Kri­ti­sche Ein­stim­mung auf den ESC

Arte-Do­ku­men­ta­ti­on zur Ge­schich­te des eu­ro­päi­schen Mu­sik­wett­be­werbs

Neue Osnabrucker Zeitung - Lotte, Westerkappeln, Mettingen, Tecklenburg - - Medien / Fernsehen - Von Tom Hei­se Zwölf Punk­te für ei­nen Hit, Arte, 21.45 Uhr

Der ESC ist mehr als nur Glit­zer und Gla­mour: Er ist auch ein po­li­ti­sches Schau­fens­ter und spie­gelt Span­nun­gen in Eu­ro­pa wi­der. Das ist auch ein zen­tra­les The­ma in der Do­ku­men­ta­ti­on über den Wett­be­werb, die ei­ne kri­ti­sche Ein­stim­mung auf das Fi­na­le in Kiew bie­tet.

„Ge­win­nen ist nicht wich­tig.“Sich nicht zu bla­mie­ren sei wich­tig, sagt Jan Fed­der­sen in der fran­zö­si­schen Do­ku­men­ta­ti­on. Der für die taz tä­ti­ge Jour­na­list ist be­ken­nen­der Fan des Eu­ro­vi­si­on Song Con­test (ESC), über den er meh­re­re Bü­cher ge­schrie­ben hat. Die Bla­ma­ge ha­ben die deut­schen Teil­neh­mer in den letz­ten bei­den Jah­ren ge­schafft: Platz 26 und 27. Es kann die­ses Jahr al­so ei­gent­lich nur bes­ser wer­den, wenn die 25-jäh­ri­ge Le­vina in Kiew mit dem Song „Per­fect Li­fe“die Büh­ne be­tritt.

Der Film von Clai­re La­bo­rey spürt der Fas­zi­na­ti­on ei­nes Wett­be­wer­bes nach, der mit sei­ner Live­über­tra­gung auch die meist­ge­se­he­ne Fern­seh­sen­dung Eu­ro­pas ist. Die 1950 ge­grün­de­te Eu­ro­päi­sche Rund­fun­ku­ni­on (EBU) über­trug im Mai 1956 die Pre­mie­re des ESC aus dem schwei­ze­ri­schen Lu­ga­no. Da­mit ver­folg­te die EBU auch ei­nes ih­rer Zie­le: ehe­mals ver­fein­de­te Län­der wie­der zu be­freun­den.

Der frü­her un­ter dem Na­men „Grand Prix Eu­ro­vi­si­on de la Chan­son“be­kann­te Con­test sorg­te im­mer wie­der

für Dis­kus­sio­nen. Denn – ob­wohl ei­gent­lich nur ein Schla­ger­wett­be­werb – der ESC hat­te auch im­mer ei­ne po­li­ti­sche Di­men­si­on. Künst­ler nut­zen die Büh­ne, um ih­re Bot­schaf­ten ei­nem rie­si­gen Pu­bli­kum zu über­brin­gen.

So gilt das por­tu­gie­si­sche Lied „E De­pois do Ade­us“(Und nach dem Ab­schied), mit dem Pau­lo de Car­val­ho 1974 we­nig er­folg­reich an­trat, als ei­nes der ge­hei­men Si­gna­le für die Nel­ken­re­vo­lu­ti­on. Die bär­ti­ge Drag­queen Con­chi­ta Wurst hin­ge­gen mach­te als Ge­samt­kunst­werk bei ih­rem ESC-Sieg 2014 auf die Pro­ble­me von Schwu­len und Les­ben auf­merk­sam.

Letz­tes Jahr hin­ge­gen sorg­te der Sie­ger­song „1944“von Ja­mal für Auf­re­gung. In dem Lied geht es um ih­re Ur­groß­el­tern, die als Krim­ta­ta­ren durch das Sta­lin-Re­gime von der Halb­in­sel am Schwar­zen Meer de­por­tiert wur­den. Jetzt wird der Wett­be­werb in der Ukrai­ne oh­ne Russ­land statt­fin­den – der nächs­te Eklat.

Durch sei­ne po­li­ti­sche Di­men­si­on wur­de der ESC auch zum Ob­jekt der Wis­sen­schaft. So er­forscht der His­to­ri­ker Dr. De­an Vu­le­tic den Be­zug zwi­schen ESC-Songs und eu­ro­päi­scher Ent­wick­lung. Hat sich durch Con­chi­ta Wurst po­li­tisch et­was ge­än­dert?

Der ESC ist letzt­lich auch ei­ne po­li­ti­sche Platt­form. Man brau­che ei­ne „Ago­ra“, um im Ge­spräch zu blei­ben, er­klärt Jan Fed­der­sen. In der Fe­s­tung Eu­ro­pa bie­te der ESC „Ein­heit in Viel­falt“, heißt es im Film.

Clai­re La­bo­rey be­schränkt sich in ih­rem Bei­trag aber nicht dar­auf, die po­li­ti­sche Sei­te des ESC zu be­leuch­ten. Ihr mit viel Ar­chiv­ma­te­ri­al aus der ESC-Ge­schich­te auf­be­rei­te­ter Film zeigt auch Fans wie Alas­dair Rendall, ei­nen ein­ge­fleisch­ten Song­con­test-Lieb­ha­ber aus dem Ver­ei­nig­ten Kö­nig­reich. Dar­über hin­aus wer­den Wet­ten, Pro­gno­sen und Ge­rüch­te so­wie selbst­ver­ständ­lich das lei­di­ge, oft re­for­mier­te Ab­stim­mungs­ver­fah­ren mit sei­nen Block­bil­dun­gen the­ma­ti­siert. In die­ser Ka­te­go­rie füh­ren ein­deu­tig die skan­di­na­vi­schen Län­der. Und die Grup­pe, die mit ei­nem ESC-Sieg ei­ne Welt­kar­rie­re star­te­te, fehlt na­tür­lich auch nicht. Schließ­lich misch­ten „Ab­ba“mit ih­rem „Wa­ter­loo“den Wett­be­werb mäch­tig auf. Seit­dem wen­den sich im­mer mehr Län­der in der Hoff­nung auf ei­ne gu­te ESC-Plat­zie­rung an schwe­di­sche Au­to­ren.

Doch nicht al­le Men­schen sind vom ESC be­geis­tert. 1975 – ein Jahr nach Ab­bas Sieg – gab es beim Con­test in Schwe­den ei­ne gro­ße Ge­gen­be­we­gung zum Schla­ger­wett­be­werb. Bür­ger gin­gen auf die Stra­ßen und spiel­ten dort schwe­di­sche Folk­lo­re, um ein Zei­chen ge­gen ein zum rein kom­mer­zi­el­len Pro­dukt ver­kom­me­nes For­mat zu set­zen.

Die Do­ku­men­ta­ti­on bie­tet ei­ne un­ter­halt­sa­me, aber den­noch kri­ti­sche Ein­stim­mung auf das mor­gi­ge Fi­na­le in Kiew. An­de­re Mög­lich­kei­ten sich auf den ESC vor­zu­be­rei­ten, bie­tet der Sen­der ARD One. Dort heißt es um 21 Uhr „Le­vina im ESC-Fie­ber“, und um 21.30 Uhr kön­nen „Die schöns­ten ESC-Mo­men­te: von Ab­ba bis Le­na“ge­nos­sen wer­den. In­ter­es­san­ter und an­re­gen­der aber wird es auf Arte. Mehr zum ESC so­wie ein In­ter­view mit Sän­ge­rin Le­vina le­sen Sie auf noz.de/esc

Für Auf­re­gung

sorg­te im ver­gan­ge­nen Jahr der Sie­ger­song „1944“von der ukrai­ni­schen Sän­ge­rin Ja­ma­la. Fo­to: Arte/EBU/Za­dig Pro­duc­tions

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