Der letz­te al­ler Som­mer­nachts­träu­me?

„Club der Un­ent­weg­ten“: Pe­ter Schnei­der er­zählt in sei­nem neu­en Ro­man von äl­te­ren Män­nern und ih­ren spä­ten Lie­ben

Neue Osnabrucker Zeitung - Lotte, Westerkappeln, Mettingen, Tecklenburg - - Kultur -

Von Stefan Lüd­de­mann

OS­NA­BRÜCK. Und dann pas­siert es doch noch. Ro­land be­geg­net Ley­la. Der äl­te­re, sich ält­lich füh­len­de Mann trifft auf die jun­ge Schön­heit, die ihn mit ih­rem La­chen ver­zau­bert. Per Ta­xi geht es di­rekt zu ihr und hin­ein in un­ver­hoff­tes Lie­bes­glück. Das klingt zu glatt, um plau­si­bel, zu schön, um le­bens­wahr zu sein. Pe­ter Schnei­ders neu­er Ro­man „Club der Un­ent­weg­ten“er­zählt von spä­ter Lie­be wie von ei­nem Eli­xier ge­gen den Nie­der­gang des Al­terns. Und von Män­nern, die im Lie­bes­rausch ver­ges­sen möch­ten, was sie quält, die Angst vor der Ein­sam­keit des To­des.

Schnei­ders Prot­ago­nist Ro­land ist ein lie­ben­der Mann, ei­ner, der ein­mal po­li­tisch auf­be­gehr­te, als Pri­vat­ge­lehr­ter sich nun aber jen­seits al­ler Le­bens­pro­jek­te be­fin­det. An die Stel­le al­ler Zu­künf­te tritt das Ide­al er­füll­ter Ge­gen­wart – die der Lie­be.

Da­bei kom­bi­niert Schnei­der die Er­zäh­lung von Ro­land und Ley­la mit Epi­so­den, die Freun­de von ih­ren Lie­bes­be­zie­hun­gen er­zäh­len. Da ist der Ar­chi­tekt Alex­an­der, der in Andrea sei­ne gro­ße Lie­be er­kennt. Oder der Schei­dungs­an­walt Cle­men­te, den die Lei­den­schaft zu sei­ner Kli­en­tin Ali­ce zieht. Her­bert, der Arzt, fühlt sich von Se­re­na ver­zau­bert, kann von sei­ner Ehe­frau aber nicht las­sen. Sie al­le sind an­ge­hen­de Se­nio­ren, die spä­te Som­mer­nachts­träu­me durch­fie­bern.

Pe­ter Schnei­der ist ei­ne Iko­ne der Acht­und­sech­zi­ger. Mit­strei­ter Rudi Dutsch­kes, Ak­ti­vist der Stu­den­ten­re­vol­te und zu­gleich ihr eben­so scharf­bli­cken­der wie me­lan­cho­li­scher Chro­nist – mit sei­ner Er­zäh­lung „Lenz“(1973), dem Kult­buch ei­ner Ge­ne­ra­ti­on, be­schrieb Schnei­der den Auf­bruch ei­ner Be­we­gung – und den Ab­schied von ih­ren Selbst­über­he­bun­gen. Was ist da­von ge­blie­ben? Im „Club der Un­ent­weg­ten“nur der Rat, auch in der Lie­be „Mao­ist“zu sein. „Nie auf­ge­ben, die Fe­s­tung vom Land her ein­krei­sen“: Die Frau muss er­obert wer­den, wie die Bas­ti­on ver­hass­ter Re­stau­ra­ti­on. Auch ei­ne Tak­tik. Schnei­der schil­dert Män­ner, die ih­ren Marsch durch die In­sti­tu­tio­nen ver­ges­sen ha­ben. Jetzt sind sie nur noch ar­ri­viert. Und ar­re­tiert in ver­zwei­fel­ter Le­bens­gier.

Pe­ter Schnei­der fä­chert das The­ma der Lie­be in Haupt- und Ne­ben­we­ge auf. Nur so kommt in den Blick, was in ei­ner Zeit, in der Zu­nei­gung nach den Ti­mes­lots des Speed­da­tings ge­tak­tet wird, ver­ges­sen wird: die Lie­be als Schick­sal und Cha­os. Ein Re­zept gibt es da­für nicht. Die Lie­be soll über­ra­schen und be­le­ben, aber auch dau­er­haft und ste­tig sein. Die­sen Wi­der­spruch kön­nen auch Schnei­ders Ro­man­fi­gu­ren nicht ver­mit­teln. Die viel zi­tier­te se­xu­el­le Be­frei­ung hat all je­ne, die sie in ih­ren jun­gen Jah­ren mit­er­lebt ha­ben, je­den­falls in den Fra­gen der Lie­be nicht sou­ve­rä­ner ge­macht.

Pe­ter Schnei­der: „Club der Un­ent­weg­ten“. Ro­man. Kie­pen­heu­er & Witsch. 288 Sei­ten. 19 Eu­ro.

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