SPD: Ver­tei­di­gungs­mi­nis­te­rin trägt die vol­le Ver­ant­wor­tung

Ge­ne­ral­se­kre­tä­rin Bar­ley wirft von der Ley­en Show-Po­li­tik vor – „Brau­ne Ter­ror-Nes­ter ein Skan­dal“

Neue Osnabrucker Zeitung - Lotte, Westerkappeln, Mettingen, Tecklenburg - - Politik - Von Bea­te Ten­fel­de

Zer­stört ei­ne Schlap­pe bei der Nord­rheinWest­fa­len-Wahl die Kanz­lerPlä­ne von Mar­tin Schulz? Zer­setzt brau­ner Ter­ror die Bun­des­wehr? Da­zu im Interview SPD-Ge­ne­ral­se­kre­tä­rin Ka­ta­ri­na Bar­ley.

Wahl­nie­der­la­gen an Saar und För­de brin­gen SPDKanz­ler­kan­di­dat Schulz mas­siv un­ter Druck. Hat es sich „aus­ge­schulzt“? Ab­so­lut nicht. Die An­zie­hungs­kraft von Mar­tin Schulz ist un­ge­bro­chen. Das mer­ken wir bei sei­nen vie­len Ver­an­stal­tun­gen im gan­zen Land – auch wenn dar­über nicht be­rich­tet wird. Die Ana­ly­se der Schles­wig-Hol­stein-Wahl deu­tet auf Pro­ble­me vor Ort. Es gab ei­nen ab­rup­ten Ein­bruch in den letz­ten Wo­chen.

Es sieht so aus, als müss­te der Kie­ler SPD-Wahl­ver­lie­rer Tors­ten Al­big als Sün­den­bock her­hal­ten, um Schulz zu schüt­zen . . .

Wir kön­nen doch nicht die Fakten igno­rie­ren. In den Um­fra­gen steht die Bun­des-SPD in Schles­wig-Hol­stein nach wie vor bei 30 Pro­zent. Die Lan­des-SPD ist da­ge­gen vom glei­chen Ni­veau bin­nen zwei Wo­chen ab­ge­stürzt. Das Pro­blem war, dass zum En­de mehr über das Pri­vat­le­ben des Kan­di­da­ten als über un­se­re gu­te Po­li­tik der letz­ten Jah­re ge­spro­chen wur­de.

Gab es Ma­nage­ment­feh­ler im Wahl­kampf ? Wo war Schulz, als An­ge­la Mer­kel mit Bil­dern aus Brüs­sel, Abu Dha­bi und Sot­schi die Me­di­en be­herrsch­te? Mar­tin Schulz macht das, was ein gu­ter Kanz­ler­kan­di­dat tun soll­te: Er reist durch Deutsch­land, be­sucht Un­ter­neh­men, Schu­len, so­zia­le Ein­rich­tun­gen und spricht mit den Men­schen. Wenn man wie die CDU-Vor­sit­zen­de nur die ganz gro­ßen Büh­nen im Aus­land be­dient, ver­liert man leicht den An­schluss zur Le­bens­wirk­lich­keit in un­se­rem Land.

Ha­ben Sie im­mer noch For­mu­la­re in der Ta­sche, weil stän­dig Men­schen in die SPD ein­tre­ten wol­len?

Ja, na­tür­lich. Weit über 16 000 sind seit der No­mi­nie­rung von Mar­tin Schulz in die SPD ein­ge­tre­ten, da­von 40 Pro­zent un­ter 35 Jah­ren. Das wird die SPD po­si­tiv ver­än­dern. Manch­mal wa­ren es Hun­der­te an ei­nem Tag, und auch jetzt wol­len im­mer noch sehr vie­le bei uns mit­ma­chen.

Wür­de ei­ne SPD-Schlap­pe am 14. Mai bei der NRWWahl die Schulz-Kanz­lerplä­ne de­fi­ni­tiv zer­stö­ren? Der­lei Spe­ku­la­tio­nen leh­ne ich ab. Klar ist: Je­de Wahl hat ei­ge­ne Ge­set­ze. Die fünf Land­tags­wah­len des letz­ten Jah­res fie­len al­le kom­plett un­ter­schied­lich aus.

Die nord­rhein-west­fä­li­sche Mi­nis­ter­prä­si­den­tin und SPD-Che­fin Han­ne­lo­re Kraft hat Rot-Rot-Grün aus­ge­schlos­sen. Si­gna­le in Rich­tung Gro­ße Ko­ali­ti­on? Die Lin­ke in Nord­rhein-West­fa­len ist we­der re­gie­rungs­wil­lig noch re­gie­rungs­fä­hig. Das hat Han­ne­lo­re Kraft auch schon in der Ver­gan­gen­heit im­mer wie­der be­tont. Wir kämp­fen für ei­ne star­ke SPD in Nord­rhein-West­fa­len. Wer nach der Wahl mit uns ko­alie­ren möch­te, ist herz­lich ein­ge­la­den, auf uns zu­zu­kom­men.

War es falsch, dass Spit­zen­mann Schulz so­zia­le Ge­rech­tig­keit be­schwor, in­halt­lich aber we­nig bot?

Das stimmt nicht. Mar­tin Schulz sagt sehr kon­kret, wo es mit ihm als Kanz­ler lang­ge­hen wird. Ge­ra­de erst hat er vor Hun­der­ten von Un­ter­neh­mern gesagt, mit ihm wer­de es ei­ne Re­gie­rung ge­ben, für die öko­no­mi­sche Ver­nunft zen­tral sein wird. Die SPD weiß, dass gu­te Po­li­tik für Ar­beit­neh­me­rin­nen und Ar­beit­neh­mer nur mög­lich ist, wenn es auch un­se­rer Wirt­schaft gut geht.

Die­se Äu­ße­run­gen sind un­ter­ge­gan­gen, weil Au­ßen­mi­nis­ter Sig­mar Ga­b­ri­el zeit­gleich sein Buch vor­stell­te. Er kann sich üb­ri­gens über Lob freu­en …

Das gön­nen wir ihm, er hat es ver­dient. Sig­mar Ga­b­ri­el macht ei­nen Su­per-Job als Au­ßen­mi­nis­ter. Er fin­det die rich­ti­ge Ba­lan­ce zwi­schen kla­ren Wor­ten und Ver­bind­lich­keit. Dass er das so gut und klug ma­chen wür­de, hat­ten sei­ne Kri­ti­ker ihm nicht zu­ge­traut. Wir schon.

Die So­zi­al­re­for­men des Kan­di­da­ten Schulz könn­ten Staat und Fir­men laut ak­tu­el­ler Be­rech­nung im Ex­trem­fall mehr als 30 Mil­li­ar­den Eu­ro kos­ten …

Jetzt kom­men die kon­ser­va­ti­ven Wirt­schafts­wis­sen­schaft­ler aus den Bü­schen und rech­nen Hor­ror­sze­na­ri­en aus. Ge­ra­de die Ar­beit­ge­ber­ver­bän­de ope­rie­ren bei un­se­rem Ar­beits­lo­sen­geld Q – ei­ner drin­gend be­nö­tig­ten Hil­fe für die Qua­li­fi­zie­rung von Ar­beits­lo­sen – mit ab­so­lu­ten Mond­zah­len. Das sind Milch­mäd­chen­rech­nun­gen, um die SPD zu dis­kre­di­tie­ren. Das ken­nen wir be­reits von der Min­dest­lohn-De­bat­te. Da­mals hieß es, Tau­sen­de von Jobs wür­den ent­fal­len. Ge­nau das Ge­gen­teil ist der Fall.

Milch­mäd­chen­rech­nun­gen nen­nen Sie das?

Ge­nau, die von den Kon­ser­va­ti­ven und Ar­beit­ge­bern be­stell­ten Wis­sen­schaft­ler ha­ben als Ba­sis ih­rer Be­rech­nun­gen an­ge­nom­men, dass al­le ALG-Q-Be­rech­tig­ten die ma­xi­ma­le För­de­rung über den ma­xi­ma­len Zei­t­raum er­hal­ten. Das ist un­se­ri­ös und täuscht bös­wil­lig. Und ja – die von der SPD ge­plan­te kos­ten­lo­se Kin­der­be­treu­ung kos­tet Geld. Aber die­se In­ves­ti­ti­on lohnt sich: Sie schafft Bil­dung, er­leich­tert In­te­gra­ti­on und er­mög­licht die Ver­ein­bar­keit von Fa­mi­lie und Beruf. Das zahlt sich auch wirt­schaft­lich aus. Un­ter­des­sen for­dern man­che in der CDU die Kür­zung von So­zi­al­leis­tun­gen, und die Ver­tei­di­gungs­mi­nis­te­rin will statt­des­sen 30 Mil­li­ar­den in die Auf­rüs­tung der Bun­des­wehr ste­cken. Das ist sch­licht zy­nisch.

Zum Schluss: Als Kon­se­quenz aus dem Skan­dal um den rechts­ex­tre­men Ober­leut­nant Fran­co A. sol­len in der Bun­des­wehr Spu­ren der Wehr­macht ge­tilgt wer­den. Auch kün­dig­te Ver­tei­di­gungs­mi­nis­te­rin Ur­su­la von der Ley­en Re­for­men an . . .

Das ist „Show-Po­li­tik“, ty­pisch Frau von der Ley­en. Ihr Ak­tio­nis­mus kommt viel zu spät und ist nur dem öf­fent­li­chen Druck ge­schul­det. Das konn­te man ge­ra­de wie­der nach der Son­der­sit­zung des Ver­tei­di­gungs­aus­schus­ses be­ob­ach­ten, die ge­gen er­bit­ter­ten Wi­der­stand der CDU durch­ge­setzt wer­den muss­te. Wir ha­ben es ganz of­fen­sicht­lich mit rechts­ex­tre­men Netz­wer­ken in der Bun­des­wehr zu tun. Dass sich da brau­ne Ter­rorNes­ter oh­ne Wis­sen der Ver­ant­wort­li­chen und des Mi­li­tä­ri­schen Ab­schirm­diens­tes bil­den konn­ten, ist ein hand­fes­ter Skan­dal. Da­für trägt die Ver­tei­di­gungs­mi­nis­te­rin die vol­le Ver­ant­wor­tung. Seit zwölf Jah­ren ist das Res­sort in den Hän­den von CDU und CSU. Und kei­ner der zu­stän­di­gen Mi­nis­ter hat et­was da­ge­gen un­ter­nom­men. Sich jetzt hin­zu­stel­len und zu sa­gen „da­von ha­ben wir nichts ge­wusst“ist er­bärm­lich.

Hält sich die Ver­tei­di­gungs­mi­nis­te­rin im Amt?

Es ist nie ein gu­tes Zei­chen, wenn ei­nem Frau Mer­kel ihr vol­les Ver­trau­en aus­spricht. Es muss­ten schon Mi­nis­ter für we­ni­ger zu­rück­tre­ten.

Ka­ta­ri­na Bar­ley Foto: dpa

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