„Sie war wun­der­schön“

War­um ein Wit­wer in Der­by sechs Ta­ge lang ne­ben der Lei­che sei­ner Frau schlief

Neue Osnabrucker Zeitung - Lotte, Westerkappeln, Mettingen, Tecklenburg - - Weltspiegel -

Ein Wit­wer in Der­by, der eng­li­schen Part­ner­stadt von Os­na­brück, hat sei­ne ver­stor­be­ne Frau sechs Ta­ge lang im Schlaf­zim­mer auf­be­wahrt und ne­ben ih­rem Leich­nam ge­schla­fen. Da­hin­ter steckt ei­ne Ge­schich­te, die der­zeit Men­schen welt­weit rührt.

Von Co­rin­na Berg­h­ahn

OS­NA­BRÜCK. 50 Jah­re jung war Wen­dy Da­vi­son, als sie am 21. April 2017 an Ge­bär­mut­ter­hals­krebs starb. Von der Er­kran­kung wuss­te sie schon seit dem Jahr 2006, be­rich­tet ihr Mann Rus­sell Da­vi­son im Ge­spräch mit un­se­rer Re­dak­ti­on. Als klar wur­de, dass Wen­dy ster­ben wird, reis­ten bei­de qu­er durch die Welt. Die­se Rei­sen fan­den erst ein En­de, so Da­vi­son, als sich der Zu­stand sei­ner Frau im Sep­tem­ber ver­schlech­ter­te und ih­re Schmer­zen un­er­träg­lich wur­den.

Sie starb, wie sie es sich ge­wünscht hat­te: zu Hau­se, bis zu­letzt um­sorgt von Rus­sell, ih­ren zwei Söh­nen, Rus­sells zwei Söh­nen und de­ren Freun­din­nen. Doch an­statt dann den Leich­nam zu ei­nem Be­stat­tungs­in­sti­tut zu brin­gen, ent­schied sich Rus­sell Da­vi­son da­für, den Kör­per sei­ner to­ten Frau für wei­te­re sechs Ta­ge im Schlaf­zim­mer auf­zu­be­wah­ren. Ge­gen ein Ge­setz hat er da­mit nicht ver­sto­ßen: So­lan­ge der Tod ge­mel­det ist, dür­fen in En­g­land die To­ten bis zur Be­er­di­gung zu Hau­se auf­ge­bahrt wer­den.

Er ha­be schon vor lan­ger Zeit zu­sam­men mit Wen­dy ent­schie­den, sie nach ih­rem Tod erst ein­mal zu Hau­se zu be­hal­ten: „Ich woll­te sie nicht in der Lei­chen­hal­le ha­ben oder sie ei­nem Be­stat­ter über­ge­ben. Ich woll­te, dass wir uns selbst um sie sor­gen, im Hau­se der Fa­mi­lie. Da­mit ich im glei­chen Raum schla­fen konn­te, lag sie in un­se­rem Schlaf­zim­mer.“

Wen­dys Kör­per wur­de von ihm und weib­li­chen Freun­den ge­wa­schen, an­ge­klei­det und in den Sarg ge­bet­tet, den das Paar noch zu­sam­men ge­kauft hat­te. „Ein­bal­sa­miert ha­ben wir sie nicht, ihr Kör­per blieb ganz na­tür­lich. Nur ih­re Lip­pen be­ka­men et­was Far­be. Sie war wun­der­schön“, so der Trau­ern­de. Al­ler­dings wur­de der Lei­che ei­ne Win­del an­ge­zo­gen und der Sarg mit

win­del­ähn­li­chem Stoff aus­ge­legt.

Die Fra­ge, ob er kei­nen Wi­der­wil­len ge­gen­über der Lei­che und mög­li­chen Ge­rü­chen der Ver­we­sung ge­habt ha­be, ver­neint Da­vi­son: „Da lag nichts Gru­se­li­ges oder Ekel­haf­tes in dem Sarg, son­dern die Frau, die ich ge­liebt ha­be.“ Rus­sell Da­vi­son, Wit­wer

Wie der Mann aus Der­by sagt, hat er kei­ne Pro­ble­me mit Sterb­lich­keit: „Wen­dy und ich ha­ben schon di­ver­sen Be­gräb­nis­und Trau­er­ri­tua­len an­de­rer Kul­tu­ren bei­ge­wohnt: Der Tod ist viel­leicht trau­rig, aber ekel­haft ist er nicht.“

Seit­dem Da­vi­son über sei­nen Um­gang mit Trau­er und Tod öf­fent­lich via Face­book be­rich­tet hat, häu­fen sich die

An­fra­gen von den Me­di­en. Das Me­dien­echo hat ver­mut­lich we­ni­ger mit der Auf­bah­rung an sich zu tun als mit dem Um­gang mit der Sterb­lich­keit in un­se­rer mo­der­nen west­li­chen Ge­sell­schaft.

Ge­stor­ben wird heu­te sel­ten zu Hau­se, wäh­rend frü­her Tod und Be­stat­tungs­vor­be­rei­tung ei­ne Fa­mi­li­en­an­ge­le­gen­heit wa­ren – vom Wa­schen und An­zie­hen der Lei­che bis zum Weg­tra­gen des Sar­ges. Auch die Auf­bah­rung der Lei­che im Haus war nor­mal: „Im 19. Jahr­hun­dert war es üb­lich, dass der oder die To­te drei Ta­ge im Haus auf­ge­bahrt wur­den“, er­klärt die auf Brauch­tum spe­zia­li­sier­te Göt­tin­ger Kul­tur­an­thro­po­lo­gin Isa­bel Pa­ga­lies im Ge­spräch mit un­se­rer Re­dak­ti­on.

„Da­bei gab es je­doch ei­ni­ges zu be­ach­ten: So muss­ten die Fens­ter of­fen sein, die Uh­ren an­ge­hal­ten wer­den und die Spie­gel ab­ge­deckt wer­den.“All dies war zum ei­nen prak­tisch – an­ge­hal­te­ne Uh­ren

do­ku­men­tier­ten die St­un­de des To­des, of­fe­ne Fens­ter sorg­ten für Frisch­luft –, aber auch spi­ri­tu­ell wich­tig: Der To­te und sei­ne See­le soll­ten un­ge­stört das Haus ver­las­sen. „In un­se­re heu­ti­ge Ge­sell­schaft passt das gar nicht mehr, so lang und im An­ge­sicht des To­ten Ab­schied zu Isa­bel Pa­ga­lies, Kul­tur­an­thro­po­lo­gin

neh­men“; sagt Pa­ga­lies. „Statt­des­sen wird ei­ne Lei­che meist schnell weg­ge­bracht, da man sich vor ihr und der Sterb­lich­keit an sich fürch­tet.“Sie sieht das durch­aus kri­tisch: „Für den Trau­er­pro­zess ist es oft­mals hilf­rei­cher zu se­hen, dass ein to­ter Kör­per wirk­lich tot ist – und sich dann auch dem­ent­spre­chend ver­än­dert. Das be­deu­tet na­tür­lich nicht, dass man so­lan­ge

war­ten muss, bis er stark ver­west ist.“

Zu­rück nach Der­by: Die sechs Ta­ge nach dem Tod von Rus­sells Frau war ih­re Lei­che nie al­lein. Ir­gend­wer hielt im­mer To­ten­wa­che, zu­sam­men mit vie­len Be­su­chern, die sich per­sön­lich von ihr ver­ab­schie­den woll­ten. Am Kop­fen­de des Sar­ges war ei­ne Art Schrein auf­ge­stellt mit Bil­dern der To­ten, Ker­zen und Er­in­ne­rungs­stü­cken.

Aber auch Da­vi­son be­rich­tet von Be­rüh­rungs­ängs­ten der Be­su­cher: „Mei­ne Nef­fen ka­men zu Be­such. Bei­de wa­ren et­was ner­vös, da sie zu­vor noch nie ei­nen to­ten Men­schen ge­se­hen ha­ben.“Doch nach­dem sie sich ei­ne Wei­le im Zim­mer mit der To­ten auf­ge­hal­ten ha­ben, hät­ten sie die­se Er­fah­rung als fried­voll und be­ru­hi­gend emp­fun­den.

Nach den sechs Ta­gen der Auf­bah­rung wur­de Wen­dy Da­vi­son ver­brannt. Ih­re Bei­set­zung be­ging die Fa­mi­lie im engs­ten Kreis, doch ih­re Trau­er­fei­er am kom­men­den Sonn­tag sol­le ein Ter­min wer­den, an dem Wen­dys Le­ben ge­fei­ert wer­de, sagt Rus­sell Da­vi­son. Die Ver­an­stal­tung in Der­by ist öf­fent­lich, je­der, der et­was zu Wen­dy und ih­rem Le­ben zu sa­gen ha­be, sol­le spre­chen, plant der Wit­wer.

Be­we­gend, un­ter­halt­sam, ku­ri­os: Ge­schich- ten aus al­ler Welt auf noz.de/ver­misch­tes

Le­bens­froh trotz Krebs: Rus­sell Da­vi­son und sei­ne Frau Wen­dy bei ih­rer Hoch­zeit im Jahr 2013. Fo­to: Rus­sell Da­vi­son/Face­book

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