Der täg­li­che Wahn­sinn: Wie El­tern Kin­dern mit AD(H)S hel­fen kön­nen

Ex­per­tin Mor­sz­eck-Gro­ten aus Os­na­brück be­rät El­tern, Leh­rer und Er­zie­her – „Lie­be­vol­le Stur­heit“als ge­eig­ne­te Me­tho­de

Neue Osnabrucker Zeitung - Lotte, Westerkappeln, Mettingen, Tecklenburg - - Hintergrund -

Von Cor­ne­lia Achen­bach

OS­NA­BRÜCK. Was kön­nen El­tern tun, de­ren Kin­der an AD(H)S lei­den? Do­ris Mor­sz­eck-Gro­ten aus Os­na­brück ist Di­plom-So­zi­al­päd­ago­gin und ADHS-Trai­ne­rin.

Frau Mor­sz­eck-Gro­ten, al­le Klein­kin­der sind doch ir­gend­wie quir­lig und quas­seln viel – ab wel­chem Al­ter kann man über­haupt er­ken­nen, ob ein Kind an AD(H)S lei­det?

Oft kom­men El­tern zu mir, de­ren Kin­der in die zwei­te Klas­se ge­hen. Häu­fig wird die Dia­gno­se ADS oder ADHS erst in die­sem Al­ter ge­stellt. Aber man kann bei be­trof­fe­nen Kin­dern schon viel eher er­ken­nen, dass sie an­ders und ir­gend­wie spe­zi­ell sind. Al­ler­dings ge­nie­ßen sie dann noch den „Ba­by­bo­nus“, und El­tern den­ken und hof­fen: Das wächst sich noch raus. Hin­zu kommt, dass El­tern ja oft nur die­ses ei­ne Kind ha­ben, da­her kei­nen Ver­gleich zie­hen kön­nen und sich an vie­le be­son­de­re Ver­hal­tens­wei­sen ih­res Kin­des ein­fach auch ge­wöhnt ha­ben. War­um wird AD(H)S in der Schul­zeit er­kannt?

Weil hier zum ers­ten Mal Leis­tungs­druck herrscht. Die Kin­der müs­sen jetzt zu­neh­mend so funk­tio­nie­ren wie al­le an­de­ren, und das schaf­fen sie dann nicht mehr.

Und Kin­dern mit AD(H)S fällt es schwer sich zu kon­zen­trie­ren ...

Nicht un­be­dingt. Wenn sie et­was span­nend fin­den, dann krie­gen sie al­les hin und kön­nen sich su­per kon­zen­trie­ren. Das hat neu­ro­bio­lo­gi­sche Grün­de: Wenn die Amyg­da­la, al­so der „Man­del­kern“des Ge­hirns, po­si­tiv an­ge­spro­chen wird, steht zur In­for­ma­ti­ons­ver­ar­bei­tung mehr des Bo­ten­stoffs Do­pa­min zur Ver­fü­gung. Das ist bei al­len Men­schen so. Bei AD(H)S-Be­trof­fe­nen be­deu­tet es aber, dass dies die sons­ti­ge AD(H)S-ty­pi­sche Un­ter­ver­sor­gung mit Do­pa­min mehr oder we­ni­ger aus­gleicht und das Kind sich und sei­ne Auf­merk­sam­keit bes­ser steu­ern kann.

In Ih­rer Pra­xis in der Turm­stra­ße be­ra­ten Sie El­tern, bil­den aber an­der­orts auch Er­zie­her und Leh­rer fort. Da­bei geht es um Trai­ning im Um­gang mit AD(H)S-ty­pi­schen Ver­hal­tens­wei­sen, nicht aber um Me­di­ka­men­te. Leh­nen Sie die­se ab? Nein, über­haupt nicht. Ich bin zwar über­zeugt da­von, dass nicht je­des Kind mit AD(H)S Me­di­ka­men­te braucht, aber ich tei­le die Mei­nung von Cor­du­la Neu­haus (deut­sche Psy­cho­the­ra­peu­tin und ADHSEx­per­tin, Anm. d. Red.), die es als un­ter­las­se­ne Hil­fe­leis­tung be­zeich­net, ei­nem AD(H)Sbe­trof­fe­nen Kind kei­ne Me­di­ka­men­te zu ge­ben, wenn es oh­ne nicht von Hilfs­an­ge­bo­ten pro­fi­tie­ren kann. Vie­le El­tern sind beim The­ma Me­di­ka­ti­on rat­los und be­fürch­ten, ih­rem Kind gro­ßen Scha­den zu­zu­fü­gen, wenn sie es me­di­ka­men­tös be­han­deln las­sen, aber die­se Sor­ge ist bei gu­ter ärzt­li­cher Be­glei­tung un­be­grün­det. Bei dem The­ma ADHS wird lei­der schnell sehr emo­tio­nal und wi­der­sprüch­lich ar­gu­men­tiert, es gibt hier oft zwei La­ger: Die ei­nen sa­gen, AD(H)S sei ei­ne Mo­de­dia­gno­se, frü­her ha­be es das doch auch nicht ge­ge­ben, die El­tern wol­len es sich doch nur ein­fach ma­chen, lie­ber soll­ten die mal ih­re Kin­der rich­tig er­zie­hen. In die­sem La­ger fin­det man durch­aus auch Fach­kräf­te: Leh­rer, so­gar The­ra­peu­ten und Ärz­te. Das zwei­te La­ger sieht so aus: Das Kind zeigt die­se und je­ne (durch­aus AD[H]S-ty­pi­sche) Ver­hal­tens­wei­se, das muss doch ei­ne AD(H)S ha­ben.

Wie hel­fen Sie den El­tern? Zu­nächst geht es dar­um, dass El­tern ver­ste­hen, war­um ihr Kind so ist, wie es ist. Man­chen El­tern fällt es dann schon leich­ter, bei Wu­t­aus­brü­chen oder schwie­ri­gen Si­tua­tio­nen nicht mehr so ver­är­gert zu sein – das Kind kön­ne ja nichts da­für und ma­che es nicht ab­sicht­lich. Dann ar­bei­ten wir ganz klein­schrit­tig an der Ein­stel­lung der El­tern und an den „Stör­fäl­len“.

Wel­che Stör­fäl­le denn?

Im Grun­de sind es oft die glei­chen: das Mor­gen- und Abend­ri­tu­al, die Es­sens­si­tua­ti­on, das Er­le­di­gen von Haus­auf­ga­ben. Auf­ste­hen, sich wa­schen, am Tisch sit­zen und früh­stü­cken, sich fer­tig­ma­chen für die Schu­le – El­tern von Kin­dern mit AD(H)S kön­nen an die­sen ein­fa­chen Auf­ga­ben schon mal ver­zwei­feln.

Was ra­ten Sie?

Zu­nächst ein­mal: im­mer vor­war­nen. Ei­nem AD(H)S-Kind mit ei­ner Pflicht­auf­ga­be zu kom­men, die hier und jetzt er­le­digt wer­den soll, geht meis­tens schief. Da­her am bes­ten zu dem Kind sa­gen: In fünf Mi­nu­ten stehst du auf. Dann kann man vi­el­leicht noch ei­nen An­reiz schaf­fen, al­so wie­der den „Man­del­kern“an­spre­chen. Vie­le El­tern fin­den es ganz furcht­bar, wenn ich das sa­ge, aber ein Gum­mi­bär­chen auf dem Früh­stückstel­ler kann den All­tag er­leich­tern. Essen als Be­loh­nung – das sorgt si­cher für Dis­kus­sio­nen. Über­haupt die­se „Wenn... dann“-Er­zie­hung – wer­den Kin­der da­durch nicht eher kon­di­tio­niert als er­zo­gen?

Statt Essen kann man auch ein Stem­pel­heft an­schaf­fen oder be­stimm­te In­ter­net­zei­ten ver­ein­ba­ren. Aber ja, oh­ne Au­to­ma­ti­sie­rung ist es schwie­rig im All­tag. Und ei­ne „Wenn..., dann“-Er­zie­hung zeigt schließ­lich doch auf, dass mein Tun Fol­gen hat – oh­ne Kon­se­quen­zen kön­nen AD(H)S-be­trof­fe­ne Kin­der über­haupt kei­ne Pflicht­leis­tung brin­gen.

Zu­rück zum Früh­stücks­ri­tu­al. Das Kind ist wach – wie geht es wei­ter?

In klei­nen Schrit­ten. Hilf­reich kann es sein, be­stimm­te Zei­ten für be­stimm­te Hand­lun­gen vor­zu­ge­ben. Wenn ich mei­nem Kind sa­ge: „Jetzt geh ins Bad und wasch dich“und es dann al­lein las­se, dann kann es sein, dass an­schlie­ßend die Sei­fe auf­ge­braucht ist, das Bad un­ter Was­ser steht, der Hams­ter ge­füt­tert ist – nur das Kind, das ist nicht ge­wa­schen. Statt­des­sen könn­ten El­tern ei­nen We­cker stel­len: Zehn Mi­nu­ten für das Wa­schen. Der We­cker klin­gelt, es gibt ein akus­ti­sches Si­gnal.

Al­so ganz kla­re Struk­tu­ren schaf­fen?

Ge­nau. Das fällt El­tern oft gar nicht so leicht.

War­um denn nicht?

Zum ei­nen gibt es für AD(H)S ei­ne ge­ne­ti­sche Dis­po­si­ti­on – El­tern sind da­her häu­fig selbst AD(H)S-be­trof­fen, ha­ben kei­ne zu­ver­läs­si­ge Struk­tur und Pro­ble­me da­mit, Termine ein­zu­hal­ten. Ganz kla­re, im­mer glei­che Ab­läu­fe emp­fin­den auch sie oft als lang­wei­lig. Aber Aus­nah­men zu ma­chen, wenn man Wo­chen lang et­was ein­ge­übt hat – das rächt sich. Wenn es ein­mal abends spät wird und El­tern sa­gen, dass es in Ord­nung ist, auch mal ins Bett zu ge­hen, oh­ne die Zäh­ne zu put­zen, dann wer­den sie da­mit an­schlie­ßend wo­chen­lang zu tun ha­ben. „Lie­be­vol­le Stur­heit“– das ist die Me­tho­de, mit der man AD(H)S-Kin­der wohl am bes­ten er­zie­hen kann.

Be­rät Be­trof­fe­ne: Do­ris Mor­sz­eck-Gro­ten. Foto: privat

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