„San­ga­ré ist doch ein flot­ter Kerl“

Ka­ro­la Ahaus und ihr gro­ßer Auf­tritt zum 100. Ge­burts­tag an der Bre­mer Brü­cke

Neue Osnabrucker Zeitung - Lotte, Westerkappeln, Mettingen, Tecklenburg - - Sport Regional - An­tre­ten zum Gra­tu­lie­ren: Eh­ren­gast.

Be­glei­tet von En­kel York, führt sie die Mann­schaf­ten ins Sta­di­on. Sams­tag, 6. Mai 2017, kurz nach 14 Uhr: Gän­se­h­aut­mo­ment. In Os­na­brück. Mit­ten auf dem Ra­sen der Bre­mer Brü­cke. Ka­ro­la Ahaus, ge­ra­de 100 Jah­re alt ge­wor­den, führt vor dem Spiel des VfL ge­gen Fortu­na Köln im Roll­stuhl den sym­bo­li­schen An­stoß aus – und er­hält von den 7770 Zu­schau­ern be­geis­ter­ten Ap­plaus.

Von Ste­fan Al­ber­ti

So ein­fach kann man Ge­burts­tags­wün­sche er­fül­len. Die­sen 6. Mai 2017 wird Ka­ro­la Ahaus im­mer in ih­rem Her­zen tra­gen. Mit ih­ren 100 Jah­ren hat sie schon mehr er­lebt als je­der Sta­di­on­be­su­cher an die­sem Sams­tag­nach­mit­tag. Mit ih­ren 100 Jah­ren hat sie auch schon vie­le Ge­schen­ke be­kom­men. Aber eben noch nicht die­ses: Ein­mal mit den Mann­schaf­ten ein­lau­fen – und den An­stoß aus­füh­ren. Nun ja, und da Ka­ro­la Ahaus im­mer wie­der im Sta­di­on zu Gast ist und im Krei­se der „Rol­li­fan­ten“die VfL-Spie­le ver­folgt, lie­ßen sich die Li­laWei­ßen nicht lum­pen. Am 28. April 2017, der Tag ih­res 100. Ge­burts­tags, be­such­te Lothar Gans die Ju­bi­la­rin und über­reich­te ihr ein ge­rahm­tes Tri­kot – na­tür­lich mit der Rü­cken­num­mer 100 und dem Schrift­zug „Ca­ro­la“. Ca­ro­la? Spä­ter mehr da­zu. Der Lei­ter der VfL-Pro­fi­fuß­balls über­brach­te auch die Ein­la­dung zum er­wähn­ten An­stoß. Frei­lich nur zum sym­bo­li­schen. Die Sta­tu­ten des DFB se­hen ja nicht vor, dass für den „ech­ten An­stoß“ei­ne 100-Jäh­ri­ge her­an­ge­zo­gen wer­den kann.

Zwei Ta­ge nach ih­rem „sym­bo­li­schen An­stoß“sit­zen wir nun in ih­rem schmu­cken Zim­mer im Al­ten- und Pfle­ge­heim St. Cla­ra in Os­na­brück. So ein Tag wie der 6. Mai 2017 muss schließ­lich noch ein­mal in Ru­he auf­ge­ar­bei­tet wer­den. Und dass in die­sem Zim­mer li­la-wei­ßes Blut fließt, wird so­fort deut­lich. An der Wand hän­gen Fo­tos von ih­ren di­ver­sen Aus­flü­gen zur Bre­mer Brü­cke. Li­la-Weiß sind ih­re Far­ben: Ka­ro­la Ahaus, 100 Jah­re alt, in ih­rem „VfL-Zim­mer“. Wer weiß, viel­leicht be­kommt sie ja noch ein VfL-Tri­kot mit der „rich­ti­gen Ka­ro­la“.

Da­zu ver­fügt Ka­ro­la Ahaus gleich über meh­re­re VfLSchals, ei­ne Base­ball­kap­pe ist eben­falls in ih­rem Fun­dus. Wir ent­de­cken auch das ge­rahm­te Tri­kot mit der 100 und der „Ca­ro­la“auf dem Rü­cken. Das muss na­tür­lich auf­ge­klärt wer­den. „Ist mir ei­gent­lich egal. Das ken­ne ich schon, wird im­mer wie­der mal ver­wech­selt. Aber ich bin ei­ne Ka­ro­la mit ,K‘ “, sagt die 100-Jäh­ri­ge mit dem gön­ner­haf­ten Lä­cheln ei­ner er­fah­re­nen Da­me. Gut, ab­ge­hakt. Re­den wir lie­ber über den Fuß­ball. „Was war das für ein schö­ner Tag“, schwärmt Ka­ro­la mit „K“. Und als ob sie er­ahnt, dass der Re­por­ter nun auf das eher grot­ti­ge Spiel (der VfL ver­lor be­kannt­lich 1:2) zu spre­chen kom­men will, schiebt sie gleich nach: „Ein Glücks­brin­ger war ich ja lei­der nicht.“

Man fühlt sich wohl in den vier Wän­den von Ka­ro­la Ahaus. So wohl, dass man sie am liebs­ten mit „Oma Ka­ro­la“an­spre­chen möch­te. Wir bli­cken ein we­nig zu­rück auf ihr Le­ben, vor al­len Din­gen na­tür­lich auf die Zeit, als sie

mit dem Fuß­ball-Vi­rus in­fi­ziert wur­de. „Ich bin in Fre­ren im Ems­land auf­ge­wach­sen. Mein Bru­der Ernst hat im­mer Fuß­ball ge­spielt – und das ha­be ich mir dann auch an­ge­guckt. Sonst war ja auch in die­sem Kaff nichts los.“

Bei ih­rer Zei­t­rei­se kom­men wir ir­gend­wann nach Os­na­brück, „1949 sind wir her­ge­zo­gen – und mein Mann hat in den fol­gen­den Jah­ren re­gel­mä­ßig die Fuß­ball­spie­le von Ein­tracht be­sucht“. Selbst­ver­ständ­lich mit Gat­tin Ka­ro­la im Schlepp­tau. „In den Sech­zi­ger­jah­ren wa­ren wir bei­de mal beim HSV. Da ha­ben die ge­gen Dort­mund ge­spielt. Ein herr­li­ches Er­leb­nis.“Fuß­ball war ihr ge­mein­sa­mes Le­ben, Fuß­ball ist nach dem Tod ih­res ge­lieb­ten Man­nes ihr Le­ben.

Die Ent­wick­lung des VfL ver­folgt Ka­ro­la Ahaus seit Jah­ren in­ten­siv. Mal im Sta­di­on. Mal in ih­rer Se­nio­ren­re­si­denz, wenn die Ge­sund­heit ei­nen Aus­flug nicht zu­lässt. Dann aber mit reich­lich Emo­tio­nen vor dem Fern­se­her. „Am liebs­ten al­lei­ne. Die

an­de­ren hier wis­sen ge­ra­de mal, dass der Ball rund ist. Da ist es bes­ser, dass ich al­lei­ne gu­cke. Die sab­beln sonst da­zwi­schen und ha­ben kei­ne Ah­nung.“Na ja, und sams­tags zur Sport­schau-Zeit um 18 Uhr gibt sie beim Abend­es­sen Voll­gas, da­mit sie mög­lichst we­nig von ih­rer Lieb­lings­sen­dung ver­passt.

Zu­rück zum VfL. Da gibt es doch be­stimmt Lieb­lings­spie­ler, oder? „Ja, si­cher. Lei­der ha­ben die oft aber Na­men, dass man beim Aus­spre­chen ei­nen Kno­ten in die Zun­ge be­kommt.“Aber: Na­zim San­ga­ré geht ihr lo­cker über die Lip­pen. „Das ist doch ein flot­ter Kerl.“Da wol­len wir nicht wi­der­spre­chen.

Wer bei ei­ner 100-jäh­ri­gen Da­me zu Gast ist, muss selbst­ver­ständ­lich am Schluss die Fra­gen al­ler Fra­gen stel­len: Wie schafft man es, im ho­hen Al­ter geis­tig so frisch zu blei­ben? „Jun­ger Mann, ich ha­be ge­lebt, wie es sich ge­hört.“

Mehr über den VfL le­sen Sie im In­ter­net auf noz.de/vfl

Vor­fahrt für Ka­ro­la Ahaus:

Die VfL-Spie­ler be­grü­ßen ih­ren Fo­to: Kem­me

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