32 Jah­re im 24-St­un­den-Di­enst

Dr. Ernst Kuhn schließt sei­ne Pra­xis – Nach­fol­ger­su­che blieb er­folg­los

Neue Osnabrucker Zeitung - Lotte, Westerkappeln, Mettingen, Tecklenburg - - Region - Von Wer­ner Bart­hel Mehr aus Ha­gen le­sen Sie auf noz.de/ha­gen.

Or­ga­ni­siert, struk­tu­riert und dis­zi­pli­niert bis zum Schluss: In ei­nem Brief teilt Dr. Ernst Kuhn sei­nen Pa­ti­en­ten mit, dass er En­de Ju­ni sei­ne Haus­arzt­pra­xis in Ha­gen schließt. Die Su­che nach ei­nem Nach­fol­ger blieb er­folg­los.

Bis zum En­de bleibt Dr. Ernst Kuhn sei­nen Pa­ti­en­ten ver­bun­den. So be­ginnt er sei­nen Brief mit den Wor­ten: „Al­les Hof­fen und Ban­gen, al­les Kämp­fen und Be­mü­hen hat nicht ge­fruch­tet. Ein Nach­fol­ger der Pra­xis ist nicht zu fin­den.“Und es liegt nicht am Preis für sein An­we­sen: Er hät­te die Pra­xis auch kos­ten­los über­ge­ben. Nein, es hängt in ers­ter Li­nie mit der „nicht vor­han­de­nen Be­reit­schaft zu­sam­men, Lan­d­arzt zu sein“. Das Al­ter for­dert sei­nen Tri­but. Dr. Kuhn wird in die­sem Jahr 70. „Es blu­tet mir das Herz, Sie al­le ge­hen zu las­sen“, schreibt er sei­nen Pa­ti­en­ten, „und ich wer­de Sie ver­mis­sen.“Aber auch das ist ihm wich­tig: Kar­tei­kar­ten und Un­ter­la­gen mö­gen bis zum En­de des Quar­tals ab­ge­holt wer­den.

14 Jah­re lang leb­te er mit El­tern und Ge­schwis­tern im thü­rin­gi­schen Hei­li­gen­stadt in der ehe­ma­li­gen DDR. 1961 weil­te er zu­fäl­lig mit sei­ner Mut­ter an­läss­lich ei­nes Ver­wand­ten­be­suchs in Werlte im Ems­land, als der Mau­er­bau die Tei­lung Deutsch­lands end­gül­tig mach­te. Die­ser schick­sal­haf­te Tag und sei­ne Fol­gen soll­ten sein Le­ben grund­le­gend ver­än­dern: „Letzt­end­lich bin ich dann durch star­ken Ein­fluss der Ver­wandt­schaft ‚im Wes­ten ge­blie­ben wor­den‘ .“Ei­ne neue Fa­mi­lie fand sich im Kreis der Ver­wandt­schaft.

Sei­ne Pfle­ge­el­tern sorg­ten gleich für kla­re Ver­hält­nis­se: „Du bist jetzt al­lein ver­ant­wort­lich“, schärf­te sein Pfle­ge­va­ter ihm im­mer wie­der ein, „fort­an musst du dei­nen Weg fin­den. Und du musst ihn al­lein ge­hen.“So, kaum der Kind­heit ent­wach­sen, wur­den ihm gleich die Las­ten ei­nes Er­wach­se­nen auf­ge­bür­det. Doch mit Struk­tur und Dis­zi­plin ab­sol­vier­te er Abitur und Me­di­zin­stu­di­um. „Die Uni­ver­si­täts­stadt Göt­tin­gen war be­wusst ge­wählt“, sagt er, dort war ich mei­ner Fa­mi­lie und mei­nen Freun­den ja ge­fühls­mä­ßig am nächs­ten.“Oh­ne sie al­ler­dings lan­ge Jah­re se­hen zu dür­fen.

Das zwei­te in die­sem Zu­sam­men­hang wich­ti­ge Er­eig­nis traf ihn mit al­ler Wucht, als er be­reits Arzt im Ma­ri­en­hos­pi­tal war und mitt­ler­wei­le zehn Jah­re in vie­len Ab­tei­lun­gen zu­ge­bracht hat­te. „Als 1989 die Mau­er fiel, saß ich vor dem Fern­se­her und heul­te wie ein Schloss­hund.“End­lich durf­te er wie­der in die Hei­mat rei­sen und El­tern und Freun­de in die Ar­me schlie­ßen.

Zum 1. Ju­li 1985 über­nahm er die Pra­xis von Dr. For­nol in Gel­len­beck. Als zu­ge­las­se­ner In­ter­nist er­wei­ter­te er als Ers­tes sei­ne Hand­lungs­mög­lich­kei­ten. „Das Rönt­gen­ge­rät zum Bei­spiel er­laub­te mir fort­an al­le Un­ter­su­chun­gen der in­ne­ren Or­ga­ne.“Um die Jahr­tau­send­wen­de än­der­te sich sei­ne be­ruf­li­che Si­tua­ti­on. Auf­grund po­li­ti­scher Ent­schei­dun­gen stand er vor der Fra­ge, ob er als In­ter­nist wei­ter­ma­chen oder sich auf die Lan­d­arzt­pra­xis kon­zen­trie­ren soll­te. „Bei­des ging nicht mehr.“Zum Glück für sei­ne ins­ge­samt 11 000 Pa­ti­en­ten ent­schied er sich für Letz­te­res. Er stell­te sich auf die neu­en Ge­ge­ben­hei­ten ein, be­treu­te sei­ne Pa­ti­en­ten bei al­len Krank­hei­ten, über­wies sie an Kran­ken­häu­ser und be­such­te sie bei Be­darf rund um die Uhr zu Hau­se.

Die­ser 24-St­un­den-Di­enst hin­ter­ließ Spu­ren. Vor et­wa zwei Jah­ren fass­te er den Ent­schluss, dass mit sei­nem 70. Le­bens­jahr Schluss sein soll­te. Seit­dem be­müht er sich um ei­nen Nach­fol­ger. Bis­lang ver­geb­lich. Über sei­ne Zeit als Haus­arzt sagt er: „Ich kann mir kei­nen Be­ruf vor­stel­len, der ei­nem Men­schen so viel ab­ver­langt, aber gleich­zei­tig so viel zu­rück­gibt.“Voll des Lo­bes spricht er von sei­nen Mit­ar­bei­te­rin­nen, die 32 Jah­re an sei­ner Sei­te stan­den: „Wir wa­ren ein Team, bei dem je­der sich auf den an­de­ren ver­las­sen konn­te.“Sei­ner Frau macht er das größ­te Kom­pli­ment: „Die­se Ar­beit war nur in ei­ner ver­trau­ens­vol­len Part­ner­schaft zu schul­tern.“Künf­tig wird er wie­der mehr Zeit für sei­ne Hob­bys ha­ben. Im­mer wie­der zieht es ihn per Mou­tain­bike oder als flot­ter Wan­de­rer in den Teu­to­bur­ger Wald. Auch in der Uni Os­na­brück möch­te er sich ein­schrei­ben las­sen, um ei­ni­ge der Vor­le­sun­gen zu hö­ren, die für Se­nio­ren an­ge­bo­ten wer­den. Nicht zu­letzt freut er sich auf Haus und Gar­ten in Os­na­brück: „Da ich mit zwei rech­ten Hän­den ge­seg­net bin, wer­de ich in mei­ner neu­en Um­ge­bung al­les selbst ge­stal­ten, so wie ich es 32 Jah­re lang in Gel­len­beck in Haus und Gar­ten ge­tan ha­be.“

Zum En­de des Quar­tals wird Dr. Ernst Kuhn sei­ne Haus­arzt­pra­xis in Gel­len­beck schlie­ßen. Fo­to: Wer­ner Bart­hel

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