„Das schlimms­te Kind in der Klas­se“

Ei­ne Fa­mi­lie aus dem Land­kreis Os­na­brück be­rich­tet über ihr Le­ben mit Kin­dern, die an ADHS lei­den

Neue Osnabrucker Zeitung - Lotte, Westerkappeln, Mettingen, Tecklenburg - - Hintergrund - * Sämt­li­che Na­men auf Wunsch der Fa­mi­lie ge­än­dert

„Er­zieh doch lie­ber mal dein Kind, an­statt es mit Me­di­ka­men­ten ru­hig­zu­stel­len!“El­tern von Kin­dern, die an ei­ner Auf­merk­sam­keits­de­fi­zit-Hy­per­ak­ti­vi­täts­stö­rung (ADHS) lei­den und sie mit Me­di­ka­men­ten be­han­deln las­sen, müs­sen sich häu­fig schwe­re Vor­wür­fe an­hö­ren. Ei­ne Mut­ter aus dem Os­na­brü­cker Nord­kreis be­rich­tet, wie es ihr er­gan­gen ist.

Von Cor­ne­lia Achen­bach

Als sich Hil­de­gard St­ein­kamp* und ihr Mann 1985 da­zu ent­schlie­ßen, ein Kind zu ad­op­tie­ren, ah­nen sie noch nicht, wor­auf sie sich ein­las­sen. Dass Markus* an­ders war als an­de­re Kin­der, das ha­be sich je­doch früh ab­ge­zeich­net, sagt Hil­de­gard St­ein­kamp. „Ich ha­be zehn Jah­re lang als Er­zie­he­rin ge­ar­bei­tet. Mit 25 Kin­dern in ei­ner Grup­pe kam ich klar, wie kann es da sein, dass ich es mit die­sem ei­nen hier zu Hau­se nicht schaf­fe?“, ha­be sie sich ge­fragt.

Die ers­ten Pro­ble­me tau­chen im Kin­der­gar­ten auf. Es heißt, Markus ma­che al­les ka­putt, sei zu laut und frech. Doch das sei harm­los ge­we­sen im Ver­gleich zur Grund­schu­le. „Der ers­te El­tern­sprech­tag war der Hor­ror“, sagt Hil­de­gard St­ein­kamp. „Un­ser Kind galt als das schlimms­te Kind in der Klas­se. Das trifft ei­nen noch mal be­son­ders stark, wenn man selbst so oh­ne Pro­ble­me durch die Schu­le ge­kom­men ist.“

Zu­nächst sei Markus noch ganz gut zu­recht­ge­kom­men. Er ha­be ei­ne „Leh­re­rin vom al­ten Schlag“ge­habt, bei der der Un­ter­richt sehr klar struk­tu­riert war. Spä­ter ha­be Markus dann je­doch ei­nen sehr lie­ben, aber auch we­ni­ger stren­gen Leh­rer be­kom­men, der den Schü­lern we­nig Gren­zen setz­te – was für den Grund­schü­ler fa­tal war. Zwei der Wör­ter, die Hil­de­gard St­ein­kamp wäh­rend des Ge­sprächs an die­sem Vor­mit­tag häu­fig be­nutzt: „Struk­tur“und „Gren­zen“. Bei­des bräuch­ten Kin­der mit ADHS, sagt sie. Von die­ser Stö­rung hat sie al­ler­dings da­mals, An­fang der 90er-Jah­re, noch nie ge­hört. Was sie statt­des­sen stän­dig hör­te: das Te­le­fon.

„Stän­dig rief bei uns die Schu­le an“, be­rich­tet Hil­de­gard

„Da stimmt et­was nicht“

St­ein­kamp. Weil ihr Sohn den Un­ter­richt stö­re, so un­kon­zen­triert und zap­pe­lig sei. „Uns wur­de gesagt, wir hät­ten Markus ver­wöhnt. Ich war fas­sungs­los. El­tern kann man ja al­les ein­re­den – ent­we­der über­be­hü­ten sie ih­re Kin­der oder es heißt, dass sie sie ver­nach­läs­si­gen. Da­bei ha­ben wir al­les ge­tan für die­ses Kind.“Ihm vor­ge­le­sen, mit ihm ge­spielt, ihm viel Be­we­gung ge­bo­ten. Stän­dig sei er mit den Nach­bars­kin­dern drau­ßen ge­we­sen oder sei auf dem Hof der Groß­el­tern ge­we­sen und ha­be die Tie­re ge­füt­tert.

Als Markus in die Pu­ber­tät kommt, neh­men sei­ne El­tern ein wei­te­res Pfle­ge­kind auf. Stefan, ei­nen vier­jäh­ri­gen Jun­gen, der kaum noch in ei­ne Fa­mi­lie zu ver­mit­teln war. Ste­fans bis­he­ri­ge Pfle­ge­mut­ter woll­te das Kind nicht mehr im Haus ha­ben: Er ma­che al­les ka­putt, sei zu laut und zu frech.

Die Ge­schich­te wie­der­holt sich. Kaum ist Stefan in der Schu­le, kommt der An­ruf: „Frau St­ein­kamp, der Stefan macht nicht mit. Der will nicht mit in den Klas­sen­raum und

bleibt ein­fach un­ter der Trep­pe sit­zen.“

„Ich ha­be ihn dann dort in der Schu­le be­sucht“, er­in­nert sich Hil­de­gard St­ein­kamp. Auf dem Tisch hät­ten Stif­te und Pa­pier, Brot­do­sen und Trink­fla­schen ge­le­gen, es sei ein ein­zi­ges Cha­os ge­we­sen. „Mir war so­fort klar, dass Stefan hier nicht klar­kom­men wird.“Nach acht Wo­chen klin­gelt wie­der ein­mal das Te­le­fon: „Die­ses Kind ver­lässt die Schu­le“, heißt es. Stefan soll auf ei­ne För­der­schu­le. Doch sei­ne Mut­ter geht auf die Bar­ri­ka­den, sucht das Gespräch mit der Schul­lei­tung und dem Ju­gend­amt. Schließ­lich wird ent­schie­den, Stefan in ei­ne an­de­re Klas­se zu ver­set­zen, um „ei­nen Neu­an­fang“zu wa­gen. Wie­der dau­ert es nur we­ni­ge Ta­ge, bis das Te­le­fon klin­gelt. Es ist Ste­fans neue Leh­re­rin. Sie sagt: „Mit dem Kind stimmt et­was nicht. Sie soll­ten mit ihm zu ei­nem Kin­der­arzt oder ei­nem Psy­cho­lo­gen.“

Die­sen Rat nimmt sich Hil­de­gard St­ein­kamp zu Her­zen, die Dia­gno­se lau­tet schließ­lich: Le­se- und Recht­schreib­schwä­che. Als Ste­fans Leh­re­rin

das hört, sagt sie: „Dann kön­nen sie gleich noch mal mit Ih­rem Kind los­zie­hen. Ich ken­ne Kin­der mit Le­se- und Recht­schreib­schwä­che. Ihr Kind hat et­was an­de­res.“

Beim Ge­sund­heits­dienst des Land­krei­ses Os­na­brück sagt ihr ein Arzt schließ­lich: „Ihr Sohn hat ADS.“Ein Auf­merk­sam­keits­de­fi­zit-Syn­drom – oh­ne das „H“, das für Hy­per­ak­ti­vi­tät steht. „Stefan war im­mer un­heim­lich lahm. Aber in­ner­lich sehr un­ru­hig“, sagt sei­ne Mut­ter.

Im Kin­der­hos­pi­tal wer­den meh­re­re Tests ge­macht, Stefan be­kommt Me­di­ka­men­te, es dau­ert ei­ne Wei­le, bis das rich­ti­ge für ihn ge­fun­den wird. „Plötz­lich war er viel kon­zen­trier­ter, nicht mehr so auf­brau­send, und auch so­zi­al fä­hig.“Wer­den die Me­di­ka­men­te ein­mal ver­ges­sen, fällt dies in der Schu­le so­fort auf, und prompt klin­gelt wie­der das Te­le­fon.

In der Selbst­hil­fe­grup­pe

In die­ser Zeit be­sucht Hil­de­gard St­ein­kamp auch zum ers­ten Mal ei­ne Selbst­hil­fe­grup­pe. Ei­ne Freun­din hat­te ei­nen Ar­ti­kel in der „Neu­en

Os­na­brü­cker Zei­tung“ge­le­sen und sie dar­auf auf­merk­sam ge­macht. 25 El­tern, die eben­falls durch den Ar­ti­kel auf die Grup­pe ge­sto­ßen wa­ren, hät­ten im Gast­haus Beck­mann in Wallenhorst zu­sam­men­ge­ses­sen. Vier St­un­den lang ha­be das Tref­fen ge­dau­ert, erst dann hät­ten al­le El­tern von ih­ren „er­schre­cken­den Er­leb­nis­sen“mit ih­ren her­an­wach­sen­den Kin­dern be­rich­tet. „Ich kam erst nach Mit­ter­nacht nach Hau­se und ha­be so­fort mei­nen Mann ge­weckt. ‚Du, jetzt weiß ich auch, was mit Markus nicht stimmt‘ , ha­be ich zu ihm gesagt.“Markus ist zu dem Zeit­punkt zwölf Jah­re alt. Ei­ne Ärz­tin in Os­na­brück-Nah­ne, die selbst ein Kind hat, das un­ter ADHS lei­det, ver­schreibt ihm Me­di­ka­men­te.

„Als Markus mit­tags von der Schu­le kam, ha­be ich ge­heult“, er­in­nert sich Hil­de­gard St­ein­kamp. Da sitzt ihr Sohn am Ess­tisch – und auf ein­mal kann sie sich mit ihm un­ter­hal­ten. „Ganz oh­ne Spin­nig­kei­ten. Sonst hat­te er stän­dig ir­gend­wel­che Ide­en im Kopf, kam mit ei­nem an­de­ren The­ma aus der Schu­le, das er aus­dis­ku­tie­ren

woll­te, aber nie ließ er mich da­bei wirk­lich zu Wort kom­men.“Doch nun ist ei­ne nor­ma­le Un­ter­hal­tung mög­lich.

Auch Markus be­merkt die Ver­wand­lung. Auf ein­mal kann er selbst in sei­nem Angst­fach Ma­the dem Un­ter­richt fol­gen und mit­ar­bei­ten. Doch dann hät­ten sie ei­ne fa­ta­le Ent­schei­dung ge­trof­fen, sagt Hil­de­gard St­ein­kamp – und die Me­di­ka­men­te in den Som­mer­fe­ri­en ab­ge­setzt. Das hät­ten Ärz­te frü­her so emp­foh­len: Me­di­ka­men­te mor­gens ein­neh­men, um die Schu­le zu über­ste­hen, und sonst weit­ge­hend dar­auf ver­zich­ten. Was im Fall von Markus zur Fol­ge hat, dass er sei­ne Me­di­ka­men­te gar nicht mehr neh­men will.

Me­di­ka­men­te als Chan­ce?

„Er sag­te, sei­ne Freun­de und sei­ne Freun­din hät­ten ihm gesagt, dass er sich so ver­än­dert ha­be. Er sei so ver­nünf­tig ge­wor­den, gar nicht mehr so ver­rückt wie frü­her“, sagt Hil­de­gard St­ein­kamp. Kurz dar­auf ha­ben sie das ers­te Mal mit der Ju­gend­ge­richts­hil­fe zu tun. Denn da sind sie wie­der: die ver­rück­ten Ide­en, die „Spin­nig­kei­ten“, das un­über­leg­te Han­deln. Los geht es mit dem Spray­en. „In ei­ner Nacht ha­ben sie den ge­sam­ten Ort voll­ge­sprüht“, sagt Hil­de­gard St­ein­kamp. Sie ha­be ih­rem Sohn ins Ge­wis­sen ge­re­det, ihm klar­ge­macht, dass so et­was doch nicht oh­ne Kon­se­quen­zen blei­ben wür­de. Doch Markus hört nicht auf sei­ne Mut­ter. Es fol­gen La­den­dieb­stäh­le, Pro­ble­me mit Dro­gen. Mit „Ach und Krach“ha­be er schließ­lich die Haupt­schu­le ge­schafft. „Da­bei war er so in­tel­li­gent, er hät­te lo­cker ei­nen Re­al­schul­ab­schluss ma­chen kön­nen“, sagt sei­ne Mut­ter. Wenn er denn sei­ne Me­di­ka­men­te ge­nom­men hät­te. Im­mer wie­der ha­be sie sich da­für stark­ge­macht, Kin­der mit ADHS me­di­ka­men­tös be­han­deln zu las­sen – im­mer wie­der sei sie da­für an­ge­fein­det wor­den. „Wie kannst du dei­nem Kind nur Me­di­ka­men­te ge­ben? Er­zieh das doch mal rich­tig!“Sol­che und ähn­li­che Vor­wür­fe ha­be sie sich im­mer wie­der an­hö­ren müs­sen. „Aber wenn man ei­ne Stoff­wech­sel­stö­rung im Ge­hirn hat, dann sind Me­di­ka­men­te doch die ein­zi­ge Mög­lich­keit, klar­zu­kom­men“, sagt Hil­de­gard St­ein­kamp. Sie schüt­telt den Kopf. „Wer sich mit ADHS aus­kennt – und das sind meis­tens die be­trof­fe­nen El­tern – der weiß, dass Me­di­ka­men­te die ein­zi­ge Chan­ce sind. Zu­min­dest bei so ei­ner schwe­ren Form von ADHS.“

Fragt man Hil­de­gard St­ein­kamp, wie es mit Markus wei­ter­ge­gan­gen ist, schüt­telt sie den Kopf, ih­re Stim­me wird brü­chig. „Mein Äl­tes­ter liegt im Gr­ab“, sagt sie. Der Tod ei­nes en­gen Freun­des, Dro­gen und psy­chi­sche Pro­ble­me – ir­gend­wann war es zu viel. Markus nimmt sich im Al­ter von 29 Jah­ren das Le­ben.

Stefan wohnt auch heu­te noch bei sei­nen El­tern. Er hat ei­ne Aus­bil­dung als Kon­struk­ti­ons­tech­ni­ker ab­ge­schlos­sen und nimmt re­gel­mä­ßig sei­ne Me­di­ka­men­te. Hil­de­gard St­ein­kamp ist mitt­ler­wei­le fast ei­ne Ex­per­tin in Sa­chen ADHS ge­wor­den. Im­mer wie­der fährt sie zu Kon­gres­sen, en­ga­giert sich in der ört­li­chen Selbst­hil­fe­grup­pe. „Ich war ein­mal bei ei­nem drei­tä­gi­gen Kon­gress in Aa­chen“, er­zählt sie. Dort ha­be der da­ma­li­ge Lei­ter der Köl­ner Uni­k­li­nik ei­nen Vor­trag ge­hal­ten und gesagt: „Ei­nem ADHS­ler kei­ne Me­di­ka­men­te zu ge­ben, das ist un­ter­las­se­ne Hil­fe­leis­tung.“

Stän­di­ge Un­ru­he im Kopf: Ei­ne Mut­ter aus dem Nord­kreis be­rich­tet über ihr Le­ben mit zwei Kin­dern, bei de­nen AD(H)S dia­gnos­ti­ziert wur­de. Sym­bol­fo­to: dpa

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