Droh­nen und Schwei­gen

Die Ta­li­ban ge­win­nen in Af­gha­nis­tan an Macht, die Ar­mee schlägt zu­rück – Oft trifft der Ge­gen­schlag Zi­vi­lis­ten

Neue Osnabrucker Zeitung - Lotte, Westerkappeln, Mettingen, Tecklenburg - - Reportage -

Bom­ben auf Dör­fer, um die Ta­li­ban zu tref­fen: An­ge­sichts der schwa­chen af­gha­ni­schen Ar­mee sind Luft­an­grif­fe der USA oft das ein­zi­ge Mit­tel, Auf­stän­di­sche fern­zu­hal­ten. Aber Be­rich­te über zi­vi­le Op­fer neh­men zu. Es könn­ten mehr To­te sein als an­ge­nom­men.

Von Chris­ti­ne-Fe­li­ce Röhrs

Im Mor­gen­grau­en klet­tern die Män­ner in den Turm. Trut­zig, drei Stock­wer­ke hoch, steht er im Hof ei­ner Fa­mi­lie am Rand des Dor­fes Jend­ak­hel in der ost­af­gha­ni­schen Pro­vinz Nan­gar­har. Der Turm ist die vor­ders­te Front im Dorf ge­gen den Feind. Der Feind, das sind die neu­en Hor­den der Ter­ror­mi­liz Is­la­mi­scher Staat (IS), die die­sen Be­zirk und min­des­tens vier wei­te­re seit Mo­na­ten pla­gen. Die Män­ner wa­ren ge­warnt wor­den, dass ein Über­fall kommt. Mit Fern­glä­sern su­chen sie die Ber­ge ab. Ir­gend­wo in den Wol­ken über ih­nen kreist ei­ne Droh­ne. Um acht Uhr schlägt die Ra­ke­te ein.

Das Dorf hat­te den Turm aus Lehm ge­baut. Als er in ei­ner rie­si­gen Staub­wol­ke in sich zu­sam­men­stürzt, be­gräbt er un­ter sich fünf Män­ner, die dem Staat treu er­ge­ben wa­ren. Sie al­le wa­ren Mit­glie­der ei­ner von der Re­gie­rung aus­ge­rüs­te­ten Bür­ger­wehr, die hel­fen soll­ten, den IS zu be­kämp­fen – Al­li­ier­te der af­gha­ni­schen Re­gie­rung und der USA im Kampf ge­gen die Is­la­mis­ten. Mas­sud, 30. Ba­ha­dur, 45. Af­sal Khan, 32. Ra­sik, 35. Si­arat Gul, 25 – sie al­le wa­ren Bau­ern.

„Der An­griff war ein gro­ßer Feh­ler“, sagt der Bru­der ei­nes der To­ten, Ba­bur Khan, in wür­de­vol­ler Zu­rück­hal­tung. Knapp drei Mo­na­te nach dem Luft­schlag ge­gen den Turm sitzt er im dschun­gel­ar­ti­gen Gar­ten ei­nes Ho­tels in der Pro­vinz­haupt­stadt von Nan­gar­har, Dscha­l­a­la­bad. Ba­bur Khan hat sich fein ge­macht für das Tref­fen, in säu­ber­lich ge­bü­gel­tem Hemd, der Bart ge­stutzt. Er spricht lei­se und ge­mes­sen.

Ein Of­fi­zier aus ei­nem na­hen af­gha­ni­schen Ar­mee­la­ger hat­te den Dörf­lern gesagt, die Ame­ri­ka­ner hät­ten die Droh­ne ge­schickt, so er­zählt Ba­bur Khan es – aber sie hät­ten den von der af­gha­ni­schen Ar­mee ge­ge­be­nen Stand­ort der IS-Kämpfer ver­wech­selt mit Jend­ak­hel. Über­prü­fen lässt sich das nicht. Aber wer auch im­mer den Feh­ler ge­macht hat – er passt zu vie­len Be­rich­ten über die Pro­ble­me von Luft­an­grif­fen in ei­nem zu­neh­mend un­über­sicht­li­chen Krieg.

Denn die fünf To­ten aus Jend­ak­hel sind nur ein Fall von vie­len. Gro­ße Auf­merk­sam­keit be­kom­men sie nicht. Vie­le Men­schen in Af­gha­nis­tan ha­ben heu­te ein In­ter­es­se dar­an, dass es wei­ter­geht mit den Luft­schlä­gen.

40 Pro­zent mehr Ra­ke­ten

Um 40 Pro­zent ist die Zahl der Ge­schos­se ge­stie­gen, die ame­ri­ka­ni­sche Pi­lo­ten wäh­rend Luft­mis­sio­nen 2016 ab­ge­feu­ert ha­ben, heißt es in ei­ner so­ge­nann­ten „Luft­macht-Sta­tis­tik“des Pen­ta­gons aus dem De­zem­ber. Die der Op­fer von Luft­an­grif­fen ist so­gar noch schnel­ler ge­wach­sen – um 99 Pro­zent auf 250 To­te und 340 Ver­letz­te, sa­gen die UN in ih­rem An­fang Fe­bru­ar ver­öf­fent­lich­ten Jah­res­be­richt zu den zi­vi­len Op­fern des Krie­ges.

Al­lein in ei­ner Nacht im No­vem­ber star­ben bei ei­nem Luft­an­griff der USA in Kun­dus, Nord­af­gha­nis­tan, 32 Zi­vi­lis­ten. Die Ta­li­ban hat­ten teil­wei­se aus Pri­vat­häu­sern auf US- und af­gha­ni­sche Sol­da­ten ge­schos­sen. Man ha­be in Selbst­ver­tei­di­gung ge­han­delt, be­sagt der spä­te­re USBe­richt. Die UN schimp­fen, er sei zu viel zu knapp, und ver­lan­gen ei­ne un­ab­hän­gi­ge Un­ter­su­chung.

Luft­an­grif­fe auf af­gha­ni­sche Dör­fer wa­ren ein­mal ein hoch­sen­si­bles The­ma. 2009 gin­gen noch 39 Pro­zent al­ler zi­vi­len Op­fer auf das Kon­to der in­ter­na­tio­na­len Trup­pen, und der da­ma­li­ge Prä­si­dent Ha­mid Kar­sai ließ in sei­ner Wut über die to­ten, ver­letz­ten oder trau­ma­ti­sier­ten Zi­vi­lis­ten bei Luft­an­grif­fen oder nächt­li­chen Raz­zi­en so­gar fast das Ver­hält­nis zu den USA zer­bre­chen, sei­nen wich­tigs­ten Al­li­ier­ten.

Aber Kar­sais Auf­stand hat­te Er­folg. Ab 2009 schu­fen die Kom­man­deu­re der in­ter­na­tio­na­len Na­to-Mis­si­on Isaf und die US-Streit­kräf­te ei­ne gan­ze Se­rie von Re­geln, die den Kampf ge­gen die Ta­li­ban be­grenz­ten, so­bald Zi­vi­lis­ten in Ge­fahr wa­ren – auch weil man er­kannt hat­te, wie sehr die zi­vi­len Op­fer die Af­gha­nen ge­gen die Trup­pen auf­brach­ten.

„Zi­vi­le Op­fer ha­ben be­trächt­lich zum Wachs­tum der Ta­li­ban bei­ge­tra­gen“, schreibt Chris­to­pher Ko­len­da, ein ehe­ma­li­ger ho­her Berater des US-Mi­li­tärs in Af­gha­nis­tan, in ei­nem 2016 er­schie­ne­nen Pa­pier der Open So­cie­ty Foun­da­ti­ons zu den „Kos­ten zi­vi­ler Op­fer“. Stu­di­en zeig­ten, dass der Kampf ge­gen Auf­stän­di­sche schei­te­re, wenn Re­bel­len kon­ti­nu­ier­li­che Un­ter­stüt­zung von in­nen und au­ßen be­kä­men oder wenn die Re­gie­rung des Lan­des die Le­gi­ti­mi­tät ver­lie­re. „Zi­vi­le Op­fer be­schleu­ni­gen bei­des“, sagt Ko­len­da. „Es ist, wie ei­ne Ker­ze an bei­den En­den mit ei­nem Flam­men­wer­fer ab­zu­fa­ckeln.“

Aber heu­te schei­nen all die­se Er­kennt­nis­se hin­fäl­lig, als ha­be die neue Dring­lich­keit des Krie­ges die Vor­sicht, die al­ten Re­geln aus­ge­löscht. Be­rich­te über zi­vi­le Op­fer meh­ren sich wie­der – aber in der af­gha­ni­schen Re­gie­rung ist es auf­fal­lend ru­hig. Und wer in den Pro­vin­zen bei Be­hör­den um In­for­ma­tio­nen bit­tet, wird ab­ge­blockt, wenn nicht so­gar an­ge­lo­gen.

„Das letz­te Mit­tel“

Nach den Luft­an­grif­fen in San­gin in der ver­gan­ge­nen Wo­che zum Bei­spiel be­harrt Pro­vinz­spre­cher Omar Swak dar­auf, dass sie sich auf Ge­gen­den oh­ne zi­vi­le Wohn­häu­ser kon­zen­triert hät­ten. Erst als die UN in ei­ner ei­ge­nen Un­ter­su­chung zu dem Schluss kom­men, es sei­en vor al­lem Kin­der und Frau­en ge­stor­ben, ver­stummt er.

Ei­ne ähn­li­che Kon­tro­ver­se gibt es über ei­nen Droh­nen­an­griff in Nan­gar­har im Sep­tem­ber 2016. 15 Men­schen wa­ren da ge­stor­ben. „Mit­glie­der des IS!“, sa­gen USA

Ge­sich­ter des Droh­nen­krie­ges: Der Af­gha­ne Ab­dul Wa­heed (oben) hat in sei­nem Be­zirk meh­re­re Bom­bar­de­ments er­lebt. Ba­bur Khan (un­ten) hat sei­nen Bru­der bei ei­nem Luft­schlag ver­lo­ren. Noch im­mer un­ter­stüt­zen die USA den Kampf ge­gen die Ta­li­ban aus der Luft – trotz Pro­tes­ten aus der Be­völ­ke­rung.

Fotos: dpa (3), imago/Xin­hua und Pro­vinz­re­gie­rung, und we­der Frau­en noch Kin­der sei­en zu Scha­den ge­kom­men. Nein, das wa­ren Zi­vi­lis­ten, sa­gen die UN. Ein Re­por­ter des „Guar­di­an“fo­to­gra­fiert in ei­ner Kli­nik den zwölf­jäh­ri­gen Bil­al mit Ver­let­zun­gen an der Schul­ter.

Das Schwei­gen oder auch das Ver­schwei­gen von Op­fern liegt auch dar­an, dass die Af­gha­nen ver­zwei­felt sind. Die Ta­li­ban sind wie­der ei­ne Macht im Land. 6785 Sol­da­ten und Po­li­zis­ten ha­ben sie 2016 ge­tö­tet. Die Streit­kräf­te sind über­stra­pa­ziert, die Re­gie­rung kon­trol­liert nur noch et­was mehr als die Hälf­te des Lan­des, rund 57 Pro­zent – al­les an­de­re ist 15 Jah­re nach Be­ginn der in­ter­na­tio­na­len In­ter­ven­ti­on in Af­gha­nis­tan schon wie­der in der Hand der Ta­li­ban oder um­kämpft.

„Luft­an­grif­fe sind da ein­fach un­ab­ding­bar“, sa­gen Mi­li­tärs in Kabul. „Sie sind oft das letz­te Mit­tel, die Ta­li­ban ab­zu­hal­ten.“

„Und da ist wirk­lich im­mer sehr viel Auf­klä­rung im Spiel“, sagt Ge­ne­ral Charles Cleve­land, Spre­cher der USStreit­kräf­te in Af­gha­nis­tan. Aber dass vie­le Luft­an­grif­fe has­tig her­bei­ge­ru­fen wer­den, nach Über­ra­schungs­an­grif­fen der Ta­li­ban, lässt ver­mu­ten, dass nicht al­le gut vor­be­rei­tet sein kön­nen.

Da­zu kommt, dass die USStreit­kräf­te mit nun­mehr we­ni­ger als 10000 Sol­da­ten nicht mehr das Per­so­nal ha­ben für ei­ge­ne Auf­klä­rung. Sie sind für die In­for­ma­tio­nen über die Zie­le der Droh­nen oder Jets – Men­schen wie Or­te – auf die Af­gha­nen an­ge­wie­sen. Das wird „gre­en re­porting“ge­nannt und von west­li­chen Mi­li­tärs an­ge­sichts sei­ner Un­zu­ver­läs­sig­keit mit Spott bis Ver­zweif­lung be­trach­tet.

Ei­nes der scho­ckie­rends­ten Bei­spie­le für die Pro­ble­me die­ser Zu­sam­men­ar­beit war das halb­stün­di­ge Bom­bar­de­ment ei­ner Kli­nik der Or­ga­ni­sa­ti­on Ärz­te oh­ne Gren­zen in Kun­dus im Ok­to­ber 2015 – die Pi­lo­ten des US-Kampf­hub­schrau­bers tö­te­ten min­des­tens 42 Men­schen – Pa­ti­en­ten und Ärz­te. Vie­le sind über­zeugt, dass die af­gha­ni­sche Ar­mee den nichts ah­nen­den US-Pi­lo­ten die Kli­nik als Ziel avi­siert hat­ten. Ih­nen war auf­ge­sto­ßen, dass dort auch Ta­li­ban be­han­delt wur­den.

Ein an­de­res Pro­blem ist die noch jun­ge af­gha­ni­sche Luft­waf­fe, die nun sehr viel schnel­ler schie­ßen muss, als sie soll­te. 40 Pro­zent der zi­vi­len Op­fer von Luft­schlä­gen ha­ben ih­re Pi­lo­ten laut UN 2016 ver­ur­sacht – ein Drit­tel da­von wie­der­um Frau­en und Kin­der. Das US-Ma­ga­zins „Mi­li­ta­ry Ti­mes“stellt im Fe­bru­ar die Fra­ge, ob sie „trig­ger hap­py“sei­en – schieß­freu­dig –, und kommt in der Ana­ly­se von Mi­li­tärsta­tis­ti­ken zu dem Schluss, dass af­gha­ni­sche Kampf­pi­lo­ten in der Tat mehr als drei­mal häu­fi­ger feu­ern als ame­ri­ka­ni­sche Pi­lo­ten.

Die Zah­len aus dem UNBe­richt zu den zi­vi­len Op­fern hat­ten vie­le in Kabul scho­ckiert. Aber die ei­gent­li­che Zahl der Op­fer ist ver­mut­lich hö­her. Zum ei­nen zäh­len die UN sehr kon­ser­va­tiv. Für je­des Op­fer brau­chen sie drei un­ab­hän­gi­ge Qu­el­len. In den am schwers­ten um­kämpf­ten Ge­bie­ten – in de­nen es die meis­ten Luft­an­grif­fe gibt – sind die schwer zu fin­den. Auch die UN ha­ben zu­neh­men we­ni­ger Zu­gang zu den Pro­vin­zen, in de­nen die Is­la­mis­ten re­gie­ren.

Ab­dul Wahid, ein jun­ger Mann aus Schirs­ad in Nan­gar­har, er­zählt bei ei­nem Tref­fen im Ja­nu­ar, dass in­ner­halb der ver­gan­ge­nen zwölf Mo­na­te al­lein in sei­nem Be­zirk um die 30 Zi­vi­lis­ten von Bom­ben, die aus dem Him­mel fie­len, ge­tö­tet wur­den. Vor sechs Mo­na­ten zum Bei­spiel sei­en sie­ben Ar­bei­ter in ei­ner Mar­mor­mi­ne ge­stor­ben. Die Ta­li­ban hiel­ten sich dort manch­mal auf – aber eben nicht an die­sem Tag.

Mit Ab­sicht be­schos­sen?

Dass sol­che Fäl­le so we­nig Auf­merk­sam­keit be­kom­men, das liegt aber nicht nur an den In­for­ma­ti­ons­lö­chern der UN, am Schwei­gen der Re­gie­rung oder der Wei­ge­rung des Mi­li­tärs, In­for­ma­tio­nen raus­zu­rü­cken. Es liegt auch an der Si­tua­ti­on de­rer, die in den oft von Ta­li­ban be­herrsch­ten Ge­gen­den wei­ter­le­ben müs­sen. Ba­bur Khan und Ab­dul Wahid sa­gen bei­de, dass ih­re Ge­mein­den nie of­fi­zi­ell Be­schwer­den ein­ge­legt hät­ten.

„Die Ta­li­ban wol­len nicht, dass wir mit Be­hör­den spre­chen oder zu den Ame­ri­ka­nern ge­hen“, sagt Ab­dul Wahid. „Sie ha­ben Angst, dass wir In­for­ma­tio­nen über sie ge­ben.“Je­der, der den Be­zirk ver­lässt oder hin­ein­will, kann in Ta­li­ban­pa­trouil­len hin­ein­ge­ra­ten und muss Re­de und Ant­wort ste­hen, sagt Wahid. Wie­so willst du in die Stadt? Wer im Ver­dacht steht, ein Kol­la­bo­ra­teur zu sein, kann er­schos­sen wer­den.

Und dann sei da auch die Über­zeu­gung der Men­schen, dass die USA sie mit Ab­sicht be­schös­sen. „Wel­che Aus­sicht kann ei­ne Be­schwer­de da schon ha­ben?“, fragt Ba­bur Khan. Vor ei­nem Jahr hat es in sei­nem Dorf Jend­ak­hel näm­lich schon ein­mal ei­nen Luft­an­griff ge­ge­ben, sagt er, auf ei­nen Markt­platz, auf dem sich die Bür­ger­wehr ge­gen den IS ver­sam­melt hat­te. Drei Men­schen wa­ren un­ter den Maul­beer­bäu­men ver­blu­tet. „Beim ers­ten Mal dach­ten wir noch, das ist ein Ver­se­hen“, sagt Ba­bur Khan. Aber zwei Ver­se­hen? „Die Men­schen sind sehr wü­tend.“

Bringt den Tod von oben: ei­ne be­waff­ne­te US-Droh­ne vom Typ MQ-9 Rea­per. Auf Un­ter­stüt­zung durch Luft­an­grif­fe will die af­gha­ni­sche Ar­mee trotz vie­ler zi­vi­ler Op­fer nicht ver­zich­ten. Foto: imago/Sto­ckT­rek Images

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