Was hält ei­ne Fa­mi­lie zu­sam­men?

An­net­te Min­gels’ Ro­man „Was al­les war“

Neue Osnabrucker Zeitung - Lotte, Westerkappeln, Mettingen, Tecklenburg - - Literatur -

„Was al­les war“: An­net­te Min­gels fragt nach dem, was ei­ne Fa­mi­lie aus­macht – und legt ei­nen der wich­tigs­ten Ro­ma­ne des Früh­jah­res vor.

Von Ste­fan Lüd­de­mann

Der Fa­mi­li­en­ro­man ist wie­der da. Nicht als Ge­ne­ra­tio­nen­ge­schich­te wie in Tho­mas Manns „Bud­den­brooks“, auch nicht als Ge­schlech­ter­sa­ga wie in „Hun­dert Jah­re Ein­sam­keit“von Ga­b­ri­el Gar­cía Már­quez. Der Ti­tel von An­net­te Min­gels’ Ro­man „Was al­les war“klingt nach aus­la­den­der Er­zäh­lung. Aber die Au­to­rin fasst das The­ma Fa­mi­lie an­ders an. Min­gels er­zählt nicht von stol­zem Her­kom­men, son­dern von der Patch­work-Fa­mi­lie. Ad­op­tiv­el­tern, leib­li­che Mut­ter, neu­er Part­ner und des­sen Kin­der – und ei­ne Frau mit­ten­drin. Die­ser Ro­man spielt al­le Fa­cet­ten des The­mas durch.

An­net­te Min­gels er­zählt von Su­san­ne, ge­nannt Su­sa. Die Mee­res­bio­lo­gin scheint be­ruf­lich ar­ri­viert. Ih­re Ad­op­tiv­el­tern ha­ben ihr Rück­halt und Si­cher­heit ge­ge­ben. Ei­nes Ta­ges aber mel­det sich Su­sas leib­li­che Mut­ter Vio­la. Das Tref­fen klärt Su­sa über ih­re Her­kunft auf. Es ver­un­si­chert aber auch Ge­wiss­hei­ten. Wer sind die bes­se­ren El­tern – die leib­li­chen oder die­je­ni­gen Men­schen, die sich küm­mern? Und was prägt den Men­schen mehr – der Co­de der Ge­ne oder die so­zia­len Er­fah­run­gen? Un­ter­schied­li­cher als Su­sa und ih­re Mut­ter Vio­la kön­nen zwei Men­schen je­den­falls kaum sein. Vio­la hat sich durch die Welt ge­liebt und ih­re Kin­der weg­ge­ge­ben. Ihr Weg er­in­nert an die Hip­pie-Kul­tur der Sech­zi­ger­jah­re.

Su­sa sucht et­was an­de­res. Sie lernt den Wit­wer Hen­ryk ken­nen. Und sei­ne bei­den Töch­ter. „An ei­nem Abend gin­gen wir es­sen, nur Hen­ryk und ich, wäh­rend sei­ne aus dem Os­ten an­ge­reis­te Mut­ter auf die Kin­der auf­pass­te, da­nach, vor mei­ner Haus­tür, der ers­te Kuss, die ers­ten Küs­se, mehr nicht. Wa­ren wir zu­sam­men?“Su­sa und Hen­ryk tas­ten sich nicht nur in die neue Zwei­sam­keit, sie bau­en auch ih­re neue Fa­mi­lie wie ein Kon­strukt, das al­le hal­ten soll und doch fra­gil ge­baut ist. Die Fa­mi­lie als Rück­halt und Such­bild zu­gleich: Ge­nau das ist das The­ma die­ses Ro­mans, so wie die Un­si­cher­heit der Lie­be. Bio­lo­gin Su­sa er­forscht das Paa­rungs­ver­hal­ten von Wür­mern, Li­te­ra­tur­wis­sen­schaft­ler Hen­ryk grü­belt über dem Min­ne­sang. So schön iro­nisch vi­siert An­net­te Min­gels an, was je­der Mensch zu­sam­men­brin­gen muss – Ver­lan­gen und Ver­ant­wor­tung.

Min­gels zeich­net ih­re Cha­rak­te­re dif­fe­ren­ziert und mit viel Wär­me, sie er­zählt kunst­voll ver­floch­te­ne Hand­lungs­strän­ge mit ei­ner bieg­sa­men Spra­che. Die Er­zäh­le­rin hat den Blick für die Un­si­cher­hei­ten ih­rer Fi­gu­ren wie auch für die Ge­fühls­wer­te klei­ner Si­tua­tio­nen. Min­gels hebt nicht ab in die Hö­hen des Ge­fühls, sie bleibt auf dem Bo­den des nor­ma­len Le­bens. Ih­re Wahl­ver­wandt­schaf­ten bil­den sich nicht, wie in Goe­thes le­gen­dä­rem Be­zie­hungs­ro­man, auf ei­nem ent­le­ge­nen Land­gut, son­dern in der un­auf­ge­räum­ten Kü­che oder im Wohn­zim­mer, wo die Spiel­sa­chen der Kin­der her­um­lie­gen.

An­fan­gen, Wei­ter­ma­chen, Lie­ben, Ver­lie­ren, Fin­den: So hei­ßen die Ka­pi­tel ei­nes Ro­mans, der vor­führt, wie Lie­be und Fa­mi­lie heu­te funk­tio­nie­ren. Nicht mehr als Ewig­keits­pro­jekt, son­dern als Le­bens­rei­se auf Sicht. Bis­wei­len ver­liert sich die­ses Buch in Klein­tei­lig­kei­ten, und auch das letz­te Ka­pi­tel, in dem Su­sa nach Ame­ri­ka reist, um ih­ren leib­li­chen Va­ter zu fin­den, ver­rutscht mit sei­nem Pa­thos. „Was al­les war“: Die­ser Ro­man wird sei­ne be­geis­ter­ten Le­ser fin­den, auch des­halb, weil er ge­sell­schaft­li­chen Kli­ma­wan­del an­zeigt. In Kri­sen­zei­ten fra­gen vie­le Men­schen nach greif­ba­rem Be­zug. Den bie­tet Fa­mi­lie. Der Ego-Trip der Selbst­ver­wirk­li­cher ver­liert an Fas­zi­na­ti­on.

Va­ter, Mut­ter, zwei Kin­der – sieht so Fa­mi­lie aus? In dem Ro­man „Was al­les war“geht es um die Fra­ge, wie Men­schen zu ei­ner Patch­work-Fa­mi­lie zu­sam­men­wach­sen. Fo­to: dpa

An­net­te Min­gels

Fo­to: Hen­drik Lue­ders

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