Rus­si­sche Kriegs­spie­le

Fa­mi­li­enevent im Bir­ken­wäld­chen na­he Mos­kau

Neue Osnabrucker Zeitung - Lotte, Westerkappeln, Mettingen, Tecklenburg - - Reportage - Sol­da­ten.

Rus­si­sche St­unt­men Nicht nur al­ler­hand Schau­spie­ler, Spek­ta­ku­lä­re Ex­plo­sio­nen ge­hö­ren zur Kriegs­schau da­zu. Hier fliegt ein deut­scher Pan­zer in die Luft. Krieg als Fa­mi­li­enevent: In ei­nem rus­si­schen Frei­zeit­park stel­len Hun­der­te Kom­par­sen die letz­ten Kriegs­ta­ge in Ber­lin nach. Auch der Sturm des Reichs­ta­ges steht auf dem Pro­gramm. Die Re­kon­struk­ti­on soll ei­ne Lehr­stun­de für jun­ge Rus­sen sein – auch für den Pa­trio­tis­mus.

Von Clau­dia Tha­ler

Schwer und lang­sam müht sich ein Pan­zer über ei­nen Hü­gel, vor ihm schlägt ei­ne Bom­be ein. Rauch steigt auf, ein paar Me­ter ent­fernt fliegt ein Kör­per in die Luft. Durch Laut­spre­cher er­tönt laut die Mu­sik des Tri­um­phes – der „Ritt der Wal­kü­ren“von Richard Wa­gner. „Jetzt los, auf zum Reichs­tag“, brüllt ein Mann in Uni­form in ein Funk­ge­rät. An ei­nem Sonn­tag im April be­ginnt der Sturm auf Ber­lin zwi­schen Ha­gel und Schnee­sturm, pünkt­lich um 12.30 Orts­zeit. Je­doch nicht in Deutsch­land, son­dern als Fa­mi­li­enevent in ei­nem Bir­ken­wäld­chen na­he der rus­si­schen Kle­in­stadt Kubinka – ei­ne Au­to­stun­de von Mos­kau ent­fernt.

Die Zu­schau­er sit­zen di­rekt vor der Front­li­nie, in Hun­dert Me­ter Ent­fer­nung er­kennt man ein klei­nes Ge­bäu­de – den „Mi­ni-Reichs­tag“. Ei­ne von Wei­tem zu er­ken­nen­de ro­te Fah­ne weht am En­de der Show von sei­nem Dach. Die Sym­bol­haf­tig­keit der Sze­ne ist je­dem Rus­sen be­kannt: Das welt­be­kann­te Fo­to des Rot­ar­mis­ten Jew­ge­ni Chal­dej zeigt meh­re­re so­wje­ti­sche Sol­da­ten, die nach der Schlacht um den Reichs­tag im Mai 1945 auf dem zer­stör­ten Ge­bäu­de ih­re Flag­ge his­sen. Der Sturm auf den Reichs­tag wur­de spä­ter auch zum Schlüs­sel­mo­ment der So­wjet­uni­on und auch des rus­si­schen Pa­trio­tis­mus.

Be­reits im Fe­bru­ar hat­te das Ver­tei­di­gungs­mi­nis­te­ri­um mit sei­ner An­kün­di­gung auf­hor­chen las­sen, den Ber­li­ner Reichs­tag in ei­ner Mi­ni-Va­ri­an­te nach­zu­bau­en. Hier soll­ten die jun­gen Men­schen ler­nen, wie man ein Ge­bäu­de er­stürmt und im Krieg über­lebt, sag­te Mi­nis­ter Ser­gej Schoi­gu. Ob die Re­kon­struk­ti­on je­doch re­gel­mä­ßig „er­stürmt“wer­den kön­ne, war zwei Mo­na­te spä­ter nicht mehr so si­cher. Es sei nur für die Mi­li­tär-Show er­baut wor­den, sag­te Schoi­gus Spre­cher. Ein Ver­tre­ter des Frei­zeit­parks zuck­te nur mit den Schul­tern: Das Stahl­ge­rüst wer­de noch ei­ne Wei­le hier rum­ste­hen, was da­mit ge­sche­hen wer­de, sei noch nicht ge­klärt.

Ver­wir­rung in Ber­lin

Klar ist: Be­reits im Früh­jahr hat­te Schoi­gus An­sa­ge in Ber­lin und bei der Bun­des­re­gie­rung für ge­wal­ti­ge Ir­ri­ta­tio­nen ge­sorgt. Re­gie­rungs­spre­che­rin Ul­ri­ke Dem­mers nann­te die Idee da­mals über­ra­schend. Be­ob­ach­ter emp­fan­den den Vor­schlag, her­vor­ge­bracht un­mit­tel­bar vor dem rus­si­schen Tag der Va­ter­lands­ver­tei­di­ger, als klei­ne Pro­vo­ka­ti­on gen Wes­ten. Zu­dem wol­le die Re­gie­rung in Mos­kau da­mit die Ju­gend­li­chen auf Pa­trio­tis­mus trim­men.

In Russ­land hat der Mi­niReichs­tag vie­le Be­für­wor­ter. Ni­ko­lai, ge­klei­det in Ge­ne­ral­s­uni­form, fin­det die Spiel­wie­se be­son­ders für Er­zie­hungs­maß­nah­men im­mens wich­tig. „So ler­nen die Ju­gend­li­chen, die Hei­mat wie­der zu schät­zen. Sie wis­sen dann, was die Groß­el­tern ge­op­fert ha­ben.“Die Kri­tik aus Ber­lin hält er für ab­surd. „Wir hier in Russ­land kön­nen doch ma­chen, was wir wol­len. Das ist un­ser Ter­ri­to­ri­um“, sagt der Mann.

Knapp 10 000 Men­schen ha­ben sich nach An­ga­ben des Mi­nis­te­ri­ums das Spek­ta­kel an­ge­schaut, dar­un­ter Klein­kin­der, Schü­ler und Stu­den­ten. Als über 1000 Sta­tis­ten und Kom­par­sen in Uni­for­men der Ro­ten Ar­mee Kriegs­ku­lis­sen be­feu­ern, sitzt auch Schoi­gu auf ei­ner Tri­bü­ne.

Fi­nan­ziert und or­ga­ni­siert wird der Pa­trio­ten-Park vom Ver­tei­di­gungs­mi­nis­te­ri­um. 2015 wur­de er er­öff­net und kos­te­te et­wa 300 Mil­lio­nen Eu­ro. Hier kön­nen Kriegs­Fans an un­ter­schied­li­chen Schau­plät­zen Schlach­ten nach­stel­len. His­to­risch be­ra­ten und aus­ge­stat­tet wird der Park bei dem Spek­ta­kel von der pri­va­ten Sy­ner­gy-Uni­ver­si­tät. „Wir wol­len zei­gen, wie schreck­lich der Krieg ist“, sagt Spre­cher Dmi­tri Tschuba­row. „Hier ist es wie im ech­ten Kampf: laut und grau­en­haft.“Knapp ein­ein­halb St­un­den lang tö­nen des­halb Ge­wehr­sal­ven aus den Laut­spre­chern, Tief­flie­ger si­mu­lie­ren ei­nen An­griff der Rot­ar­mis­ten. Bren­nen­de St­unt­men ren­nen zu Rock­mu­sik über das Feld. Ab und zu legt sich ein Sta­tist auf den Bo­den, Blut oder bru­ta­les Ge­met­zel ist nicht zu se­hen.

„Die ei­ge­ne Stär­ke des Lan­des zu füh­len, das ist fas­zi­nie­rend“, sagt ein zwölf Jah­re al­ter Jun­ge. Er schaut sich mit sei­nem Va­ter das Kriegs­sze­na­rio an. „Hier lernt man viel mehr als in den Schul­bü­chern“, sagt er. Al­les sei so rea­lis­tisch. „Das ist un­se­re Hei­mat, un­se­re Ge­schich­te. Das al­les sol­len auch noch an­de­re Ge­ne­ra­tio­nen ver­ste­hen“, sagt Swet­la­na. Sie po­si­tio­niert sich für ein Sel­fie mit ei­nem we­ni­ge Jah­re al­ten Jun­gen vor ei­nem Pan­zer.

Am Aus­gang hin­ter­las­sen die Zu­schau­er ih­re Initia­len an ei­ner Lein­wand – so wie es da­mals auch die so­wje­ti­schen Sol­da­ten in den Mau­ern des Reichs­ta­ges ta­ten. Zwei klei­ne Mäd­chen schnap­pen sich bun­te Filz­stif­te und ma­len wild drauf­los: Wölk­chen, Krei­se und rie­si­ge Her­zen. Wie Kin­der es eben ma­chen. So­gar Flug­zeu­ge dröh­nen am Ver­an­stal­tungs­tag der „Schlacht um Ber­lin“über den Köp­fen der über 7000 Zu­schau­er hin­weg. Den Reichs­tag im Vi­sier: Über 1400 Darstel­ler, Ein Rot­ar­mist geht in den Zwei­kampf mit ei­nem deut­schen

Mit­glie­der von His­to­ri­en-Ver­ei­nen stel­len in ei­nem Frei­zeit­park in Kubinka (Russ­land) die letz­ten Kriegs­ta­ge in Ber­lin nach. Da­bei er­stür­men sie auch ei­nen Nach­bau des Reichs­tags. Fo­tos: dpa

son­dern auch Ge­rät tum­melt sich beim Mi­li­tä­revent im „Pa­trio­ten-Park“.

St­unt­men und Kom­par­sen „spie­len“den Krieg im rus­si­schen „Pa­trio­ten-Park“nach.

Wie Na­tio­nal­held Jew­ge­ni Chal­dej will viel­leicht auch die­ser Darstel­ler die Flag­ge his­sen.

sol­len für ein mög­lichst rea­li­täts­na­hes Kriegs­ge­fühl bei den Zu­schau­ern sor­gen.

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