Kunst in an­ge­spann­ten Zei­ten

Auf der Bi­en­na­le ge­hört der Deut­sche Pa­vil­lon mit der Ins­ze­nie­rung von An­ne Im­hof zu den Hö­he­punk­ten

Neue Osnabrucker Zeitung - Lotte, Westerkappeln, Mettingen, Tecklenburg - - Kultur - Von Ni­co­le Bü­sing und Hei­ko Klaas

Ganz auf den Dia­log zwi­schen Künst­lern und ih­rem Pu­bli­kum setzt die fran­zö­si­sche Ku­ra­to­rin Chris­ti­ne Macel mit ih­rer Haupt­aus­stel­lung „Vi­va Arte Vi­va“. Die Län­der­pa­vil­lons der 57. Bi­en­na­le da­ge­gen zei­gen viel­fach eher Be­währ­tes. Ei­ne rühm­li­che Aus­nah­me bil­det der Deut­sche Pa­vil­lon mit der Ins­ze­nie­rung „Faust“von An­ne Im­hof.

Ei­ne merk­wür­di­ge An­span­nung liegt über dem Deut­schen Pa­vil­lon auf der Bi­en­na­le Ve­ne­dig. Ober­halb des Bo­dens ist ei­ne zwei­te Ebe­ne aus Glas ein­ge­zo­gen wor­den. Dar­un­ter ent­deckt man skur­ri­le Uten­si­li­en: St­ein­schleu­dern, Hand­tü­cher, Be­häl­ter mit Me­tall­ku­geln oder Hun­de­fut­ter. Die Hun­de selbst sind in ei­nem Draht­zwin­ger im Au­ßen­be­reich un­ter­ge­bracht: zäh­ne­flet­schen­de Do­ber­män­ner. Auch sie sind Teil der fast fünf­stün­di­gen, mor­bid-schö­nen Ins­ze­nie­rung „Faust“der Frank­fur­ter Künst­le­rin An­ne Im­hof. Ku­ra­to­rin Su­san­ne Pfef­fer hat die Senk­recht­star­te­rin ein­ge­la­den, den Deut­schen Pa­vil­lon zu be­spie­len, und al­le, die die aus cho­reo­gra­fier­ten und im­pro­vi­sier­ten Ele­men­ten glei­cher­ma­ßen be­ste­hen­de Ar­beit bis­her ganz oder in Tei­len ge­se­hen ha­ben, sind sich ei­nig: Der Deut­sche Pa­vil­lon ist ein hei­ßer Kan­di­dat für den Gol­de­nen Lö­wen, der am Sams­tag ver­lie­hen wird.

An­ne Im­hofs über­wie­gend in hip­pe Frei­zeit­klei­dung ge­wan­de­te jun­ge Darstel­ler agie­ren halb tän­ze­risch, halb kämp­fend mit­ein­an­der. Sie sin­gen, füh­ren rät­sel­haf­te Ver­rich­tun­gen aus, bli­cken

cool am Pu­bli­kum vor­bei und hal­ten sou­ve­rän die Ba­lan­ce zwi­schen Nä­he und Dis­tanz. Sie sind Kin­der der mo­der­nen Ge­sell­schaft: sty­lish, di­gi­tal ver­netzt und kon­trol­liert. Ih­re Ges­ten chan­gie­ren zwi­schen der ver­zwei­fel­ten Su­che nach Nä­he, Selbst­be­haup­tung und bru­ta­ler Un­ter­wer­fung an­de­rer. Ein ein­dring­li­cher Sound füllt von Zeit zu Zeit den Raum. Der Ge­sang ei­ner an­dro­gy­nen Prot­ago­nis­tin ist so be­tö­rend schön, dass er man­che Be­trach­ter zu Trä­nen rührt. Die Zu­schau­er wan­dern mit den

Darstel­lern durch die Räu­me und be­trach­ten Sze­nen vol­ler ab­stra­hier­ter Be­we­gungs­ab­läu­fe, die ne­ben oder über ih­nen, teils auch un­ter­halb des trans­pa­ren­ten Glas­bo­dens statt­fin­den. Kein Ort der Er­ho­lung zwar – da­für aber ein Pa­n­op­ti­kum kör­per­li­cher Wi­der­stän­dig­keit im Di­gi­tal­zeit­al­ter.

Der Deut­sche Pa­vil­lon ist der Hö­he­punkt auf dem Gi­ar­di­ni-Ge­län­de der Bi­en­na­le Ve­ne­dig, die am Sams­tag of­fi­zi­ell er­öff­net wird. Vie­le der an­de­ren Län­der­pa­vil­lons set­zen bei die­ser 57. Aus­ga­be da­ge­gen

auf ab­ge­si­cher­te, eher kon­ser­va­ti­ve Po­si­tio­nen. So hat die 73-jäh­ri­ge Bild­haue­rin Phyl­li­da Bar­low den Bri­ti­schen Pa­vil­lon in ein eben­so bun­tes wie clow­nesk-ver­spiel­tes Skulp­tu­ren-La­by­rinth ver­wan­delt. Und bei den Ös­ter­rei­chern lädt Er­win Wurm das Pu­bli­kum ein­mal mehr da­zu ein, die von ihm er­dach­ten „One Mi­nu­te Sculp­tu­res“auf­zu­füh­ren. 86 Län­der­pa­vil­lons so­wie 23 so­ge­nann­te „Col­la­te­ral Events“und Spe­zi­al­pro­jek­te sind in die­sem Jahr über die ge­sam­te La­gu­nen­stadt ver­teilt. Ge­ra­de­zu gi­gan­to­ma­nisch kommt die Da­mi­en-Hirst-Aus­stel­lung da­her, die der fran­zö­si­sche Un­ter­neh­mer François Pi­n­ault an gleich zwei Or­ten sei­ner Stif­tung zeigt: An­geb­lich auf dem Mee­res­grund ge­fun­de­ne mo­nu­men­ta­le an­ti­ke Bron­zen vol­ler Mu­scheln, See­ster­ne und Koral­len chan­gie­ren zwi­schen über­kan­di­del­ter „Mil­li­ar­därs­kunst“und pu­rem Kitsch.

Auf dem Ar­sena­le-Ge­län­des in den Gi­ar­di­ni del­le Ver­gi­ni zeigt der Deut­sche Micha­el Beut­ler sei­ne In­stal­la­ti­on „Shi­p­y­ard“, ei­ne Mi­schung aus Sä­ge­werk und Boots­werft, die an die ve­ne­zia­ni­sche Tra­di­ti­on des Schiffs­baus er­in­nern soll.

Aus­drück­lich auf Dis­tanz zu den Aus­wüch­sen und Es­ka­pa­den des Kunst­mark­tes geht die dies­jäh­ri­ge Ku­ra­to­rin der Bi­en­na­le, Chris­ti­ne Macel. Für ih­re Haupt­aus­stel­lung mit dem Ti­tel „Vi­va Arte Vi­va“, die im Zen­tra­len Pa­vil­lon auf dem Gi­ar­di­niGe­län­de so­wie in den Hal­len des weit­läu­fi­gen Ar­sena­leGe­län­des statt­fin­det, hat sie 120 Künst­ler aus 51 Län­dern aus­ge­wählt. 103 da­von stel­len zum ers­ten Mal auf der Bi­en­na­le aus.

Im Mit­tel­punkt ih­rer de­zi­diert der künst­le­ri­schen In­di­vi­dua­li­tät ge­wid­me­ten Aus­wahl steht der in ei­ner zu­neh­mend von Au­to­kra­ten be­herrsch­ten Welt ge­sell­schaft­li­chen und po­li­ti­schen Zwän­gen aus­ge­setz­te Künst­ler. „Ar­me“Ma­te­ria­li­en wie Tex­ti­li­en, Gar­ne, Ge­knüpf­tes, Ge­web­tes, Pflanz­li­ches oder zu­sam­men­ge­kehr­ter Staub sind an bei­den Aus­stel­lungs­or­ten om­ni­prä­sent. All­zu kämp­fe­risch ge­ben sich die meis­ten Po­si­tio­nen al­ler­dings nicht.

Macel legt be­son­ders viel Wert auf die un­mit­tel­ba­re Be­geg­nung zwi­schen Künst­lern und Be­trach­tern. So kön­nen sich In­ter­es­sier­te un­ter dem Mot­to „Ta­vo­la Aper­ta“(Of­fe­ner Tisch) noch bis En­de No­vem­ber mit Dut­zen­den welt­be­kann­ter Künst­ler wie Tra­cey Moff­at, Ka­der At­tia oder auch An­ne Im­hof zum Lunch ver­ab­re­den.

Bi­en­na­le Ve­ne­dig – 57. In­ter­na­tio­na­le Kunst­aus­stel­lung „Vi­va Arte Vi­va“, 13. Mai bis 26. No­vem­ber 2017, Di.–So. 10–18 Uhr, Mo. ge­schlos­sen

Wei­te­re Bil­der zur Bi­en­na­le im In­ter­net auf noz.de/kul­tur

Jun­ge Darstel­ler in Frei­zeit­klei­dung sind Teil der fast fünf­stün­di­gen Ins­ze­nie­rung „Faust“. Fo­to: dpa

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