Mit Bil­dern ge­gen mo­der­ne Tier­hal­tung

Heim­li­che Auf­nah­men in Stäl­len: Tier­rechts­ak­ti­vist for­dert ra­di­ka­le Ab­kehr – „Nicht re­for­mie­ren, son­dern ab­schaf­fen“

Neue Osnabrucker Zeitung - Lotte, Westerkappeln, Mettingen, Tecklenburg - - Nordwest - Von Dirk Fis­ser

Ein ve­ga­nes Ca­fé, wir tref­fen uns mit ei­nem Tier­rechts­ak­ti­vis­ten, der heim­lich in Stäl­len filmt. Ein Mil­lio­nen­pu­bli­kum sieht sei­ne Bil­der im Fern­se­hen. Un­se­re Re­dak­ti­on kennt sei­nen Na­men, er möch­te im Fol­gen­den an­onym blei­ben – auch, weil er To­des­dro­hun­gen er­hal­ten hat.

Was stört Sie an der Tier­hal­tung?

Dass es sie über­haupt gibt! Tie­re sind füh­len­de Le­be­we­sen, die ähn­li­che Grund­rech­te zu­ge­spro­chen be­kom­men soll­ten wie uns Men­schen. Das schließt kör­per­li­che Un­ver­sehrt­heit mit ein – und da­mit ei­ne Schlach­tung aus. Na­tür­li­che Be­dürf­nis­se von Tie­ren kön­nen in Stäl­len nicht ab­ge­deckt wer­den. Mit un­se­ren Bil­dern wol­len wir die Ge­sell­schaft zum Nach­den­ken dar­über an­re­gen, ob wir Tie­re hal­ten soll­ten, um sie zu es­sen. Da­zu muss man sich un­an­ge­kün­digt ein Bild vor Ort im Stall ma­chen und re­cher­chie­ren.

Sie nen­nen Ihr Vor­ge­hen re­cher­chie­ren, Land­wir­te nen­nen das Ein­bre­chen oder Haus­frie­dens­bruch… Die Stall­tü­ren ste­hen of­fen. Ju­ris­tisch ge­se­hen ist das si­cher­lich ei­ne Grau­zo­ne, in der wir uns be­we­gen. Aber: Ich ma­che das jetzt seit sechs Jah­ren und bin in der Zeit 16-mal we­gen Haus­frie­dens­bruchs an­ge­zeigt wor­den. Die Ver­fah­ren sind al­le­samt ein­ge­stellt wor­den.

Vie­le Land­wir­te be­mü­hen sich um Trans­pa­renz. Sie in­stal­lie­ren bei­spiels­wei­se selbst Ka­me­ras in ih­ren Stäl­len. Oder ver­bes­sern die Hal­tungs­be­din­gun­gen. Aber Ih­nen kön­nen sie es nicht recht ma­chen, oder? Wir sind kom­plett ge­gen ei­ne so­ge­nann­te Nutz­tier­hal­tung, weil wir nicht glau­ben, dass Men­schen Tie­re zur Le­bens­mit­tel­pro­duk­ti­on aus­nut­zen soll­ten. Wir ver­fol­gen kei­nen re­for­mis­ti­schen An­satz der klei­nen Schrit­te, mit dem et­wa mit Tier­wohl­la­beln ge­ar­bei­tet wird. Das ist Her­um­dok­tern an ei­nem kran­ken Sys­tem und wird den Tie­ren nicht ge­recht. Fleisch ist ein Ge­nuss­mit­tel, das über­flüs­sig ist – ähn­lich wie die Zi­ga­ret­te.

Al­so kei­ne Re­form, son­dern ei­ne Re­vo­lu­ti­on – der Um­sturz des be­ste­hen­den Sys­tems? Wir wol­len ei­ne an­de­re Art der Land­wirt­schaft, in der kei­ne Tie­re mehr aus­ge­beu­tet wer­den. Mir ist voll­kom­men klar, dass ich das nicht mehr zu mei­ner Le­bens­zeit er­le­ben wer­de. Das ist aber auch nicht mein An­trieb. Dass wir heut­zu­ta­ge über­haupt so in­ten­siv über Tier­hal­tung dis­ku­tie­ren, hängt für mich auch mit den Stall­bil­dern zu­sam­men, die kon­ti­nu­ier­lich ver­öf­fent­lich wor­den sind. Auch wenn ich zu­ge­ben muss, dass die Stim­mung der­zeit zu auf­ge­heizt ist. Das gilt für bei­de Sei­ten. Wir wol­len ei­ne sach­li­che Dis­kus­si­on.

Die Ar­gu­men­te der Tier­hal­ter zäh­len für Sie doch nicht, weil Sie Tier­hal­tung per se ab­leh­nen.

Ich wür­de mich je­der­zeit mit Ver­tre­tern der Land­wirt­schaft an ei­nen Tisch set­zen und dis­ku­tie­ren. Aber rich­tig: Zu ei­nem Er­geb­nis wer­den wir da­bei wohl nicht kom­men. Un­se­re Auf­fas­sung ist schließ­lich exis­tenz­be­dro­hend für Tier­hal­ter. Wir grei­fen das Sys­tem der Aus­beu­tung an, aber nicht den ein­zel­nen Bau­ern. Ich möch­te kei­nem Land­wirt un­ter­stel­len, dass er ein be­wuss­ter Tier­quä­ler ist. Sie ha­ben es über Ge­ne­ra­tio­nen so er­lernt. Wir wün­schen ih­nen ei­nen gu­ten Er­trag, aber eben nicht durch die Aus­beu­tung von Tie­ren.

Kurz­fris­tig be­trach­tet, blei­ben Ih­re Ver­öf­fent­li­chun­gen aber oft­mals fol­gen­los, weil Ver­fah­ren von der Jus­tiz ein­ge­stellt wer­den.

Wir ha­ben auch schon Tier­hal­te­ver­bo­te er­wirkt. Und auch ho­he Straf­zah­lun­gen ha­ben un­se­re Ver­öf­fent­li­chun­gen nach sich ge­zo­gen. Aber rich­tig: Oft wer­den Ver­fah­ren ein­ge­stellt. Aber es geht uns dar­um, dass die Bil­der dis­ku­tiert wer­den. Kei­ne Geld­auf­la­ge wird Tie­ren hel­fen, son­dern nur die Ab­schaf­fung der Nutz­tier­hal­tung. Es gibt je­den­falls kei­nen Stall, in den wir hin­ein­ge­hen und wo wir dann sa­gen: Super, hier ist al­les in Ord­nung. Das gibt es ein­fach nicht.

Wer­den Sie per­sön­lich für Ih­re „Ar­beit“be­zahlt be­zie­hungs­wei­se er­hal­ten Sie von Fern­seh­sen­dern Geld für das Ma­te­ri­al?

Nein und nein. Auch wenn ich von Job oder Ar­beit spre­che. Un­se­re Ar­beit ist eh­ren­amt­lich und spen­den­fi­nan­ziert. Die Sen­der zah­len nicht.

Sind Sie schon ein­mal ent­deckt wor­den?

Ein paar Mal ha­ben wir si­cher­lich die Bei­ne in die Hand ge­nom­men, weil plötz­lich je­mand vor­ge­fah­ren ist. Ent­we­der der Land­wirt oder Tier­trans­por­teu­re. Es geht uns nicht um die Kon­fron­ta­ti­on mit dem Land­wirt, son­dern dar­um, un­se­re Ar­beit zu ma­chen: Bil­der zu ma­chen, die­se zu ver­öf­fent­li­chen und ge­ge­be­nen­falls Anzeige zu er­stat­ten. Wir wol­len ei­ne öf­fent­li­che De­bat­te. Des­we­gen ge­ben wir un­ser Ma­te­ri­al ja an Jour­na­lis­ten wei­ter.

Zwi­schen Fil­men und Ver­öf­fent­li­chen der Bil­der dau­ert es teils Mo­na­te. War­um spre­chen Sie Miss­stän­de nicht di­rekt an?

Ein be­lieb­ter Vor­wurf aus der Land­wirt­schaft. Wenn der Bau­er sei­ne Sau­en in zu klei­nen Kas­ten­stän­den hält, sieht er den Miss­stand doch je­den Tag und un­ter­nimmt nichts. Oder wenn Ka­da­ver meh­re­re Ta­ge im Stall lie­gen, ohne dass sie ent­fernt wer­den. Wir sind nicht das Ve­te­ri­när­amt, son­dern wol­len auf­rüt­teln. Im Üb­ri­gen: Wir ma­ni­pu­lie­ren im Stall nichts. Wir fil­men al­les so, wie wir es vor­ge­fun­den ha­ben.

Wis­sen­schaft­ler sind mit dem Fleisch aus der Pe­triScha­le der Ab­schaf­fung der Tier­hal­tung nä­her, als Sie es sind, Wür­den Sie das es­sen?

Hier lei­det tat­säch­lich kein Tier für die Fleisch­pro­duk­ti­on. Ein mora­li­sches Pro­blem se­he ich da nicht. Ich wür­de es aber ver­mut­lich nicht kon­su­mie­ren, weil ich kein Fleisch in mei­nem Le­ben brau­che. Erst ein­mal bleibt aber viel zu tun für uns.

Heim­li­che Film­auf­nah­men in ei­nem Stall in Deutsch­land. Fo­to: Ani­mal Rights Watch

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