Ob­dach­lo­sen aus Lan­ge­wei­le an­ge­zün­det?

Te­enager warf bren­nen­des Ta­schen­tuch auf schla­fen­den Mann in Ber­li­ner U-Bahn – Pro­zess be­ginnt

Neue Osnabrucker Zeitung - Lotte, Westerkappeln, Mettingen, Tecklenburg - - Weltspiegel -

Es hät­te auch schlim­mer aus­ge­hen kön­nen. Ein Ob­dach­lo­ser schläft in der Weih­nachts­nacht in ei­nem Ber­li­ner U-Bahn­hof. Plötz­lich brennt sein Ruck­sack. Fahr­gäs­te ret­ten den Wehr­lo­sen. Sie­ben jun­ge Män­ner ste­hen jetzt vor Ge­richt.

BER­LIN. Die Stim­me des jun­gen Man­nes mit den kur­zen Haa­ren ist im Saal B129 des Ber­li­ner Land­ge­richts kaum hör­bar. Er soll sei­ne Per­so­na­li­en an­ge­ben, ei­ne Dol­met­sche­rin über­setzt. „Ich kann Ih­nen ja ver­ra­ten, wo Sie ge­wohnt ha­ben“, sagt Rich­te­rin Re­gi­na Alex am Di­ens­tag zu dem 21-Jäh­ri­gen, als der sei­ne letz­te Adres­se in Frei­heit nicht nen­nen kann. Der aus Sy­ri­en stam­men­de An­ge­klag­te ist der Haupt­an­ge­klag­te in dem Pro­zess um die Feu­er­at­ta­cke ge­gen ei­nen Ob­dach­lo­sen in ei­nem Ber­li­ner U-Bahn­hof in der Weih­nachts­nacht 2016, die ganz Deutsch­land ent­setz­te.

Sechs jun­gen Män­nern wird nun ver­such­ter Mord vor­ge­wor­fen, ei­nem sieb­ten un­ter­las­se­ne Hil­fe­leis­tung. Zum Pro­zess­auf­takt hat sich noch kei­ner von ih­nen ge­äu­ßert, ers­te Aus­sa­gen vor der Ju­gend­straf­kam­mer wer­den am Frei­tag er­war­tet. Ver­tei­di­ger Alex­an­der Wendt kün­digt ei­ne Er­klä­rung des 21Jäh­ri­gen für den Tag an.

Sein Man­dant kämpft mit den Trä­nen, als die An­kla­ge ver­le­sen wird. Als kön­ne er nicht fas­sen, was ihm da vor­ge­wor­fen wird: Heim­tü­cke, Grau­sam­keit, um ei­nen Men­schen zu tö­ten. Die Mit­an­ge­klag­ten blei­ben re­gungs­los.

Fahr­gäs­te eil­ten zur Hil­fe

Es war die Hei­li­ge Nacht, als nicht vie­le Leu­te in Ber­lin un­ter­wegs wa­ren, wie An­klä­ger Mar­tin Gla­ge in ei­ner Pro­zess­pau­se sagt. Die An­ge­klag­ten hät­ten sich wohl ge­lang­weilt und „sind dann auf dum­me Ge­dan­ken ge­kom­men“. Dass da­durch kein Mensch starb, war laut An­kla­ge wohl nur Fahr­gäs­ten zu ver­dan­ken, die aus der UBahn an der Kreuz­ber­ger Sta­ti­on Schön­lein­stra­ße ka­men und die Flam­men lösch­ten.

Der schla­fen­de Ob­dach­lo­se lag auf ei­ner Bank, als der 21-Jäh­ri­ge ein Ta­schen­tuch an­ge­zün­det und un­mit­tel­bar ne­ben den Kopf des schla­fen­den Mann ge­wor­fen ha­ben soll. Der lag mit ei­ner De­cke über dem Kopf auf sei­nem Ruck­sack, der in ei­ner Plas­tik­tü­te steck­te. Bei­des brann­te schon. „Se­kun­den spä­ter hät­te es zu ei­nem gro­ßen Feu­er kom­men kön­nen“, sagt Staats­an­walt Gla­ge am Ran­de. Das ha­be ein nach­ge­stell­tes Sze­na­rio bei den Er­mitt­lun­gen be­stä­tigt.

Der An­klä­ger fin­det kla­re Wor­te: Die 16- bis 21-Jäh­ri­gen hät­ten bil­li­gend in Kauf ge­nom­men, dass der da­mals 37-Jäh­ri­ge aus Po­len hät­te „qual­voll ver­bren­nen“kön­nen. Ei­ne Tö­tungs­ab­sicht hät­ten sie aber nicht ge­habt. Er er­war­te kei­ne le­bens­lan­ge Haft­stra­fe, auch kei­ne im zwei­stel­li­gen Be­reich.

Kur­ze Flucht

Die Flucht war nur kurz. Nach­dem die Er­mitt­ler Bil­der ei­ner Über­wa­chungs­ka­me­ra ver­öf­fent­licht hat­ten, wur­den die mut­maß­li­chen Tä­ter ge­fasst. Sie sit­zen seit En­de De­zem­ber in U-Haft

Als Flücht­lin­ge sol­len die An­ge­klag­ten zwi­schen 2014 und 2016 nach Deutsch­land ge­kom­men sein, fünf als al­lein rei­sen­de Min­der­jäh­ri­ge. Sechs der sie­ben jun­gen Män­ner stam­men aus Sy­ri­en, ei­ner aus Li­by­en. Der Haupt­ver­däch­ti­ge wohn­te in Ber­lin bei sei­ner Tan­te.

Sein An­walt spricht von ei­ner „Un­ter­stel­lung“, dass sein Man­dant bil­li­gend in Kauf ge­nom­men ha­be, dass der Ob­dach­lo­se ster­ben könn­te. Zu­gleich sag­te er: „Das hat ein ver­hee­ren­des Schlag­licht auf Flücht­lin­ge ge­wor­fen.“

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