„Ein Warn­si­gnal für den Pro­fi­fuß­ball“

In ei­ner gro­ßen Stu­die bün­delt der Ver­ein FC Play­Fair! die An­sich­ten von Fans

Neue Osnabrucker Zeitung - Lotte, Westerkappeln, Mettingen, Tecklenburg - - Sport -

FC Play­Fair! – den Na­men soll­ten sich Fuß­ball­freun­de mer­ken. Fans aus Lo­gen und Kur­ven ha­ben ihn ge­grün­det, um ih­ren Sport zu schüt­zen vor der Kom­mer­zia­li­sie­rung und den Fol­gen. Ei­ne groß an­ge­leg­te Stu­die, für die 17 330 Fans be­fragt wur­den, be­nennt Pro­ble­me, aber auch Lösungen. Das soll erst der An­fang sein.

Von Udo Mu­ras

FRANKFURT. Am 2. Mai 2016 fand ei­nes der bes­se­ren Bun­des­li­ga­spie­le un­se­rer Ta­ge statt. Wer­der Bre­men schlug den VfB Stutt­gart in ei­nem Ab­stiegs­fi­na­le mit 6:2, Mil­lio­nen vor den Bild­schir­men wa­ren da­bei. Schließ­lich gab es ja nichts an­de­res für Fuß­ball-Fans. Die DFL hat­te die Par­tie mit Rück­sicht auf die Po­li­zei, die am 1. Mai (Sonn­tag) ge­nug zu tun hat­te, auf den Mon­tag ge­legt.

Die Rück­sicht­nah­me auf die Fans, ins­be­son­de­re die des VfB Stutt­gart, muss­te da zu­rück­ste­hen. Das wird der DFL und dem deut­schen Fuß­ball als Gan­zes viel­leicht noch ein­mal leid­tun. Nicht zu­letzt we­gen die­ser Ter­mi­nie­rung hat sich ein Ver­ein ge­grün­det, der um die Wahr­neh­mung der Fan-In­ter­es­sen kämpft und mit ei­ner Stu­die in die Öf­fent­lich­keit ge­gan­gen ist, an der auch die DFL und die Club­ver­ant­wort­li­chen nicht so oh­ne Wei­te­res vor­bei­ge­hen kön­nen.

Mit­hil­fe des Deut­schen Sport­in­sti­tuts für Sport­mar­ke­ting, das sich die Fra­gen aus­dach­te, und dem Fach­ma­ga­zin „Ki­cker“, das sie über sei­ne di­gi­ta­len Ka­nä­le ans Ziel­pu­bli­kum brach­te, wur­den 17330 Fans in der wohl größ­ten der­ar­ti­gen wis­sen­schaft­li­chen Stu­die zu den bren­nen­den The­men be­fragt.

Die wich­tigs­te Er­kennt­nis der „Si­tua­ti­ons­ana­ly­se Pro­fi­fuß­ball 2017“hat der „FCPlay­Fair!“nun ver­öf­fent­licht. Dem­nach gab „je­der zwei­te be­frag­te Fuß­ball­fan an, sich frü­her oder spä­ter vom Pro­fi­fuß­ball ab­zu­wen­den, soll­te sich die Fuß­ball­kom­mer­zia­li­sie­rung wei­ter­hin so ent­wi­ckeln“.

Nun ist das nicht der ers­te Auf­schrei aus Fan­krei­sen. Schon vor über 15 Jah­ren ver­such­te et­wa der Ver­ein „pro1530“die (An­stoß)-Zeit zu­rück­zu­dre­hen und den Sams­tag­nach­mit­tag wie­der zum Haupt-Spiel­ter­min zu ma­chen. Es nutz­te nichts, im Ge­gen­teil: Der­zeit hat die Bun­des­li­ga fünf An­stoß­zei­ten, zur neu­en Sai­son kom­men Mon­tag­spie­le hin­zu.

Auch die di­ver­sen Be­mü­hun­gen der Ul­tras, Ge­hör zu fin­den, lie­fen ins Lee­re. Wird es dem FC Play­Fair! bes­ser er­ge­hen? Wer steckt da­hin­ter?

Der Bö­blin­ger Un­ter­neh­mer Claus Vogt ist ei­ner je­ner VfB-Fans, die von dem Bre­men-Spiel vor ei­nem Jahr aus­ge­schlos­sen wur­den, weil er ar­bei­ten muss­te. Er ist wahr­lich kein Träu­mer und bit­tet dar­um: „Nen­nen Sie mich bloß nicht ei­nen Fuß­ball-Ro­man­ti­ker, lie­ber ei­nen tra­di­ti­ons­be­wuss­ten Fuß­ball-Rea­lis­ten.“Soll hei­ßen: Auch er weiß, dass es oh­ne Geld nicht geht, aber frü­her war auch nicht al­les schlecht. Sams­tags spiel­te die Bun­des­li­ga, der Sonn­tag ge­hör­te den Ama­teu­ren und der Ju­gend. Heu­te über­le­gen sich sei­ne Söh­ne, ob sie wirk­lich ih­ren Dorf­club un­ter­stüt­zen sol­len, wenn auf Sky die 2. Bun­des­li­ga läuft. Sze­nen, die sich zig­tau­send­fach an je­dem Wo­che­n­en­de in deut­schen Wohn­stu­ben ab­spie­len.

Ein Ge­spräch mit Eber­hard Gi­en­ger er­mu­tig­te den Un­ter­neh­mer. Der Tur­ner, der 1976 Olym­pia-Bron­ze am Reck ge­wann, sitzt für die CDU im Bun­des­tag und ist für Sport­fra­gen zu­stän­dig. „Pro­biert’ s doch!“, hat er Vogt ge­sagt, auch im In­ter­es­se sei­nes an den Rand ge­dräng­ten Sports. Der Fuß­ball, auch die­se Mei­nung ver­tritt FC Play­Fair!, be­kommt zu viel Auf­merk­sam­keit, er kan­ni­ba­li­sie­re die an­de­ren Sport­ar­ten.

Vogt är­gert sich auch dar­über, „dass die an der Cham­pi­ons Le­ague teil­neh­men­den Teams die na­tio­na­len Li­gen do­mi­nie­ren und im­mer die glei­chen ge­win­nen“. Wie in Deutsch­land, wo den FC Bay­ern der Ge­winn der fünf­ten Meis­ter­schaft in Se­rie in ei­ne Iden­ti­täts­kri­se stürzt, weil nicht ge­nug ist, wo­von an­de­re nicht mal mehr träu­men.

Die Bun­des­li­ga soll­te die­sen Mann und sei­ne Freun­de ernst neh­men. Sie sind 30 Köp­fe und kei­ne Ul­tras, doch sie bren­nen vor Lei­den­schaft für ih­ren Sport. Nen­nen wir sie Ul­tras in Maß­an­zü­gen: Un­ter­neh­mer, Ju­ris­ten, Pro­fes­so­ren, ein Amts­ge­richts­di­rek­tor, da­zu der Ge­schäfts­füh­rer der Köl­ner Haie, Oli­ver Mül­ler, und Ex-VfB-Tor­wart Tho­mas Ernst.

Die zen­tra­le For­de­rung des Ver­eins ist nicht neu. „Wir for­dern min­des­tens ei­nen Fan­ver­tre­ter im obers­ten Gre­mi­um ei­nes je­den deut­schen Pro­fi­fuß­ball­clubs“. Das wol­len sie zur Not über den Bun­des­tag er­wir­ken.

Was kommt da auf die Bun­des­li­ga zu? Es sind kei­ne Ra­di­ka­len, sie ru­fen nicht zum Boy­kott auf und wol­len auch nie­man­den vor Ge­richt zer­ren. Schon gar nicht geht es um Auf­he­bung von Sta­di­on­ver­bo­ten und die Le­ga­li­sie­rung von Py­ro, die Schnitt­men­ge mit den Zie­len der klas­si­schen Ul­tras ist klein.

Un­ab­hän­gig da­von, ob es da­zu kommt, dass al­le Ver­ei­ne Fan-Ver­tre­ter in ih­re Gre­mi­en las­sen, gibt die von Vor­stand Dr. An­dré Büh­ler, Sport­öko­nom an der Hoch­schu­le für Wirt­schaft und Um­welt in Nür­tin­gen-Geis­lin­gen, be­auf­sich­tig­te Stu­die al­ler­lei Ge­sprächs­stoff her. Sei­ne Zu­sam­men­fas­sung: „Es be­steht die Ge­fahr ei­ner Über­hit­zung. Die Ent­frem­dung des Pro­fi­fuß­balls von sei­ner Ba­sis wird als ei­nes der Haupt­pro­ble­me ge­nannt, ver­bun­den mit ei­ner ein­deu­ti­gen For­de­rung nach kla­ren fi­nan­zi­el­len Re­geln.“Sehr in­ter­es­sant sei, dass die be­frag­ten Fans durch­aus dif­fe­ren­zie­ren könn­ten. Denn ei­ne brei­te Mehr­heit stimmt zu, dass Ver­mark­tung not­wen­dig ist. Mehr als die Hälf­te al­ler Be­frag­ten gibt aber auch an, sich ab­zu­wen­den, wenn die Kom­mer­zia­li­sie­rung sich wei­ter­hin so ent­wi­ckelt. Pro­fes­sor Büh­ler: „Über kurz oder lang ver­ab­schie­den sich vie­le vom Fuß­ball. Die Stu­die muss ein Warn­si­gnal für Herrn Sei­fert sein.“

Des­halb wür­de sich Vor­stands­kol­le­ge Vogt schon freu­en, wenn ihn der DFLGe­schäfts­füh­rer Chris­ti­an Sei­fert die­se Wo­che mal an­rie­fe. „Wir wol­len an ei­nen Tisch mit Sei­fert und viel­leicht auch DFB-Prä­si­dent Gr­in­del, um Lö­sungs­an­sät­ze zu dis­ku­tie­ren. Fuß­ball ist mehr als Mil­lio­nen­trans­fers, Mer­chan­di­sing und Spon­so­ring.“Er sieht auch ei­ne Ge­sprächs­ba­sis: „Ei­nes ver­eint uns doch auf je­den Fall: Wir al­le lie­ben den Fuß­ball! Fuß­ball ist Teil un­se­rer Kul­tur. Und des­halb schüt­zens­wert.“

Der FC Play­Fair! ist über über die In­ter­net­sei­te fcplay­fair.de er­reich­bar. Dort steht die 68-sei­ti­ge Zu­sam­men­fas­sung der Stu­die zum Her­un­ter­la­den be­reit – und ei­ne Bei­tritts­er­klä­rung. Heu­te spie­len: At­lé­ti­co Ma­drid - Re­al Ma­drid (20.45 Uhr, Hin­spiel 0:3).

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