Der Farb­ma­gi­er als Fan­tast

Mu­se­um Wies­ba­den zeigt Emil Nol­des we­ni­ger be­kann­te Sei­te

Neue Osnabrucker Zeitung - Lotte, Westerkappeln, Mettingen, Tecklenburg - - Kultur -

Das Mu­se­um Wies­ba­den wid­met sich in ei­ner Aus­stel­lung dem Fan­tas­ti­schen und Gro­tes­ken im Werk des Ex­pres­sio­nis­ten Emil Nol­de.

Von Chris­ti­an Hu­ther

Das Mat­ter­horn lä­chelt als wei­ser al­ter Mann mit Rau­sche­bart vor sich hin, das Fins­tera­ar­horn in­des macht sei­nem Na­men al­le Eh­re und blickt grim­mig drein. Die Schwei­zer Al­pen hat Emil Nol­de als Kunst­leh­rer in St. Gal­len ab 1894 auf Post­kar­ten mit mensch­li­chen Zü­gen ver­se­hen. Nol­de schick­te sie an Freun­de, spä­ter ließ er ei­ni­ge dru­cken und ver­kauf­te in zehn Ta­gen rund 100 000 Ex­em­pla­re. Doch die gro­tes­ken Ber­ge pas­sen nicht zu dem po­pu­lä­ren Ma­ler (1867–1956), der we­gen sei­ner Blu­men- und Land­schafts­bil­der gern als Farb­ma­gi­er be­zeich­net wird.

Frei­lich war die Gro­tes­ke um 1900 all­ge­gen­wär­tig. Künst­ler von Au­brey Be­ards­ley bis Franz von Stuck nutz­ten sie für ei­ne fas­zi­nie­ren­de Ge­gen­welt zum Schö­nen und Gu­ten. Nur Nol­des ver­mensch­lich­te Ber­ge sind fast zu brav. „Die Gro­tes­ken gal­ten bis­her als Stör­fak­tor, mit dem man nicht um­zu­ge­hen wuss­te“, meint Chris­ti­an Ring von der Nol­de-Stif­tung in See­büll.

Doch den Künst­ler hat der „Ge­dan­ken­s­puk“bis ins ho­he Al­ter be­schäf­tigt. Das Mu­se­um Wies­ba­den zeigt nun an 20 Ge­mäl­den und 90 Ar­bei­ten auf Pa­pier, wie sich Nol­des Fai­b­le für das Fan­tas­ti­sche und Gro­tes­ke durch sein ge­sam­tes Schaf­fen zieht, von den frü­hen Post­kar­ten bis zum Spät­werk. Zu ver­dan­ken ist die Schau den In­ter­na­tio­na­len Ta­gen in In­gel­heim am Rhein, wo aber das Aus­stel­lungs­haus noch im­mer re­no­viert wird.

Tat­säch­lich ist die Aus­stel­lung ei­ne klei­ne Sen­sa­ti­on, denn das Ab­grün­di­ge hät­te man Nol­de nur in der Na­zi­Zeit zu­ge­traut, als er Be­rufs­ver­bot hat­te, ob­wohl er ein über­zeug­tes Braun­hemd war. Da­mals ent­stan­den die so­ge­nann­ten „Un­ge­mal­ten Bil­der“, rund 1300 klei­ne und im Ver­bo­ge­nen ge­mal­te Aqua­rel­le, die er nach 1945 teil­wei­se in Ge­mäl­de um­setz­te. Sein Mit­läu­fer­tum hat das Frank­fur­ter Stä­del vor drei Jah­ren the­ma­ti­siert. Doch bei Nol­de tun sich of­fen­bar im­mer neue The­men auf – und er ist ein Pu­bli­kums­lieb­ling, der ho­he Be­su­cher­zah­len ga­ran­tiert.

Nol­de lieb­te sei­ne nord­deut­sche Hei­mat. Schon 1910 war sein Meer blau und rot, der Him­mel gelb, die Wol­ken ro­sa. Kühn war er nur als Ko­lo­rist, sei­ne Mo­ti­ve wa­ren tra­di­tio­nell. Aber erst spät fand er sei­nen Stil, als er die Os­ter­wo­chen 1919 auf der In­sel Hal­lig Hoo­ge ver­brach­te. Völ­lig ab­ge­schie­den le­bend, brauch­te er kei­ne di­rek­te In­spi­ra­ti­on mehr. Ei­ne Se­rie von 71 Aqua­rel­len ent­sprang al­lein aus Nol­des Fan­ta­sie. Die wur­de be­flü­gelt von den Ur­ge­wal­ten, auch der Däm­me­rung und den ein­sa­men Näch­ten, wie er selbst sei­ne Er­leb­nis­se in der drit­ten Per­son be­schrieb: „Die merk­wür­digs­ten We­sen mit ih­ren Toll­hei­ten be­leb­ten sei­ne Stu­be und sie gin­gen mit ihm auf sei­nen Hal­lig­gän­gen, ihn fast un­sicht­bar um­schwir­rend.“Ei­ni­ge Fi­gu­ren va­ri­ier­te er bald da­nach als Ge­mäl­de, et­wa die blas­se „Tän­ze­rin“, die nun aber zum auf­rei­zen­den „Tol­len Weib“wird. Hö­he­punkt der Schau aber sind die „Un­ge­mal­ten Bil­der“. Hier kom­men sich Mensch und Tier sehr na­he, las­sen sich nicht klar von­ein­an­der tren­nen, wäh­rend die Far­ben auf­glü­hen. Nol­de selbst be­zeich­ne­te die Bil­der als „Aus­flü­ge ins Phan­tas­ti­sche jen­seits von Re­geln und küh­lem Wis­sen. Wer nicht träu­men und schau­en kann, kommt nicht mit.“

Zu den 20 Ge­mäl­den, die im Mu­se­um Wies­ba­den zu se­hen sind, ge­hört auch das auf­rei­zen­de „Tol­le Weib“, das Emil Nol­de 1919 mal­te. Ab­bil­dung: Nol­de Stif­tung See­büll

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