Kau­der: Für Frei­wil­li­gen­ar­mee gibt es gu­te Grün­de

„Vor­stoß für Wehr­pflicht macht kei­nen Sinn“– Uni­ons­frak­ti­ons­chef: SPD-Atta­cken auf von der Ley­en scha­den Ko­ali­ti­ons­kli­ma

Neue Osnabrucker Zeitung - Lotte, Westerkappeln, Mettingen, Tecklenburg - - Politik - Von Bea­te Ten­fel­de

OS­NA­BRÜCK. Uni­ons­frak­ti­ons­chef Vol­ker Kau­der (CDU) lehnt die Wie­der­ein­füh­rung der Wehr­pflicht in Deutsch­land ab. „Das macht kei­nen Sinn“, sag­te der CDUPo­li­ti­ker im In­ter­view mit un­se­rer Re­dak­ti­on.

Herr Kau­der, Bund, Län­der und Kom­mu­nen kön­nen bis zum Jahr 2021 mit 54,1 Mil­li­ar­den Eu­ro mehr Steu­er­ein­nah­men rech­nen. Ist da nicht Ent­las­tung der Bun­des­bür­ger über­fäl­lig? Ge­mein­sam mit dem Bun­des­fi­nanz­mi­nis­ter will die Uni­on in der kom­men­den Wahl­pe­ri­ode Steu­er­sen­kun­gen für klei­ne­re und mitt­le­re Ein­kom­men durch­set­zen. Die Steu­ern müs­sen run­ter. Mit 15 Mil­li­ar­den Eu­ro liegt Wolf­gang Schäu­b­le gold­rich­tig. Von 2018 bis 2022 wä­ren das 60 Mil­li­ar­den Eu­ro. Das ist am­bi­tio­niert. Es wer­den zu­dem wei­te­re Gel­der in die Ta­schen der Steu­er­zah­ler flie­ßen, wenn ab 2020 der So­li­da­ri­täts­zu­schlag stu­fen­wei­se ab­ge­baut wird.

Der Wirt­schafts­flü­gel der Uni­on for­dert ei­ne Steu­er­ent­las­tung von 30 Mil­li­ar­den Eu­ro pro Jahr …

Trotz der Mehr­ein­nah­men müs­sen wir auf dem Tep­pich blei­ben. Von Mehr­ein­nah­men pro­fi­tie­ren vor al­lem die Län­der und Kom­mu­nen, nicht so sehr der Bund. Ne­ben der Steu­er­sen­kung müs­sen wir Mit­tel für Zu­kunfts­in­ves­ti­tio­nen ha­ben. Und es gibt den be­rech­tig­ten Wunsch, jun­ge Fa­mi­li­en beim Haus- und Woh­nungs­kauf zu un­ter­stüt­zen. Wir wol­len ein Bau­kin­der­geld schaf­fen. Ei­ne Mil­li­ar­de Eu­ro reicht da­für si­cher nicht. Wir wol­len ei­nen ver­nünf­ti­gen Mix aus Ent­las­tung der Bür­ger, För­de­rung jun­ger Fa­mi­li­en und Zu­kunfts­in­ves­ti­tio­nen. Das nützt den Men­schen und dem Land am meis­ten.

Tra­gen Sie die Vor­schlä­ge des neu­en fran­zö­si­schen Prä­si­den­ten Em­ma­nu­el Ma­cron mit, wo­nach es ei­nen eu­ro­päi­schen Fi­nanz­mi­nis­ter und ein Eu­ro-Fi­nanz­bud­get ge­ben soll? Die SPD ist da­für…

Wir soll­ten ab­war­ten, wie Em­ma­nu­el Ma­cron sein Re­form­pro­gramm nun tat­säch­lich aus­ge­stal­tet. Ein eu­ro­päi­scher Fi­nanz­mi­nis­ter und ein Eu­ro-Fi­nanz­bud­get wä­ren nur mit Ver­trags­än­de­run­gen in Eu­ro­pa mög­lich. Da­zu gibt es der­zeit kei­ne Mehr­heit. Die Ver­ge­mein­schaf­tung von Schul­den leh­nen wir oh­ne­hin ent­schie­den ab. Der­zeit stellt die EU ih­ren Län­dern schon fast 75 Mil­li­ar­den Eu­ro zur För­de­rung des Wirt­schafts­wachs­tums zur Ver­fü­gung. Das Geld

muss noch ef­fek­ti­ver ein­ge­setzt wer­den. Die­se De­bat­te müs­sen wir füh­ren. Das wür­de Frank­reich kurz­fris­tig mehr hel­fen.

Stich­wort Bun­des­wehr: Der Druck auf die Ver­tei­di­gungs­mi­nis­te­rin we­gen rechts­ex­tre­mis­ti­scher Um­trie­be in der Bun­des­wehr hält an. Hat die Aus­set­zung der Wehr­pflicht 2011 da­zu ge­führt, dass die Trup­pe als Be­rufs­ar­mee Waf­fen­nar­ren an­zieht?

Ich se­he über­haupt kei­nen Grund, ei­ne De­bat­te über die Wehr­pflicht zu füh­ren. Sie führt in die Ir­re. Die Of­fi­zie­re, die jetzt als ter­ror­ver­däch­tig und rechts­ex­tre­mis­tisch auf­ge­fal­len sind, wa­ren Sol­da­ten auf Zeit.

In­so­fern stüt­zen Sie die For­de­rung Ih­res Par­tei­kol­le­gen Patrick Sens­burg nach Wie­der­ein­füh­rung der Wehr­pflicht nicht?

Ich se­he für die­sen Vor­stoß kei­ne Not­wen­dig­keit, er macht kei­nen Sinn. Wir ha­ben aus gu­tem Grund die Wehr­pflicht vor sechs Jah­ren aus­ge­setzt. Das ei­ne Ar­gu­ment war: Weil nur ein Vier­tel der jun­gen Män­ner ei­nes Jahr­gan­ges „ge­zo­gen“wird, kann von Wehr­ge­rech­tig­keit, die das Grund­ge­setz aber for­dert, kei­ne Re­de mehr sein. Zwei­tens: Die Kon­zen­tra­ti­on auf die Aus­lands­ein­sät­ze for­dert ei­ne neue Struk­tur der Trup­pe. An bei­den Ar­gu­men­ten hat sich nichts ge­än­dert.

Ha­ben Dis­kus­sio­nen über schlech­te Aus­rüs­tung oder Aus­lands­ein­sät­ze den Blick der Mi­nis­te­rin auf die Ge­fahr von rechts ver­stellt? Die Bun­des­wehr leis­tet un­se­rem Land ei­nen her­vor­ra­gen­den Di­enst. Ei­ni­ge Vor­ge­setz­te ha­ben aber of­fen­bar schwe­re Feh­ler ge­macht. Man kann der Mi­nis­te­rin doch kei­nen Vor­wurf ma­chen, wenn im Fall des bis vor Kur­zem zur Deutsch-Fran­zö­si­schen Bri­ga­de ge­hö­ren­den und durch rechts­ex­tre­me Ge­sin­nung auf­ge­fal­le­nen Ober­leut­nants durch die un­mit­tel­ba­ren Vor­ge­setz­ten nicht ein­ge­grif­fen wur­de. Die gründ­li­che Un­ter­su­chung des Vor­gangs ist im In­ter­es­se der Bun­des­wehr. Sie ist ei­ne Ar­mee mit un­ta­de­li­gem Ruf. Die­ser gu­te Ruf muss be­wahrt wer­den. Da­zu müs­sen ex­tre­mis­ti­sche Be­stre­bun­gen kon­se­quent un­ter­bun­den wer­den. Dar­an ar­bei­tet die Mi­nis­te­rin. Hat die Mi­nis­te­rin, die jetzt auf schär­fe­re Dis­zi­pli­nar­maß­nah­men und mehr po­li­ti­sche Bil­dung setzt, den Rück­halt der Uni­on? Gera­de für den kon­ser­va­ti­ven Teil Ih­rer Par­tei ist sie we­gen ih­rer Nei­gung zu me­dia­ler Ver­mark­tung ei­ne Reiz­fi­gur …

Ur­su­la von der Ley­en kann sich auf die Bun­des­tags­frak­ti­on ver­las­sen. Sie hat zu­dem Feh­ler ein­ge­räumt und klar­ge­stellt, dass ih­re For­de­rung nach mehr Hal­tung in der Bun­des­wehr kei­ne Pau­schal­kri­tik an al­len Sol­da­tin­nen und Sol­da­ten be­deu­tet. Es ist doch be­mer­kens­wert, wenn je­mand of­fen sagt: Ja, ich ha­be hier nicht prä­zi­se ge­nug for­mu­liert.

In der Bun­des­wehr-Af­fä­re at­ta­ckiert die SPD von der Ley­en hart …

Was die SPD macht, ist – sehr vor­sich­tig for­mu­liert – nicht in Ord­nung. Sie über­zieht aus Wahl­kampf­grün­den völ­lig. Da­mit dient sie nicht den In­ter­es­sen der Bun­des­wehr und scha­det dem Ko­ali­ti­ons­kli­ma. Ver­ges­sen Sie nicht: Wir ha­ben noch 50 Ge­set­ze bis zum Som­mer zu ver­ab­schie­den.

Spielt auch Hä­me ei­ne Rol­le – auch in Ih­rer Par­tei –, dass die­ser sehr selbst­be­wuss­ten Mi­nis­te­rin et­was miss­lingt? Das Ver­tei­di­gungs­mi­nis­te­ri­um war im­mer ei­nes der schwie­rigs­ten Res­sorts. Ur­su­la von der Ley­en hat sehr gu­te Ar­beit ge­leis­tet.

Ist der Vor­rat an Ge­mein­sam­kei­ten in die­ser Gro­ßen Ko­ali­ti­on auf­ge­braucht? Ich hof­fe nicht. Wir von der Uni­on ar­bei­ten je­den­falls bis zum En­de der Wahl­pe­ri­ode kon­zen­triert wei­ter. Die Bür­ger wol­len, dass die Ko­ali­ti­on auch jetzt ih­re Ar­beit macht.

Zum Schluss: Die nord­rhein-west­fä­li­sche Mi­nis­ter­prä­si­den­tin Han­ne­lo­re Kraft hat vor der Land­tags­wahl am Sonn­tag Rot-Rot-Grün aus­ge­schlos­sen. Öff­nung für ei­ne Gro­ße Ko­ali­ti­on?

Das ist die Leh­re aus der Saar­land-Wahl. Da hat­te SPD-Kanz­ler­kan­di­dat Mar­tin Schulz Rot-Rot-Grün vor­her nicht aus­ge­schlos­sen – was mit zu dem groß­ar­ti­gen Er­geb­nis für die CDU-Mi­nis­ter­prä­si­den­tin An­ne­gret Kramp-Kar­ren­bau­er ge­führt hat. Die Uni­on hat gu­te Chan­cen, die NRW-Wahl zu ge­win­nen. Die CDU ist im Auf­wind, und Frau Kraft weiß schon jetzt, dass Rot-Grün nicht be­stä­tigt wird. Wir freu­en uns auf den Wahl­sonn­tag.

Wort­füh­rer im O-Ton: mehr Ge­sprä­che auf noz.de/in­ter­view

Vol­ker Kau­der Fo­to: dpa

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