„Ei­ne ab­grund­tie­fe Un­ver­schämt­heit“

Zwei Wes­ter­kap­pel­ner we­gen ge­mein­schaft­li­chen Rau­bes ver­ur­teilt

Neue Osnabrucker Zeitung - Lotte, Westerkappeln, Mettingen, Tecklenburg - - Westfälische Tagespost -

Dass ih­nen we­gen der lä­cher­li­chen Sum­me von fünf Eu­ro Ge­fäng­nis droht, war den bei­den Wes­ter­kap­pel­nern wohl nicht be­wusst. Das Schöf­fen­ge­richt Ibbenbüren ver­ur­teil­te sie we­gen ge­mein­schaft­li­chen Rau­bes zu Frei­heits­stra­fen auf Be­wäh­rung.

Von Frank Klaus­mey­er

Spä­tes­tens seit Di­ens­tag dürf­te dem 44-Jäh­ri­gen und sei­nem elf Jah­re jün­ge­ren Kum­pel aber klar sein, was sie da ver­bro­chen ha­ben: 14. De­zem­ber 2015. Der 44-Jäh­ri­ge zecht spät­abends in sei­ner Woh­nung im Wes­ter­kap­pel­ner Orts­kern mit sei­nem Kum­pel. Als die Fla­schen leer sind, wol­len sie Nach­schub ho­len, ha­ben aber kein Geld. Dann kom­men sie auf die Idee, sich fünf Eu­ro beim Nach­barn des 44-Jäh­ri­gen, der im Erd­ge­schoss des Hau­ses in ei­ner Ein-Zim­merWoh­nung lebt, zu be­sor­gen.

Die Män­ner ge­hen nach un­ten, klop­fen an. Der Nach­bar öff­net, und ehe sich die­ser ver­sieht, ste­hen die zwei in sei­ner Woh­nung. Der ge­naue Ver­lauf der kur­zen Un­ter­hal­tung ließ sich in der Haupt­ver­hand­lung nicht klä­ren – wohl auch, weil es Sprach­bar­rie­ren gab. Die bei­den An­ge­klag­ten sind Spät­aus­sied­ler, die nur ge­bro­chen Deutsch spre­chen. Das Op­fer, das aus Afri­ka stammt und in Westerkappeln lebt und ar­bei­tet, ist der deut­schen Spra­che noch we­ni­ger mäch­tig. Dass die bei­den fünf Eu­ro von ihm wol­len, hat er aber ver­stan­den. Er stellt klar, kein Geld zu ha­ben, und for­dert die un­ge­be­te­nen Gäs­te auf, die Woh­nung zu ver­las­sen, sonst ru­fe er die Po­li­zei.

Der 44-Jäh­ri­ge nimmt das of­fen­sicht­lich zum An­lass, sei­ner For­de­rung mehr Nach­druck zu ver­lei­hen und um­klam­mert das Op­fer mit bei­den Ar­men. Sein Be­kann­ter sieht sich der­weil im Zim­mer um, schaut in den Schub­la­den nach. Geld fin­det er nicht, ent­deckt aber zwei Han­dys auf dem Bett. Das ei­ne nimmt er an sich. Da­nach ver­las­sen die bei­den Män­ner die Woh­nung.

Das Op­fer ruft die Po­li­zei, die die Tä­ter schnell er­mit­telt. Das ge­stoh­le­ne Smart­pho­ne gibt der 44-Jäh­ri­ge nach et­wa ei­ner Wo­che zu­rück und ent­schul­digt sich. Das Mo­bil­te­le­fon ha­be in sei­nem Brief­kas­ten ge­le­gen, be­haup­tet er vor Ge­richt. Wie es dort­hin ge­kom­men ist, wis­se er nicht.

Nur ein Miss­ver­ständ­nis?

Der 33-Jäh­ri­ge räumt im Ver­lauf des Pro­zes­ses ein, es noch am Tat­abend auf den Brief­kas­ten ge­legt zu ha­ben. Er ha­be es nicht steh­len, son­dern nur sei­ne Ex-Freun­din da­mit an­ru­fen wol­len.

Bei­de An­ge­klag­ten er­zäh­len zu­nächst ei­ne an­de­re Ver­si­on: Da­nach woll­te der jün­ge­re der bei­den An­ge­klag­ten am be­sag­ten Abend sei­ne Ex an­ru­fen. Weil der 44-Jäh­ri­ge da­mals aber kein Han­dy be­ses­sen ha­be, woll­te man beim Nach­barn fra­gen, ob man des­sen Te­le­fon be­nut­zen dür­fe. Fünf Eu­ro ha­be man ihm da­für ge­ben wol­len. Der Rest sei wohl ein Miss­ver­ständ­nis ge­we­sen. Sei­nen Nach­bar ha­be er nur um­armt, weil er sich vor des­sen wil­den Hand­be­we­gun­gen schüt­zen woll­te, ar­gu­men­tier­te der 44-Jäh­ri­ge auf ei­ne Art Not­wehr.

Ur­sprüng­lich soll­te die Ver­hand­lung vor dem Schöf­fen­ge­richt schon am 2. Fe­bru­ar statt­fin­den. Bei­de An­ge­klag­ten wa­ren aber nicht er­schie­nen, wes­halb sie fest­ge­nom­men und nun von der Po­li­zei zur Ver­hand­lung vor­ge­führt wur­den.

Auf den ers­ten Blick er­schei­ne die Vor­ge­hens­wei­se vi­el­leicht gar nicht so schlimm, mein­te der Vor­sit­zen­de Rich­ter. Ge­nau be­trach­tet han­de­le es sich aber um ei­ne gra­vie­ren­de Straf­tat. Auch wenn es kei­ne Ver­let­zun­gen gab, sei Ge­walt ge­gen das Op­fer an­ge­wen­det wor­den. Des­halb sei­en die bei­den An­ge­klag­ten we­gen ge­mein­schaft­li­ches Rau­bes zu ver­ur­tei­len, wenn­gleich das Ge­richt auf ei­nen min­der­schwe­ren Fall er­kann­te. Als straf­ver­schär­fend be­ur­teil­te es das Ein­drin­gen in die Woh­nung. Bei sol­chen Über­grif­fen in den pri­va­ten Le­bens­be­reich „ist die Jus­tiz be­reit, Flag­ge zu zei­gen“, er­klär­te der Vor­sit­zen­de Rich­ter.

Der 44-Jäh­ri­ge, der bis­lang ein straf­frei­es Le­ben ge­führt hat, wur­de zu elf Mo­na­ten Ge­fäng­nis ver­ur­teilt, die für drei Jah­re zur Be­wäh­rung aus­ge­setzt wur­den. Beim 33jäh­ri­gen Tä­ter fiel die Ent­schei­dung dem Ge­richt nach ei­ge­nem Be­kun­den schwe­rer, weil die­ser be­reits ein Dut­zend Vor­stra­fen auf dem Kon­to hat. Der Staats­an­walt plä­dier­te auf 15 Mo­na­te Frei­heits­stra­fe oh­ne Be­wäh­rung, nicht zu­letzt, weil das Ein­drin­gen in die Pri­vat­sphä­re ei­ne „ab­grund­tie­fe Un­ver­schämt­heit“sei.

Weil das Ge­richt für den An­ge­klag­ten, der ei­nen Job hat und sich nach ei­ge­nen An­ga­ben re­gel­mä­ßig um sei­nen sechs­jäh­ri­gen Sohn küm­mert, ei­ne po­si­ti­ve So­zi­al­pro­gno­se be­schei­nig­te, ließ es Mil­de wal­ten und ver­häng­te ei­ne vier­jäh­ri­ge Be­wäh­rungs­zeit. Bei­de Ver­ur­teil­ten müs­sen über­dies je 1500 Eu­ro Geld­bu­ße zah­len.

Aus dem Ge­richts­saal: Wei­te­re Pro­zess­be­rich­te aus der Re­gi­on le­sen Sie im In­ter­net auf noz.de/jus­tiz

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