Wer spielt, wird vor­her aus­ge­lost

Das Re­gie­team um Ron Zim­me­ring über Fer­di­nand von Schi­rachs „Ter­ror“im Em­ma-Thea­ter

Neue Osnabrucker Zeitung - Lotte, Westerkappeln, Mettingen, Tecklenburg - - Kultur Regional - Von Chris­ti­ne Adam

Per Los ent­schei­den die Schau­spie­ler vor je­der Auf­füh­rung live im Em­ma-Thea­ter, wel­cher Schau­spie­ler wel­che Rol­le spielt im Ge­richts­dra­ma „Ter­ror“. Das Re­gie­team er­klärt vor der Pre­mie­re, war­um es die­ses Ver­fah­ren ge­wählt hat.

„Ter­ror“, das Ge­richts­dra­ma des Straf­recht­lers und Schrift­stel­lers Fer­di­nand von Schi­rach von 2015 , wird der­zeit an 64 Büh­nen ge­spielt. Nun kommt das heiß dis­ku­tier­te Stück auch in den Spiel­plan des Os­na­brü­cker Thea­ters und hat am Sonn­tag, 14. Mai, in der Re­gie des jun­gen Re­gis­seurs Ron Zim­me­ring Pre­mie­re.

Ort der Hand­lung ist ein Schwur­ge­richt. Der Luft­waf­fen­pi­lot Lars Koch muss sich für den Ab­schuss ei­ner Pas­sa­gier­ma­schi­ne auf dem Flug von Ber­lin nach Mün­chen mit 164 In­sas­sen ver­ant­wor­ten. Ein Selbst­mord­at­ten­tä­ter hat­te sie in sei­ne Ge­walt ge­bracht und steu­er­te ein Münch­ner Fuß­ball­sta­di­on an, das mit 70 000 Men­schen be­setzt war. Die Staats­an­wäl­tin klagt Koch des mehr­fa­chen Mor­des an und wirft ihm vor, ge­gen das Grund­recht auf Le­ben und ge­gen die Men­schen­wür­de ver­sto­ßen zu ha­ben.

Kochs Ver­tei­di­ger plä­diert auf Frei­spruch und be­ruft sich dar­auf, dass mit dem Op­fer von 164 Men­schen, die oh­ne­hin kurz dar­auf im Sta­di­on ge­stor­ben wä­ren, die un­gleich grö­ße­re Men­ge von 70 000 Men­schen im Sta­di­on ge­ret­tet wer­den konn­te. Am En­de ei­nes im­mer kom­ple­xe­ren Aus­tauschs der Ar­gu­men­te sol­len die Thea­ter­zu­schau­er als Schöf­fen dar­über ab­stim­men, ob Koch schul­dig ist und be­straft oder eben frei­ge­spro­chen wird.

Die Fra­ge, war­um nie­mand ver­sucht hat, das Münch­ner Sta­di­on zu eva­ku­ie­ren, lässt von Schi­rach un­be­ant­wor­tet. Er be­rück­sich­tigt auch nicht, dass das Straf­recht für sol­che Aus­nah­me­si­tua­tio­nen wie die Ma­jor Kochs den un­auf­lös­ba­ren Ge­wis­sens­kon­flikt kennt und ihm zu­bil­li­gen wür­de, nicht in den we­ni­gen Se­kun­den al­le ethisch-mo­ra­li­schen Ge­sichts­punk­te ab­wä­gen zu kön­nen. Ihn trifft dann straf­recht­lich kei­ne Schuld, auch wenn sei­ne Ent­schei­dung recht­lich falsch war.

Re­gis­seur Ron Zim­me­ring und Dra­ma­turg Sven Klei­ne glau­ben, dass von Schi­rach ab­sicht­lich sol­che „drit­ten Tü­ren“(Zim­me­ring) nicht auf­ge­macht hat. „Er will die Zu­schau­er in die Klem­me trei­ben“, meint Zim­me­ring. „Das Stück ist kei­ne Rechts­be­leh­rung oder Moral­ab­hand­lung, son­dern ein kon­stru­ier­ter Fall, der ver­dich­tet ist wie ei­ne grie­chi­sche Tra­gö­die und der die Zu­schau­er zwin­gen will, dar­über nach­zu­den­ken und Stel­lung zu be­zie­hen.“

Das Stück si­mu­liert für ihn nicht Wirk­lich­keit, son­dern bleibt Thea­ter­raum. Des­halb hält er auch den Fern­seh­film von Lars Krau­me für pro­ble­ma­tisch, der im April 2016 zeit­gleich 80 Mil­lio­nen von TV-Zu­schau­ern in Deutsch­land, Ös­ter­reich und der Schweiz über den Fall Koch ab­stim­men ließ.

Das Re­gie­team hat sich ei­ni­ges ein­fal­len las­sen, um „Ter­ror“auf Dis­tanz zur Rea­li­tät zu brin­gen. Um das ge­dank­li­che Ex­pe­ri­ment des Stücks zu ra­di­ka­li­sie­ren, lässt Zim­me­ring die Schau­spie­ler vor je­der Auf­füh­rung live und per Los be­stim­men, wer wel­che Rol­le spielt. Sym­pa­thie mit ei­nem Spie­ler, sei­nen Cha­rak­ter­ei­gen­schaf­ten, soll die Zu­schau­er nicht an ei­nen Spie­ler bin­den. Der Ver­frem­dungs­ef­fekt soll die Köp­fe frei ma­chen da­für, dass „nichts Ge­rin­ge­res als un­se­re Ver­fas­sung in ‚Ter­ror‘ auf dem Prüf­stand steht“.

Sit­zen am Ver­hand­lungs­tisch mit Glä­sern für die Lo­se: Dra­ma­turg Sven Klei­ne (von links), Re­gis­seur Ron Zim­me­ring und Büh­nen- und Ko­s­tüm­bild­ne­rin Li­sa Kru­se. Fo­to: Da­vid Ebe­ner

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