Um­keh­rung al­ler Wer­te

„Brü­der und Schwes­tern“: Birk Mein­hardts Fa­mi­li­en­sa­ga

Neue Osnabrucker Zeitung - Lotte, Westerkappeln, Mettingen, Tecklenburg - - Literatur - Birk Mein­hardt: Brü­der und Schwes­tern. 1989 – 2001. Han­ser, 672 Sei­ten, 24,99 Eu­ro

Von Kars­ten Herr­mann

Mit dem ers­ten Teil der Fa­mi­li­en­sa­ga „Brü­der und Schwes­tern“zeich­ne­te der in Ost­ber­lin ge­bo­re­ne Birk Mein­hardt ein pral­les Ge­sell­schafts­pan­ora­ma der DDR. Im zwei­ten Teil nimmt er nun die Wen­de­jah­re in den Fo­kus.

Am Tag der Mau­er­öff­nung be­fin­det sich Erik Wer­chow auf sei­ner ers­ten Di­enst­rei­se in West-Ber­lin und über ihm schla­gen die „Farb­wel­len zu­sam­men“. Noch mehr ver­schlägt es ihm al­ler­dings den Atem, als ihm die ers­ten Tra­bis und Ost­deut­schen auf dem Ku­damm ent­ge­gen­strö­men und er die Gren­ze zu­rück in Rich­tung Os­ten oh­ne den Ein­rei­ses­tem­pel pas­sie­ren muss. Die Eu­pho­rie ver­ur­sacht bei ihm Ab­wehr. Als Skep­ti­ker ahnt er, was die­ser Tag für ihn und für Mil­lio­nen an­de­re be­deu­ten wird.

An den ganz un­ter­schied­li­chen Le­bens­läu­fen von Erik und sei­nen Ge­schwis­tern Mat­ti und Brit­ta spie­gelt Birk Mein­hardt die um­fas­sen­den Um­brü­che der Wen­de wie­der: Ih­re Be­trie­be wer­den ab­ge­wi­ckelt, ver­kauft oder ge­hen Schrift­stel­ler plei­te. Wäh­rend Erik von der Ost­fir­ma „Welt­wer­bung“zu ei­ner west­deut­schen Phar­ma­fir­ma ins Mar­ke­ting wech­selt und Mat­ti auf sei­nem Fracht­schiff ein In-Lo­kal ein­rich­tet, kommt Brit­ta zu­nächst aus der be­ruf­li­chen Spur und lässt sich auf win­di­ge Fi­nanz­in­ves­ti­tio­nen ein. Doch ins­be­son­de­re dem Idea­lis­ten Mat­ti ist der Kern ih­rer Le­bens­ent­wür­fe ver­lo­ren ge­gan­gen. Erst jetzt of­fen­bart sich ih­nen das Sys­tem der DDR in sei­nem gan­zen Zy­nis­mus der Über­wa­chung, der ma­ro­den Wirt­schaft. Und in völ­li­ger „Ver­keh­rung der Wer­tig­kei­ten“zäh­len nach der Wie­der­ver­ei­ni­gung nur noch Geld und Kon­sum. Und so wehrt Mat­ti sich auch ge­gen die pau­scha­le Ab­wer­tung der DDR und ih­re Re­du­zie­rung auf Sta­si und Un­rechts­re­gime.

Mein­hardt hat mit dem zwei­ten Teil von „Brü­dern und Schwes­tern“sein Fa­mi­li­en­epos auf dif­fe­ren­zier­te Wei­se fort­ge­setzt. Auf der Fo­lie der ge­sell­schaft­li­chen Um­brü­che zoomt er in das Le­ben sei­ner Prot­ago­nis­ten, zeigt ih­re Hoff­nun­gen, Zwei­fel und Ängs­te, ih­re Aus­ein­an­der­set­zun­gen, Ver­wer­fun­gen und Ver­ir­run­gen. Birk Mein­hardts Ro­man kann in ei­ne Rei­he ge­stellt wer­den mit den Wen­de­ro­ma­nen von ost­deut­schen Au­to­ren wie In­go Schul­ze („Sim­ple Sto­rys“), Tho­mas Brus­sig („Hel­den wie wir“), Uwe Tell­kamp („Der Turm“) oder Lutz Sei­ler („Kru­so“).

Birk Mein­hardt. Fo­to: Pe­ter Has­sie­pen

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