Mit Stolz und Scham

„Haus der Eu­ro­päi­schen Ge­schich­te“in Brüs­sel zeigt auf sie­ben Eta­gen die Ent­wick­lung des Kon­ti­nents

Neue Osnabrucker Zeitung - Lotte, Westerkappeln, Mettingen, Tecklenburg - - Kultur - Von Det­lef Dre­wes

In Brüs­sel hat am Wo­che­n­en­de das „Haus der Eu­ro­päi­schen Ge­schich­te“sei­ne To­re für Be­su­cher ge­öff­net. Dort wer­den wich­ti­ge Er­eig­nis­se aus mehr als 200 Jah­ren eu­ro­päi­scher Ge­schich­te ge­zeigt – von der Fran­zö­si­schen Re­vo­lu­ti­on im Jahr 1789 bis zur Ge­gen­wart.

Der Bo­gen ist weit ge­spannt. Im ers­ten Stock wur­de ein eu­ro­päi­scher Früh­stücks­tisch ge­deckt – mit Knä­cke­brot aus Dä­ne­mark, Crois­sants aus Frank­reich und Kä­se aus den Nie­der­lan­den. Zwei Stock­wer­ke dar­über bom­ben deut­sche und al­li­ier­te Flie­ger auf ei­ner über­di­men­sio­na­len Vi­deo-Lein­wand in End­los­schlei­fe Eu­ro­pa in Schutt und Asche: Es ist das Haus der eu­ro­päi­schen Ge­schich­te, das mit Stolz und Scham auf den lan­gen Weg zur Ge­mein­schaft zu­rück­blickt. Am Don­ners­tag wur­de der 55 Mil­lio­nen Eu­ro teu­re Bau er­öff­net, seit dem Wo­che­n­en­de ist er auch für Be­su­cher zu­gäng­lich. Di­rekt ne­ben dem Par­la­ment, in dem die Ver­tre­ter der 28 Mit­glied­staa­ten über Kli­ma­schutz und den Mut­ter­schutz strei­ten.

Pöt­te­rings Idee

„Die Idee Eu­ro­pa muss ei­ne Qu­el­le des so­li­da­ri­schen Zu­sam­men­halts und des Zu­sam­men­wach­sens in Eu­ro­pa sein. Da­zu muss sie er­zählt wer­den.“Der Mann, der die­se Wor­te bei der fei­er­li­chen Er­öff­nung sprach, war von 2007 bis 2009 Prä­si­dent des Eu­ro­päi­schen Par­la­ments: Hans-Gert Pöt­te­ring, 71 Jah­re alt, CDU-Po­li­ti­ker, Chef der Kon­rad-Ade­nau­er-Stif­tung. Als er sein Amt vor zehn Jah­ren an­trat, prä­sen­tier­te er

die Idee zu die­sem Mu­se­um, an­ge­spornt von der Be­liebt­heit ei­nes gleich­ar­ti­gen Na­tio­nal­mu­se­ums in Bonn zur deut­schen Ge­schich­te.

Ein pas­sen­des Ge­bäu­de war schnell ge­fun­den: der so­ge­nann­te East­man-Bau, ei­ne von dem spä­te­ren Be­grün­der der Fir­ma Ko­dak, Ge­or­ge East­man, im Jahr 1935 er­öff­ne­te Zahn­kli­nik. Sie liegt im Parc Leo­pold ne­ben dem Brüs­se­ler Par­la­ments­ge­bäu­de,

ein Klein­od vol­ler Art­dé­co-Vil­len, von dem es heißt, er sei zu Be­ginn des 20. Jahr­hun­derts so et­was wie das Si­li­con Val­ley des an­bre­chen­den In­dus­trie-Zeit­al­ters ge­we­sen. Hier forsch­ten und ar­bei­te­ten die Stars der da­ma­li­gen Wis­sen­schaft wie Marie Cu­rie, Al­bert Ein­stein oder der fran­zö­si­sche Phy­si­ker Paul Lon­ge­vin.

Fünf Jah­re lang bau­ten ein­hei­mi­sche Un­ter­neh­men

das Haus nach den Vor­ga­ben bel­gi­scher, fran­zö­si­scher und deut­scher Ar­chi­tek­ten um. Was nun steht, ist ei­ne 4000 Qua­drat­me­ter um­fas­sen­de Dau­er­aus­stel­lung, die durch wech­seln­de Schau­en auf rund 800 Qua­drat­me­tern er­gänzt wird. Ein in­ter­na­tio­na­les Team von Fach­leu­ten und Mu­se­ums­päd­ago­gen war be­ra­tend tä­tig. Ent­stan­den ist der bit­te­re Rück­blick in „ei­ne Ge­schich­te

vol­ler Tra­gö­di­en“(Pöt­te­ring), aber eben auch der ein­zig­ar­ti­ge Neu­auf­bruch.

„Das his­to­risch Neue an der eu­ro­päi­schen Ei­ni­gung ist: Sie grün­det sich auf dem Recht. Das Recht hat die Macht, und nicht die Macht dik­tiert das Recht.“Es ist ein be­klem­men­der Weg, der sich lohnt. Er be­ginnt in der Früh­zeit der In­dus­tria­li­sie­rung, in der so­zia­le Rech­te völ­li­ges Neu­land wa­ren. Aus­beu­tung, Ar­mut, Kin­der­ar­beit – sie ste­hen am An­fang. Wer durch die Er­in­ne­rungs­stü­cke des Ers­ten und Zwei­ten Welt­kriegs wei­ter­geht, wer an der Ori­gi­nalZapf­säu­le der Fir­ma To­tal (sie er­in­nert an die Ener­gie­kri­se der Sieb­zi­ger­jah­re) vor­bei in den obers­ten Stock ge­langt, steht vor ei­nem ge­wal­ti­gen Do­ku­ment – ein sie­ben Me­ter lan­ges, auf­ge­schla­ge­nes Buch, das den Schatz der eu­ro­päi­schen Ver­ein­ba­run­gen ent­hält. Ob Bin­nen­markt, Ar­beits- oder Ver­brau­cher­schutz – an­schau­lich wird dem Be­su­cher na­he­ge­bracht, wie viel die­se Uni­on in­zwi­schen ge­schaf­fen hat.

Frie­dens­no­bel­preis

Gleich ne­ben­an in ei­ner Glas-Vi­tri­ne hängt die An­er­ken­nung all des­sen: die Ur­kun­de des nor­we­gi­schen No­bel­preis-Ko­mi­tees, das der EU 2012 den Frie­dens­no­bel­preis ver­lieh. „In­for­mel­les Ler­nen“nen­nen die Mu­se­ums­päd­ago­gen die di­ver­sen Stil­mit­tel zum Mit­ma­chen – vor al­lem für jun­ge Be­su­cher. Mit­mach­pa­ke­te für Kin­der, Fa­mi­li­en­ruck­sä­cke, de­ren In­hal­te das Ge­spräch von El­tern mit ih­rem Nach­wuchs an­kur­beln sol­len – sol­che In­stru­men­te hält man in Brüs­sel be­reit. Und auch noch ei­nen Tipp: Das Haus der eu­ro­päi­schen Ge­schich­te ver­steht sich als Er­gän­zung zum un­weit ge­le­ge­nen „Par­la­men­ta­ri­um“, ei­nem eben­falls in­ter­ak­ti­ven Mu­se­um über die Ge­schich­te des EU-Par­la­men­tes im 20. und 21. Jahr­hun­dert.

Der Be­such des Mu­se­ums ist eben­so wie die Nut­zung von ab­schließ­ba­ren Fä­chern kos­ten­los. Be­su­cher kön­nen ein Ta­blet für ih­ren Rund­gang mit wei­ter­füh­ren­den In­for­ma­tio­nen in 24 Spra­chen be­kom­men. In­ter­net: www.his­to­ria-eu­ro­pa-ep.eu

Auch die Früh­stücks­ge­wohn­hei­ten der Eu­ro­pä­er sind ein The­ma im „Haus der Eu­ro­päi­schen Ge­schich­te“in Brüs­sel. Fo­to: EP

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