Rai­ner Ep­pel­mann pre­digt De­mo­kra­tie

Pro­mi­nen­ter DDR-Zeit­zeu­ge im Evan­ge­li­schen Män­ner­kreis

Neue Osnabrucker Zeitung - Lotte, Westerkappeln, Mettingen, Tecklenburg - - Westfälische Tagespost -

Er ver­wei­ger­te in der DDR den Kriegs­dienst, kam in Haft und wur­de ihr letz­ter Ver­tei­di­gungs­mi­nis­ter – mit dem Zu­satz „für Abrüs­tung“. Das war Rai­ner Ep­pel­mann im evan­ge­li­schen Män­ner­kreis in Lot­te wich­tig.

Ein we­nig ir­re­füh­rend war der Ti­tel sei­nes Re­fe­rats im „Talk am Di­ens­tag“schon: „Ge­hört das Chris­ten­tum noch zu Deutsch­land?“Wer ei­ne Ge­gen­the­se zu Chris­ti­an Wul­ffs „Der Is­lam ge­hört zu Deutsch­land“er­war­te­te, wur­de ent­täuscht. Von Mus­li­men war über­haupt nicht die Re­de. Statt­des­sen pre­dig­te der evan­ge­li­sche Pfar­rer mit echt Ber­li­ner Schnau­ze vol­ler In­brunst das ho­he Lied der De­mo­kra­tie.

Die ei­gent­li­che Fra­ge, so Ep­pel­mann, lau­te: De­mo­kra­tie oder Dik­ta­tur? Vor 500 Jah­ren hät­ten die Deut­schen die an­de­re Fra­ge gar nicht ver­stan­den. Denn sie kann­ten nichts an­de­res als das Chris­ten­tum. „Wie wä­re es heu­te oh­ne die­ses Chris­ten­tum?“, frag­te der 74-Jäh­ri­ge und mein­te we­ni­ger die Kirch­tür­me und Fried­hofs­kreu­ze als das Recht auf freie Re­de, Gleich­be­rech­ti­gung, To­le­ranz, De­mo­kra­tie und die un­an­tast­ba­re Men­schen­wür­de des Grund­ge­set­zes.

Es ha­be zwei nicht völ­lig er­folg­lo­se Ver­su­che ge­ge­ben, Deutsch­land zu „ent­chris­tia­ni­sie­ren“. Den zwei­ten, die kom­mu­nis­ti­sche Dik­ta­tur, ha­be er in­ten­siv mit­er­lebt. So il­lus­trier­te Ep­pel­mann aus ei­ge­nem Er­le­ben zen­tra­le Da­ten der DDR-Ge­schich­te vom Be­ginn des ver­nich­ten­den Kir­chen­kamp­fes 1951 bis zur fried­li­chen Revolution 1989. Der Auf­stand vom 17. Ju­ni 1956 ha­be Tau­sen­de um die

Frei­heit, Hun­der­te um ihr Le­ben ge­bracht. Als die Flucht vor dem to­ta­li­tä­ren An­spruch des Staa­tes über­hand­nahm, ha­be Wal­ter Ul­bricht am 13. Au­gust 1961 „den an­ti­fa­schis­ti­schen Schutz­wall ge­baut, oh­ne mich zu fra­gen, ob ich wirk­lich ge­nug ge­lernt hät­te“. Denn die Ber­li­ner Mau­er ver­sperr­te dem Gym­na­si­as­ten den Schul­weg in den Wes­ten der Stadt.

Für ei­nen gläu­bi­gen Chris­ten sei die Ver­wei­ge­rung ge­gen­über der Dik­ta­tur nicht be­quem ge­we­sen, son­dern ei­ne Fra­ge von Frei­heit oder Un­frei­heit, in vie­len Fäl­len auch von Le­ben und Tod, sag­te Ep­pel­mann. Und: Je­der prü­fe sich selbst, ob er zum Hel­den tau­ge. Die Selbst­ver­bren­nung des Pfar­rers Os­kar Brü­se­witz 1976 sei wohl auch ein Fa­nal ge­gen die „Kir­che im So­zia­lis­mus als For­mel des Mit­ma­chens“ge­we­sen.

Zwei Jah­re spä­ter ha­be das ers­te Spit­zen­ge­spräch zwi­schen Staat und Kir­che zu ei­ner Art Burg­frie­den ge­führt, zu­gleich die Ein­füh­rung der Wehr­kun­de als Pflicht­schul­fach durch Mar­got Hone­cker aber die Op­po­si­ti­on be­feu­ert. „Und je­den Abend sind wir zu ih­nen in den Wes­ten ge­kom­men, ha­ben ge­se­hen, wie sie le­ben, ar­bei­ten, ein­kau­fen, Ur­laub ma­chen“, be­zog sich der Bür­ger­recht­ler auf die Fern­seh­ge­wohn­hei­ten.

„Da ha­be ich mir ge­dacht, so viel bes­ser als wir kön­nen die auch nicht sein. Wenn sie aber so viel mehr Le­bens­chan­cen ha­ben als wir, muss das wohl am Sys­tem lie­gen.“Die „Ra­ke­ten­jah­re“, als Erich Hone­cker Pers­hing und Crui­se Mis­si­les der USA ver­teu­fel­te, die vor­han­de­nen rus­si­schen SS20 aber „of­fen­bar für Frie­dens­tau­ben hielt“, ließ auch vie­le Nicht­chris­ten in die Kir­chen stre­ben.

Ep­pel­mann: „Sie wa­ren die ein­zi­gen ver­blie­be­nen Schutz­räu­me für die Op­po­si­ti­on.“Nur hier ha­be es die Frei­räu­me für of­fe­ne Ge­sprä­che über den Frie­den ge­ge­ben. Nur von hier hät­ten die De­mons­tra­tio­nen aus­ge­hen kön­nen, die am 9. Ok­to­ber 1989 in Leipzig und an­dern­orts da­für sorg­ten, dass „die Angst die Sei­te wech­sel­te“.

Foto: Tho­mas Nie­mey­er

Nach­denk­lich und ein­dring­lich zu­gleich schlug Rai­ner Ep­pel­mann (rechts) Pas­tor Det­lef Sa­lo­mo und den ge­sam­ten Män­ner­kreis in sei­nen Bann.

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