In ei­ner Welt von Mau­ern und Tun­neln

Bun­des­prä­si­dent St­ein­mei­er zu Be­such in Pa­läs­ti­na – Hoff­nung auf neu­en Frie­dens­pro­zess

Neue Osnabrucker Zeitung - Lotte, Westerkappeln, Mettingen, Tecklenburg - - Einblicke - Trumps bei Ab­bas – noz.de/po­li­tik

Erst Is­ra­el, dann die Pa­läs­ti­nen­ser – das hat Rou­ti­ne. Aber Bun­des­prä­si­dent St­ein­mei­er trifft in Ramallah auf ei­nen ge­schwäch­ten Part­ner. Ist nun Trump des­sen letz­te Hoff­nung?

Von Stefanie Jär­kel und Tho­mas La­nig

Von Je­ru­sa­lem nach Ramallah sind es nur we­ni­ge Ki­lo­me­ter. Für Pa­läs­ti­nen­ser kann die Fahrt auch mal ei­ne St­un­de dau­ern, denn die Si­cher­heits­kon­trol­len sind strikt. Für Bun­des­prä­si­dent Frank-Wal­ter St­ein­mei­er und sei­ne De­le­ga­ti­on geht es schnel­ler, aber auch sie müs­sen an der Gren­ze ih­re Fahr­zeu­ge wech­seln. Da­hin­ter Schrott und Müll, aber auch Obst- und Ge­mü­se­stän­de, wei­ße Neu­bau­ten und ein paar Ho­tels. Auf den Hü­geln sind streng ge­si­cher­te is­rae­li­sche Sied­lun­gen zu se­hen.

Als ers­ter Bun­des­prä­si­dent legt St­ein­mei­er an der Mu­ka­ta, der Re­si­denz von Prä­si­dent Mahmud Ab­bas, am Gr­ab des le­gen­dä­ren Pa­läs­ti­nen­ser­füh­rers Jas­sir Ara­fat, ei­nen Kranz nie­der. Da­nach be­grüßt ihn Ab­bas, es ist we­nig Zeit vor dem Rück­flug St­ein­mei­ers nach Ber­lin.

Ab­bas ist in die­sen Ta­gen ein viel be­schäf­tig­ter Mann. Ver­gan­ge­nen Mitt­woch emp­fing ihn US-Prä­si­dent Do­nald Trump im Wei­ßen Haus, am Don­ners­tag trifft er den rus­si­schen Prä­si­den­ten Wla­di­mir Pu­tin in Sot­schi. Es heißt, Ab­bas sei ge­ra­de­zu eu­pho­ri­siert aus den USA zu­rück­ge­kom­men, er hofft wohl dar­auf, dass der seit Jah­ren ge­lähm­te Frie­dens­pro­zess wie­der in Gang kom­men könn­te. Deut­sche Di­plo­ma­ten sind da sehr viel zu­rück­hal­ten­der.

Für die Schaf­fung ei­nes un­ab­hän­gi­gen Pa­läs­ti­nen­ser­staa­tes ne­ben Is­ra­el hat der 82-Jäh­ri­ge seit je­her die Un­ter­stüt­zung Deutsch­lands, auch in Is­ra­el hat St­ein­mei­er die For­de­rung nach ei­ner Zwei-Staa­ten-Lö­sung be­kräf­tigt. Al­ler­dings hat sich für die meis­ten Pa­läs­ti­nen­ser die La­ge in den letz­ten fünf Jah­ren dra­ma­tisch ver­schlech­tert. St­ein­mei­er trifft Stu­den­ten ei­ner Kran­ken­pfle­ge­schu­le, die er­zäh­len, sie wür­den je­den Tag auf ih­rem Weg von Ost-Je­ru­sa­lem nach Ramallah Sym­bol­träch­ti­ge Ges­te: Bun­des­prä­si­dent Frank-Wal­ter St­ein­mei­er legt in Ramallah ei­nen Kranz am Gr­ab des 2004 ge­stor­be­nen Pa­läs­ti­nen­ser­füh­rers Jas­sir Ara­fat ab.

durch is­rae­li­sche Sol­da­ten auf­ge­hal­ten.

Es ist ei­ne Welt von Mau­ern, Tun­neln und St­a­chel­draht. Und der 82-jäh­ri­ge Prä­si­dent die­ses Ge­bie­tes er­scheint im­mer wei­ter ge­schwächt. Da ist nicht nur der sich ver­schär­fen­de Bru­der­streit

mit der ra­di­kal-is­la­mi­schen Ha­mas. Wäh­rend Ab­bas mit der ge­mä­ßig­ten Fa­tah-Par­tei im West­jor­dan­land re­giert, herrscht die Ha­mas über den Ga­za­strei­fen mit sei­nen rund zwei Mil­lio­nen Ein­woh­nern. Der Wes­ten setzt po­li­tisch bis­her auf Ab­bas.

Bei ei­ner neu­en Wel­le pa­läs­ti­nen­si­scher An­schlä­ge sind seit Ok­to­ber 2015 mehr als 40 Is­rae­lis ge­tö­tet wor­den. Im sel­ben Zei­t­raum wur­den rund 300 Pa­läs­ti­nen­ser ge­tö­tet, die meis­ten von ih­nen von Si­cher­heits­kräf­ten bei ih­ren ei­ge­nen An­schlä­gen.

Die Ha­mas spricht Is­ra­el das Exis­tenz­recht ab und wird von Is­ra­el, den USA und der EU als Ter­ror­or­ga­ni­sa­ti­on ein­ge­stuft. Vor dem Tref­fen mit Trump hat­te Ab­bas der Ha­mas nun „bei­spiel­lo­se Maß­nah­men“an­ge­droht, um sie zu ei­ner Macht­auf­ga­be zu zwin­gen. Er kün­dig­te an, Is­ra­el nicht mehr für den Strom im Ga­za­strei­fen zu be­zah­len. Die Men­schen dort lei­den seit Jah­ren un­ter mas­si­vem Ener­gie­man­gel. Sie er­hiel­ten zu­letzt nur noch für sechs St­un­den pro Tag Strom.

Men­schen­rechts­or­ga­ni­sa­tio­nen wie „Brea­king the Si­lence“kri­ti­sie­ren die is­rae­li­sche Sied­lungs­po­li­tik im West­jor­dan­land scharf. Is­ra­els Re­gie­rungs­prä­si­dent Ben­ja­min Ne­tan­ja­hu wirft ih­nen vor, auf­rech­te is­rae­li­sche Sol­da­ten als Kriegs­ver­bre­cher zu be­schul­di­gen. Wer sich mit „Brea­king the Si­lence“trifft, wird in­zwi­schen von Ne­tan­ja­hu aus­ge­la­den – sie­he Au­ßen­mi­nis­ter Sig­mar Ga­b­ri­el (SPD).

Nach­dem St­ein­mei­er in Is­ra­el die Fol­gen die­ses Eklats zu­min­dest ein­däm­men konn­te, ist sein Be­such bei Ab­bas in Ramallah kaum ein­fa­cher. Rund zwei Drit­tel der Pa­läs­ti­nen­ser wol­len, dass Ab­bas zu­rück­tritt. Dies ist das Er­geb­nis ei­ner Um­fra­ge der Kon­rad-Ade­nau­er-Stif­tung. Fast 80 Pro­zent der Men­schen hal­ten die Au­to­no­mie­be­hör­de un­ter sei­ner Füh­rung für kor­rupt. Vie­le wer­fen ihm vor, kei­nen Nach­fol­ger auf­bau­en zu wol­len.

Ei­ner, dem vie­le ei­ne Ei­ni­gung der La­ger zu­trau­en, ist der Po­li­ti­ker und ver­ur­teil­te Mör­der Mar­wan Bar­guti. „Mar­wan Bar­guti ist ein Held, er be­sitzt ei­ne ho­he Glaub­wür­dig­keit un­ter den Pa­läs­ti­nen­sern“, sagt Omar Scha­ban vom Pal-Think für Stra­te­gi­sche Stu­di­en in Ga­za. Der 57-jäh­ri­ge Bar­guti sitzt al­ler­dings seit 2004 in is­rae­li­scher Haft. In ei­nem Kom­men­tar für die „New York Ti­mes“schrieb Bar­guti: „Is­ra­el, die Be­sat­zungs­macht, hat fast 70 Jah­re lang in­ter­na­tio­na­les Recht in vie­ler­lei Hin­sicht ver­letzt und wur­de bis­her nicht für sei­ne Ta­ten be­straft.“

Bar­guti soll noch Jahr­zehn­te im Ge­fäng­nis sit­zen. Auf pa­läs­ti­nen­si­scher Sei­te gibt es die Hoff­nung, soll­te er wirk­lich ein­mal zum Prä­si­den­ten ge­wählt wer­den, müss­te Is­ra­el ihn frei­las­sen.

„Wir krie­gen das hin“: Span­nungs­feld Nah­ost: Be­rich­te und Hin­ter­grün­de auf noz.de/ the­men/nah­ost

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