„Frau­en ha­ben Angst vor uns“

Jun­ge Sy­rer in Os­na­brück lei­den un­ter Spät­fol­gen der Köl­ner Sil­ves­ter­nacht

Neue Osnabrucker Zeitung - Lotte, Westerkappeln, Mettingen, Tecklenburg - - Osnabrück -

Jetzt sind sie in Deutsch­land, wol­len sich in­te­grie­ren, Kon­tak­te knüp­fen, die Spra­che ler­nen – doch ei­nes steht jun­gen Flücht­lin­gen im Weg: Die Angst, dass an­de­re Angst vor ih­nen ha­ben könn­ten. Kon­kre­ter: Frau­en.

Von San­dra Dorn

Kar­ne­val fei­er­ten sie schein­bar un­be­schwert wie al­le an­de­ren jun­gen Leu­te auch. Doch ei­nes war an­ders: An­statt als Grup­pe los­zu­zie­hen, teil­ten sich die vier jun­gen Sy­rer auf, die jetzt im Gespräch mit un­se­rer Re­dak­ti­on ih­re Er­leb­nis­se schil­der­ten. In Zwei­erG­rüpp­chen wir­ken sie nicht so be­droh­lich, glau­ben sie.

Da­bei ist an den Män­nern nun wirk­lich nichts Be­droh­li­ches. Wir tref­fen uns in ei­nem Os­na­brü­cker Ca­fé, al­le vier be­stel­len Ana­nas­saft. Sie hei­ßen Kha­led, Tarek, Bas­har und Musta­fa, sind An­fang 20 und le­ben seit et­wa ei­nem Jahr in Os­na­brück. Die meis­ten von ih­nen hof­fen auf ei­ne Zu­kunft in die­sem Land, das sie be­reit­wil­lig auf­ge­nom­men hat. „Aus­bil­dung, hei­ra­ten, Fa­mi­lie grün­den“, das sei sein Ziel, sagt Tarek.

Köln steht ih­nen im Weg. Wenn sie von Köln spre­chen, geht es nicht um die Stadt, son­dern um das, was sich dort zum Jah­res­wech­sel 2015/16 rund um den Dom ab­spiel­te und bis heu­te nicht ver­ar­bei­tet ist: Hun­der­te Frau­en wur­den durch Grup­pen über­wie­gend aus­län­di­scher Frau­en an­zu­spre­chen – aus Angst, sie hät­ten Angst vor ih­nen (von links): Musta­fa, Kha­led, Bas­har und Tarek.

Män­ner se­xu­ell drang­sa­liert und aus­ge­raubt.

„Was in Köln pas­siert ist, hat un­se­ren Ruf be­schä­digt“, sagt Musta­fa. Seit­dem ha­be sich das Kli­ma ih­nen, den Flücht­lin­gen, ge­gen­über ge­än­dert. „Be­vor ich ei­ne Frau an­spre­che, über­le­ge ich zehn­mal“, schil­dert Musta­fa sei­nen All­tag in Deutsch­land. Er se­he die Angst in ih­ren Au­gen, be­mer­ke die Bli­cke – in der Dis­ko­thek eben­so wie im Bus. Kha­led geht es ge­nau­so. Wenn nur ein ein­zi­ger Platz frei sei und der sich ne­ben ei­ner Frau be­fin­de, blei­be er im

Bus si­cher­heits­hal­ber ste­hen, sagt der 21-Jäh­ri­ge. Sie su­chen die Schuld teils bei sich und ih­rer Men­ta­li­tät. „Bei uns spricht man ei­ne Frau nicht so­fort an“, sagt Bas­har: „Man guckt erst ein­mal – und das wird dann fehl­in­ter­pre­tiert.“

Aber sind die Be­fürch­tun­gen der Sy­rer be­grün­det? Für die jun­gen Män­ner ei­ne kla­re Sa­che: „Sie ha­ben Angst vor uns“, meint Musta­fa, „aber wir ha­ben noch mehr Angst.“Wo­vor? „Dass sie den­ken, dass wir sie ver­ge­wal­ti­gen wol­len“, sagt Tarek. Musta­fa ist seit Jah­ren in der Flücht­lings­hil­fe ak­tiv.

sagt: „Vie­le hier in Deutsch­land glau­ben, dass wir uns auf die Frau­en stür­zen wol­len – da­bei wol­len wir ein­fach nur Kon­tak­te knüp­fen.“Aber ist denn ir­gend­wann ein­mal et­was vor­ge­fal­len? Ei­ne Frau, die un­ver­mit­telt in Pa­nik aus­ge­bro­chen ist? Die vier schüt­teln zö­gernd den Kopf. Im Ge­gen­teil, wenn er nach dem Weg fra­ge, sagt Tarek, sei­en Frau­en sehr hilfs­be­reit.

Dua Zei­tun, seit Jah­ren in der Os­na­brü­cker Flücht­lings­hil­fe ak­tiv, kennt das Pro­blem: „Ich be­kom­me vie­le An­fra­gen von Flücht­lin­gen, die sa­gen: Kennst du nicht Leu­te, die sich mal mit uns tref­fen wol­len?“, er­zählt die Frau, die selbst sy­ri­sche Wur­zeln hat. Sie hat kürz­lich bei der ka­tho­li­schen Land­volk­hoch­schu­le Oe­se­de ein Män­ner­se­mi­nar für Flücht­lin­ge ge­hal­ten, an dem die vier Sy­rer frei­wil­lig teil­nah­men. Da ging es um De­mo­kra­tie, Gleich­be­rech­ti­gung, das deut­sche Bil­dungs­sys­tem und die Me­di­en. Und da­mit zwangs­läu­fig auch um Köln.

Sie wür­den gern das Image von Flücht­lin­gen in Deutsch­land ver­än­dern, sa­gen die vier jun­gen Sy­rer. Doch das sei kaum mög­lich, weil sie die Spra­che nicht be­herr­schen, sagt Bas­har. Und die wie­der­um könn­ten sie nur rich­tig ler­nen, wenn sie mehr Kon­takt zu Deut­schen hät­ten. Sprach­kur­se rei­chen da nicht aus. Und ein­fach so jun­ge Leu­te an­zu­spre­chen, das trau­en sie sich eben nicht – wenn es sich um Frau­en in ih­rem Al­ter han­delt. Ein Teu­fels­kreis. Er wün­sche sich mehr Ver­trau­en, sagt Bas­har. „Dass man uns ei­ne Chan­ce gibt, uns zu zei­gen, wie wir sind.“

Mehr zum The­ma Flücht­lin­ge und Asyl le­sen Sie im In­ter­net un­ter noz.de/flu­echt­lin­ge

Sie scheu­en sich,

Dua Zei­tun

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