Frö­sche, Gei­gen und Pa­ra­gra­fen

Die Pog­gen­burg ge­gen­über der Kat­ha­ri­nen­kir­che hat schon vie­le Nut­zun­gen er­lebt

Neue Osnabrucker Zeitung - Lotte, Westerkappeln, Mettingen, Tecklenburg - - Osnabrück -

Vor 40 Jah­ren war der „Pog­gen­kel­ler“in der Ha­ken­stra­ße ei­ne schwer an­ge­sag­te Sze­ne­knei­pe. Ein paar Häu­ser wei­ter in Rich­tung Kat­ha­ri­nen­kir­che such­ten bra­ve Gei­gen­schü­le­rin­nen die „Pog­gen­burg“auf, weil sich dar­in das städ­ti­sche Kon­ser­va­to­ri­um be­fand.

Von Joa­chim Dier­ks

OS­NA­BRÜCK. Bei­de Ge­bäu­de be­zo­gen ih­ren Na­men vom Pog­gen­bach, der als ei­ne Art Vor­läu­fer des Pap­pel­gra­bens die Wüs­te ent­wäs­ser­te, den Sied­lungs­kern der Stadt um­floss und in die Ha­se mün­de­te, spä­ter je­doch im städ­ti­schen Gr­a­ben- und Ka­na­li­sa­ti­ons­sys­tem auf­ging. „Pog­ge“ist das nie­der­deut­sche Wort für Frosch. Wenn ihr Haus we­nig vor­nehm als „Pog­gen­burg“be­zeich­net wur­de, so ent­sprach das wahr­schein­lich nicht dem Wunsch der be­gü­ter­ten Os­na­brü­cker Fa­mi­li­en, die sich ge­gen­über der Kat­ha­ri­nen­kir­che nie­der­lie­ßen. Doch was soll­ten sie ma­chen, die Nä­he zum Pog­gen­bach leg­te die­sen volks­tüm­li­chen Be­griff nun ein­mal na­he.

Die Neu­stadt et­wa zwi­schen St. Jo­hann und St. Kat­ha­ri­nen war im spä­ten Mit­tel­al­ter ei­ne be­vor­zug­te Wohn­ge­gend für die da­ma­li­ge Pro­mi­nenz. Adels­hö­fe wa­ren seit dem 15. Jahr­hun­dert in Os­na­brück stark ver­brei­tet, vor dem Bau des Fürst­bi­schöf­li­chen Schlos­ses vor­nehm­lich an Kom­men­de­rie-, Gold- und Süs­ter­stra­ße, spä­ter in Schloss­nä­he an Ha­ken-, Klub- und Se­mi­nar­stra­ße. Noch um 1800 nah­men sie ein Sechs­tel des ge­sam­ten Stadt­ge­biets ein.

War­um die Häu­fung ge­ra­de in der Neu­stadt? Ganz ein­fach: weil da noch Platz war. Wei­ter nörd­lich, in der Alt­stadt, Die Dach­gau­ben In der Pog­gen­burg emp­fing der Wein­händ­ler Fried­rich Förs­ter bis in die 1930er-Jah­re sei­ne Kun­den. Das von Aloys Wurm auf­ge­nom­me­ne Fo­to ent­stammt Wi­do Sprat­tes „Bild­ar­chiv Alt-Os­na­brück, Band III“, Ver­lag Wen­ner Os­na­brück, 1997.

wä­ren die teils gro­ßen und präch­ti­gen An­we­sen nicht oder nur zu sehr viel hö­he­ren Kos­ten un­ter­zu­brin­gen ge­we­sen. Und nach dem Bau des Schlos­ses (1667– 1673) schmück­te man sich gern mit ei­ner Adres­se, die nicht zu weit von die­sem ent­fernt lag.

Ert­win Ert­mann (1429– 1505) war nicht nur ein tüch­ti­ger Bür­ger­meis­ter, dem wir un­ter an­de­rem den Bau des Rat­hau­ses ver­dan­ken, er ge­wann gleich­zei­tig auch das Ver­trau­en des Os­na­brü­cker Bi­schofs Kon­rad III. Der mach­te ihn zum Bi­schöf­li­chen Rat und wies ihm 1487 als Wohn­sitz die Pog­gen­burg zu. Schon 40 Jah­re zu­vor wohn­te an glei­cher Stel­le mit

Her­mann von Melle ein Bür­ger­meis­ter. Spä­ter ging das Haus in den Be­sitz der Adels­fa­mi­lie Ost­man von der Leye über. Sie gab dem Ge­bäu­de zu Be­ginn des 19. Jahr­hun­derts sei­ne bis heu­te gül­ti­ge zwei­flü­ge­li­ge Gestalt. In den 1920er­und 30er-Jah­ren ver­kauf­te der Wein­groß­händ­ler Fried­rich Förs­ter hier im pas­sen­den Am­bi­en­te sei­nen „Crö­ver Nackt­arsch“und an­de­re ed­le Trop­fen.

Der Bom­ben­krieg ließ von der alt­ehr­wür­di­gen Pog­gen­burg we­nig mehr als die Au­ßen­mau­ern ste­hen. 1950 be­schloss die in­zwi­schen Ei­gen­tü­me­rin ge­wor­de­ne Stadt den Wie­der­auf­bau. Das „Städ­ti­sche Mu­sik­schul­werk“, wie sich das spä­te­re

Kon­ser­va­to­ri­um da­mals noch nann­te, war in Räu­men der Ju­gend­her­ber­ge an der Bocks­mau­er mehr schlecht als recht un­ter­ge­bracht und soll­te hier ei­ne neue Heim­statt fin­den. Im Au­gust 1951 konn­te Lei­ter Kurt Fel­g­ner die „hel­len neu­en Räu­me“über­neh­men, die wei­ter­hin „pa­tri­zi­er­haf­te Vor­nehm­heit“aus­strahl­ten, wie die Zei­tung da­mals schrieb, so aber doch mit mo­derns­ten Schall­schluck­plat­ten aus­ge­stat­tet wa­ren. Die Au­la im Ober­ge­schoss bot 150 Per­so­nen Platz und war so­wohl für die Pro­ben­ar­beit wie für kam­mer­mu­si­ka­li­sche Dar­bie­tun­gen vor Pu­bli­kum ge­eig­net.

1996 ver­stän­dig­ten sich Stadt und Land dar­auf, die Stu­di­en­ab­tei­lung des Kon­ser­va­to­ri­ums mit der Mu­sik­leh­rer-Aus­bil­dung in die Trä­ger­schaft des Lan­des in Gestalt der Fach­hoch­schu­le (FH) zu über­ge­ben. Da­nach er­schien es sinn­voll, das Kon­ser­va­to­ri­um ins­ge­samt um­zie­hen zu las­sen, um die per­so­nel­len und räum­li­chen Be­zie­hun­gen zu er­hal­ten. Als Stand­ort der neu­en ver­ei­nig­ten Mu­sik- und Kunst­hoch­schu­le war zu­nächst ein Teil der Ca­pri­vi­ka­ser­ne vor­ge­se­hen, doch dann ent­schie­den die Gre­mi­en sich 1998 für die ehe­ma­li­ge Frau­en­kli­nik am Lie­ne­schweg.

Durch Ver­kauf der frei ge­wor­de­nen Pog­gen­burg woll­te die Stadt Geld in den ge­schrumpf­ten Stadt­sä­ckel be­kom­men. Hei­ßer An­wär­ter war das „La Vie“, da­mals noch un­ter der Lei­tung von Jörg Rie­pe. Der Miet­ver­trag des Gour­met-Re­stau­rants

im al­ten „Bel­le­vue“ge­gen­über dem He­ger Fried­hof stand kurz vor dem Aus­lau­fen. Fi­nan­zier Jür­gen Groß­mann war be­reit, der Stadt ei­ne Mil­li­on DM für die Pog­gen­burg zu zah­len, wenn die Stadt selbst für den nö­ti­gen Park­raum sorgt. Die Park­platz­fra­ge, An­lie­ger­be­den­ken und Denk­mal­schutz­auf­la­gen, die dem Ein­bau ei­ner mo­der­nen Kü­che im We­ge stan­den, lie­ßen den Ver­kauf schließ­lich schei­tern. Das „La Vie“ging im De­zem­ber 1999 an sei­nen heu­ti­gen Stand­ort im Haus Ten­ge an der Krahn­stra­ße.

Für die Pog­gen­burg kam die Rechts­an­walts­kanz­lei Graf und Part­ner zum Zu­ge. Sie re­no­vier­te das Haus in en­ger Ab­stim­mung mit der Denk­mal­pfle­ge. „Mit­ar­bei­ter und Man­dan­ten füh­len sich aus­ge­spro­chen wohl in den his­to­ri­schen Mau­ern“, ver­si­chert Imo­gen Graf, „und manch­mal pas­siert es auch, dass ein Be­su­cher sagt: ‚Den Raum ken­ne ich, hier muss­te ich im­mer zur Kla­vier­stun­de.‘ “

Die Stadt­ge­schich­te im Blick: Le­sen Sie mehr auf www.noz.de/ his­to­risch-os.

sind ei­ne Zu­tat des Nach­kriegs-Wie­der­auf­baus, an­sons­ten hat die Pog­gen­burg ih­re his­to­ri­sche Gestalt seit 200 Jah­ren be­wahrt. Fo­to: Joa­chim Dier­ks

Newspapers in German

Newspapers from Germany

© PressReader. All rights reserved.