Ei­ne neue Haar­far­be kann die In­di­vi­dua­li­tät ei­nes Men­schen un­ter­strei­chen – Zu Be­such bei ei­nem Pro­mi-Co­lo­ris­ten

Neue Osnabrucker Zeitung - Lotte, Westerkappeln, Mettingen, Tecklenburg - - Reportage - Von An­net­te Mein­ke-Car­stan­jen

Haa­re kön­nen ein Si­gnal sein. Sie zei­gen der Welt, wie jung wir uns füh­len oder wie mo­disch. Und das seit vie­len Jahr­hun­der­ten. Ei­ner, der sich mit der Kunst des Tö­nens aus­kennt, ist der Co­lo­rist Andre­as Kur­ko­witz.

Sein Blick ist of­fen. Die Haa­re braun. Ge­färbt hat Andre­as Kur­ko­witz sie, wie er sagt, noch nie. „Ich mag mei­ne Haa­re so, wie sie sind.“Ei­nen er­kenn­ba­ren Haar­schnitt hat der Co­lo­rist nicht. „Ehr­lich ge­sagt, ha­be ich da­für kei­ne Zeit.“Da­bei spie­len Haa­re und Far­be im Le­ben des 34-Jäh­ri­gen ei­ne gro­ße Rol­le. Vor al­lem das Fai­b­le für Far­be.

Frü­her war er Graf­fi­tiSpray­er. „Das stimmt, ist aber schon so­oo lan­ge her“, winkt Kur­ko­witz ab und er­zählt lie­ber, wie er Co­lo­rist ge­wor­den ist. Durch Zu­fall: 2004 hat­te er ei­nen Farb­spe­zia­lis­ten über ei­nen Freund ken­nen­ge­lernt. „Und ich ha­be mich to­tal ge­wun­dert, weil er sag­te, er sei kein Fri­seur, er wür­de nur fär­ben.“Er ent­schied ganz spon­tan, sich von ihm 16 Mo­na­te aus­bil­den zu las­sen. „Und so bin ich in die­sem Be­ruf hän­gen­ge­blie­ben.“

Heu­te lebt und ar­bei­tet Kur­ko­witz in Lon­don und Berlin. Er hat Pri­vat­kun­den in Sze­ne­vier­teln wie Not­ting Hill und So­ho und ei­nen ei­ge­nen La­den in Berlin-Mit­te. Er schnei­det nicht, son­dern kon­zen­triert sich auf Pin­sel und Farb­creme. Sein Spe­zi­al­ge­biet bringt der Fri­seur­bran­che enor­me Um­sät­ze. Und: Haar­tö­ne be­schäf­ti­gen die Men­schen – sei es im Blon­di­nen­witz oder in der Kul­tur­ge­schich­te. Trotz­dem gel­ten rei­ne Co­lo­ris­ten bei uns, an­ders als in den USA und En­g­land, als Exo­ten.

Die Leu­te, die zu ihm kom­men, be­schreibt Kur­ko­witz als mo­de­be­wusst und welt­of­fen. „Es sind Men­schen, die her­um­ge­kom­men sind, die in Mai­land wa­ren oder in Pa­ris ge­lebt ha­ben.“Sie rei­sen auch mal nur für ei­nen Ter­min beim Meis­ter­fär­ber an. Aus Hamburg, Ams­ter­dam, Mos­kau und New York.

Au­ßer­dem mischt der Deut­sche bei Fo­to-Shoo­tings mit, zum Bei­spiel bei der Fa­shion Week in Berlin und der Cou­ture Show in Pa­ris. Am meis­ten fas­zi­niert ihn an Far­be, wie man mit ei­ner Nuan­ce im Haar den Look ei­ner Per­son ver­än­dern kann. Ein Hauch von nichts mit gro­ßer Au­ßen­wir­kung: „Die Ve­rän­de­rung ist sim­pel. Trotz­dem sieht der Mensch an­schlie­ßend ein­fach bes­ser und ge­sün­der aus“, sagt Kur­ko­witz.

Gi­se­la Brau­ne, Farb- und Stil­be­ra­te­rin aus Dres­den, be­schreibt das so: Das Ge­sicht ist das Bild ei­nes Men­schen, und die Haa­re sind der Rah­men da­zu. Der wird auf­ge­frischt. Denn „Haa­re spie­len für das ge­sam­te Er­schei­nungs­bild ei­nes Men­schen ei­ne gro­ße Rol­le.“

Tat­säch­lich hat das Haa­re­fär­ben ei­ne ur­al­te Tra­di­ti­on. Die al­ten Ägyp­ter, so­wohl Män­ner als auch Frau­en, streu­ten sich la­pis­la­zu­li-blau­es Pul­ver in die Haa­re. „Be­rühmt sind auch die Flo­ren­ti­ne­rin­nen mit ih­rem rot-gol­di­gen Schim­mer im Haar, die sich mit rö­mi­scher Ka­mil­le die Haa­re ge­bleicht ha­ben“, er­zählt Li­te­ra­tur­pro­fes­so­rin und Mo­de-Ex­per­tin Bar­ba­ra Vin­ken aus Mün­chen.

Spä­ter wur­den Haa­re im fran­zö­si­schen Ab­so­lu­tis­mus im 18. Jahr­hun­dert kom­plett ab­ra­siert. Auf die Glat­ze setz­ten Män­ner und Frau­en ei­ne Pe­rü­cke, die sie weiß pu­der­ten. „Die Men­schen ha­ben sich qua­si mit frem­den Fe­dern auf­ge­putzt“, sagt Vin­ken.

Ein be­son­de­res The­ma übe­r­all: Blond. So heißt der Auf­trag häu­fig – nicht nur von Fa­shion­ex­per­ten, son­dern in 70 Pro­zent al­ler Kun­den­an­fra­gen bei Kur­ko­witz.

Spe­zi­al-The­ma: Blond

Der Wunsch nach blon­dem Haar scheint vor al­lem in Eu­ro­pa tief ver­wur­zelt. „Es ist die ur­al­te Sehn­sucht nach ‚oro‘ . Im Gold der Haa­re spie­gelt sich das Licht der Son­ne. Der Mensch wird zu ei­ner Licht­ge­stalt, ei­ner hel­len, leuch­tend glän­zen­den En­gels­er­schei­nung“, er­zählt Vin­ken. Sie er­in­nert an die Re­nais­sance und Frau­en­gemäl­de mit rot-gol­de­nem Haar von San­dro Bot­ti­cel­li (1445–1510). „Das hat­te we­ni­ger mit Ge­schmack zu tun, son­dern mehr mit ei­nem al­les Ir­di­sche ver­klä­ren­den Schön­heits­ide­al.“

Es ist ein Di­ens­tag. Das Haar­stu­dio von Kur­ko­witz liegt im zwei­ten Hin­ter­hof, sa­nier­te Re­mi­se. Lauf­kund­schaft gibt es hier nicht. Das ist ge­wollt. Das Stu­dio wirkt we­ni­ger wie ein Fri­seur­sa­lon, eher wie ein pri­va­tes Loft.

„Die Leu­te sol­len sich ein biss­chen zu Hau­se füh­len“, sagt der Co­lo­rist. Hier ist er Andre­as. Nach­na­men spie­len kei­ne Rol­le. Der War­te­be­reich, ei­ne Art Wohn­zim­mer mit So­fa und Couch­tisch. Dort sitzt Den­nis am Schreib­tisch. Er küm­mert sich um al­les, was zu or­ga­ni­sie­ren ist. Ter­mi­ne, Be­stel­lun­gen, Rech­nun­gen. Ge­färbt wird an ei­nem lan­gen Holz­tisch, an dem man auch für ei­ne Fest­ta­fel ein­de­cken könn­te.

An der nicht ver­putz­ten Wand hän­gen zwei gro­ße Spie­gel. Da schnei­det Ru­by, die ein­zi­ge Fri­seu­rin im Team. Die ers­te Kun­din des Ta­ges ist Ka­thi. Die 22-jäh­ri­ge Stu­den­tin hat na­tur­blon­des Haar und will ei­ne Ve­rän­de­rung. „Ich weiß aber nicht so ge­nau was“, sagt sie. Andre­as schaut sich Ka­thi an, greift in das lan­ge, glat­te Haar, lässt lang­sam ein­zel­ne Sträh­nen durch sei­ne Fin­ger glei­ten und rät: „Auf kei­nen Fall dunk­ler, eher ein biss­chen hel­ler.“Die bei­den ei­ni­gen sich auf Strähn­chen. War­me Far­ben re­flek­tie­ren Licht, sagt Andre­as. Bei küh­len wer­de es ver­schluckt, des­halb wir­ke die Far­be matt.

Wenn ei­ne Frau zum Bei­spiel in Los An­ge­les zum Fri­seur geht, „dann ma­chen die sie su­per­blond“, be­rich­tet der Co­lo­rist. „Und das sieht dort gut aus, weil es so viel Son­nen­licht gibt.“Kom­me die­se Frau dann nach Nord­eu­ro­pa, ha­be der Be­trach­ter das Ge­fühl, „die ist viel zu blond“.

Wäh­rend Andre­as er­zählt, be­kommt Ka­thi ih­re Strähn­chen. Am En­de ist sie mit dem Er­geb­nis zu­frie­den: „Ich fin­de mich schö­ner als vor­her“, sagt die jun­ge Frau und strahlt.

Men­schen wol­len oft schön und ju­gend­lich sein. „Weil at­trak­ti­ve Per­so­nen nicht nur schnel­ler ei­nen Se­xu­al­part­ner fin­den, son­dern man ih­nen auch po­si­ti­ve Ei­gen­schaf­ten an­dich­tet“, er­zählt Erich Kas­ten, Au­tor des Bu­ches „Bo­dy-Mo­di­fi­ca­ti­on“und Pro­fes­sor für Neu­ro­psy­cho­lo­gie und For­schungs­me­tho­dik an der MSH Me­di­cal School in Hamburg. Schö­ne, jun­ge Men­schen gel­ten als flei­ßig, in­tel­li­gent und ge­sund. Mit ih­rem Aus­se­hen ver­bin­de man Fle­xi­bi­li­tät und Be­last­bar­keit. „Was zwar nicht im­mer stimmt, aber un­se­rem Kli­schee von Ju­gend­lich­keit ent­spricht“.

„Der ge­sell­schaft­li­che Druck, vor al­lem in der heu­ti­gen Ar­beits­welt, ist groß“, sagt Gi­se­la Brau­ne. Sie be­rät seit 27 Jah­ren vor al­lem Bu­si­ness­leu­te. Der Wunsch, mit der Ju­gend mit­hal­ten zu kön­nen, ist aus ih­rer Sicht der häu­figs­te Grund, war­um Men­schen sich heu­te die Haa­re fär­ben. Die ge­färb­ten Haa­re soll­ten si­gna­li­sie­ren: Wir sind nicht alt, wir sind noch jung.

Kur­ko­witz be­stä­tigt: „Ich ha­be vie­le Kun­den, die ih­re Ju­gend be­hal­ten wol­len.“60 Pro­zent sei­ner Pri­vat­kun­den kä­men zur Grau­haarab­de­ckung. Aber es ge­be auch wel­che, die mit der Far­be ein mo­di­sches State­ment set­zen woll­ten. Sie nutz­ten sat­tes, schwar­zes Haar oder kräf­tig ro­te Strähn­chen als Ac­ces­soire. Vin­ken wun­dert das nicht, denn „Haa­re sind ei­ne der wich­tigs­ten mo­di­schen Ar­ti­ku­la­ti­ons­mit­tel“, sagt sie. Oder der ge­wollt künst­lich wir­ken­de Far­beffekt ist Aus­druck künst­le­ri­schen Schaf­fens. Das Gran­ny Hair von US-Mu­si­ke­rin La­dy Ga­ga (30). Oder Ka­ty Per­rys (32) Mäh­ne – mal li­la, mal blau oder erd­beer­blond.

Die Spra­che der See­le

Die ganz bun­ten Haa­re der Punk-Ära in den 70er-Jah­ren sind ein an­de­res Bei­spiel. „Die Punks woll­ten ei­ne Haar­far­be, die si­cher so in der Na­tur nicht vor­kam, um Künst­lich­keit und Ma­ni­pu­lier­bar­keit des Kör­pers zu in­sze­nie­ren“, sagt Vin­ken.

„Psy­cho­lo­gisch ge­se­hen, sind Haa­re die Spra­che un­se­rer See­le“, sagt Brau­ne. Je nach Cha­rak­ter und ak­tu­el­ler Stim­mung be­vor­zug­ten Men­schen an­de­re Far­ben. Je­mand, der nicht auf­fal­len wol­le, wäh­le wohl eher ei­ne na­tür­li­che Haar­far­be. Wer sich da­ge­gen un­be­dingt von an­de­ren un­ter­schei­den möch­te, tra­ge eher bunt. Oft ge­hen Ve­rän­de­run­gen im Le­ben ei­nes Men­schen ein­her mit ei­ner neu­en Haar­far­be. „Das ist auf je­den Fall ein Si­gnal“, fin­det Vin­ken.

Far­ben ha­ben eben ei­ne star­ke emo­tio­na­le Wir­kung. Wohl des­halb ran­ken sich seit Men­schen­ge­den­ken My­then um die ver­schie­de­nen Haar­far­ben. Glaubt man die­sen, lässt ti­zi­an­ro­tes Haar auf um­wer­fen­des Tem­pe­ra­ment und be­son­de­re Lei­den­schaft schlie­ßen. Blon­de sind dem­nach se­xy und ver­füh­re­risch.

Und: An­ders als in üb­li­chen Blon­di­nen­wit­zen als Dumm­chen dar­ge­stellt, zeig­ten Stu­di­en, dass Frau­en mit hel­len Haa­ren als in­tel­li­gent ein­ge­stuft wür­den, sagt Kas­ten. Auch scho­ko­brau­nes und schwarz­brau­nes Haar steht da­nach für In­tel­li­genz, eben­so wie für Zu­ver­läs­sig­keit und Un­ab­hän­gig­keit.

Grund­sätz­lich ha­ben Men­schen ein recht gu­tes Ge­spür da­für, was ih­nen steht und was nicht. Da sind sich die Ex­per­ten ei­nig. Manch­mal geht aber Haar­far­be in die ei­ne Rich­tung und der Rest des Sty­lings in die an­de­re. Dann kann es auch für Kur­ko­witz schwie­rig wer­den. „Es kommt schon vor, dass ich da den­ke: Oh Gott, die Idee ist ei­gent­lich to­tal schreck­lich“, ge­steht er. Er ver­su­che, die Farb­vor­stel­lung dann trotz­dem zu ver­ste­hen. „Nur weil ich das häss­lich fin­de, heißt das ja noch lan­ge nicht, dass es nicht schön sein kann.“

Die Er­war­tung, dass am En­de bei­de zu­frie­den sind, ist da. Schließ­lich kos­tet der neue Look ger­ne mal 70 Eu­ro und mehr. Ent­täu­schung darf trotz­dem sein. Das sieht Kur­ko­witz nicht als Kri­tik an sei­nem künst­le­ri­schen Tun. „Far­be ist va­ria­bel“, sagt er. Die kann man im­mer wie­der mal än­dern.

„Ich fin­de mich schö­ner als vor­her“wird Ka­thi nach dem Be­such bei Co­lo­rist Andre­as Kur­ko­witz sa­gen. Der schnei­det nicht, son­dern küm­mert sich ex­klu­siv um Haar­far­ben. Fotos: dpa

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