin­ger­spit­zen­ge­fühl die Wahr­heit her­aus­lockt. Schwarz-weiß malt „Der Gut­ach­ter“al­so nicht. „Er in­ter­es­siert sich sehr für die Fi­gu­ren und die Ab­läu­fe“, meint Sad­ler, ne­ben dem auch Hanns Zisch­ler mit­spielt. Wer sich auf das Tem­po ein­lässt, wird ei­nen in­ter­es­san­ten Ge­gen­pol zu dem sonst über­wie­gend ho­hen Puls, den zu­meist schnel­len Schnit­ten von Fern­seh­fil­men se­hen.

Die 90 Mi­nu­ten schwim­men be­stän­dig ge­gen den Strom, zu­mal der Film kei­nem Gen­re so recht zu­zu­ord­nen ist. Trotz der Mor­de ist er bei Wei­tem kein Kri­mi. Es ist gut er­zähl­ter Stoff – mit we­ni­gen Län­gen und Lü­cken – der zum Nach­den­ken dar­über an­regt, wie heu­te mit Men­schen ver­fah­ren wird, die all­zu schnell in ei­ner öf­fent­lich ein­seh­ba­ren Schub­la­de ste­cken. Da­zu ge­hört auch Ro­bert Sied­ler, dem nicht nur durch die Me­di­en, son­dern vor al­lem vom Mann der Er­mor­de­ten die Schuld an de­ren Tod ge­ge­ben wird.

Ben­ja­min Sad­ler zeigt in die­sem Film ei­ne wei­te­re Fa­cet­te sei­nes Kön­nens, das er be­reits in Fil­men wie „Lu­ther“an der Sei­te von Sir Pe­ter Us­ti­nov und Joseph Fi­en­nes, als Al­fried Krupp in „Die Krupps – ei­ne deut­sche Fa­mi­lie“oder in „Con­ter­gan“als Va­ter ei­nes be­hin­der­ten Mäd­chens be­wie­sen hat.

Der Gut­ach­ter – ein Mord zu viel. ZDF, Mon­tag, 8. Mai, 20.15 Uhr.

Als fo­ren­si­scher Psych­ia­ter ar­bei­tet Dr. Ro­bert Sied­ler (Ben­ja­min Sad­ler). Fo­to: ZDF/Han­nes Hu­bach

Newspapers in German

Newspapers from Germany

© PressReader. All rights reserved.