„Wir sind am Li­mit!“

Fach­kräf­te­man­gel macht Pfle­gern zu schaf­fen – Nach­wuchs will­kom­men

Neue Osnabrucker Zeitung - Lotte, Westerkappeln, Mettingen, Tecklenburg - - Internationaler Tag Der Pflege -

In den Pfle­ge­be­ru­fen fehlt Per­so­nal. Die Fol­ge sind Be­schäf­tig­te, die mit­un­ter über die ei­ge­ne Be­las­tungs­gren­ze hin­aus ar­bei­ten. Für Schü­ler kann ei­ne Aus­bil­dung trotz­dem at­trak­tiv sein.

STUTTGART. Ein al­ter Mensch liegt im Al­ten­heim im Ster­ben, er hat Angst. Doch der Pfle­ger, der ihn seit Lan­gem kennt, hat kei­ne Zeit für ihn. Statt ihm die Hand zu hal­ten, hat er noch vie­le an­de­re Fäl­le auf der Sta­ti­on, die er ver­sor­gen muss. Was nach ei­ner trau­ri­gen Vor­stel­lung klingt, ist laut Ver­tre­tern aus dem Pfle­ge­be­reich All­tag in vie­len Pfle­ge­hei­men. Bei ei­ner Po­di­ums­dis­kus­si­on auf der Bil­dungs­mes­se Did­ac­ta 2017 stand das The­ma im Mit­tel­punkt.

Gibt es ei­nen Fach­kräf­te­man­gel in der Pflege?

Den Ex­per­ten auf dem Po­di­um zu­fol­ge ja. Der Fach­kräf­te­man­gel in der Pflege sei auch kein neu­es Phä­no­men, sag­te Prof. Ger­trud Hun­den­born vom Deut­schen In­sti­tut für an­ge­wand­te Pfle­ge­for­schung. „Aber er zeigt sich an­ge­sichts des de­mo­gra­fi­schen Wan­dels in ei­ner ganz an­de­ren Schär­fe.“Weil die Deut­schen im­mer äl­ter wer­den und da­mit der Be­darf an Pfle­ge­kräf­ten ten­den­zi­ell steigt, neh­men die Pro­ble­me zu.

Zah­len von der Bun­des­agen­tur für Ar­beit be­stä­ti­gen das. So heißt es in de­ren Fach­kräf­teen­g­pas­s­ana­ly­se vom De­zem­ber 2016 et­wa für die Al­ten­pfle­ge: „Der Fach­kräf­te­man­gel in der Al­ten­pfle­ge [...] zeigt sich aus­nahms­los in al­len Bun­des­län­dern. In kei­nem Bun­des­land ste­hen rech­ne­risch aus­rei­chend ar­beits­lo­se Be­wer­ber zur Ver­fü­gung, um da­mit die der Bun­des­agen­tur für Ar­beit ge­mel­de­ten Stel­len zu be­set­zen.“

Auch Fried­helm Fiedler vom Ar­beit­ge­ber­ver­band Pflege sieht ei­nen Fach­kräf­te­man­gel. Auf An­fra­ge be­stä­tig­te er, dass in der Al­ten­pfle­ge der­zeit 30000 Fach­kräf­te feh­len. Das ha­be aber nichts da­mit zu tun, dass nie­mand in die Pflege wol­le. Die Aus­zu­bil­den­den­zah­len in der Al­ten­pfle­ge stie­gen seit ein paar Jah­ren an.

Die La­ge wird sich in Zu­kunft vor­aus­sicht­lich noch ver­schär­fen. Das Bun­des­in­sti­tut für Be­rufs­bil­dung geht da­von aus, dass bis 2035 et­wa 270 000 Be­schäf­tig­te in der Pflege feh­len.

Wel­che Fol­gen hat das für die Be­schäf­tig­ten?

Für das Pfle­ge­per­so­nal hat das im Ar­beits­all­tag nach An­ga­ben der Po­di­ums­teil­neh­mer auf der Did­ac­ta der­zeit schon jetzt die Fol­ge, dass sie stark über­las­tet sind. Sie hät­ten seit ge­rau­mer Zeit Pro­ble­me, die Schich­ten mit Fach­kräf­ten zu be­set­zen, gibt Andrea Kie­fer vom Deut­schen Bun­des­ver­band für Pfle­ge­be­ru­fe ein Bei­spiel. Zum Teil müss­ten Kol­le­gen aus dem Ur­laub zu­rück­ge­holt wer­den, um Eng­päs­se zu über­brü­cken. „Wir sind am Li­mit“, sag­te sie.

Eve­lyn Sie­bert-Aa­kolk, die auch in der Aus­bil­dung von Pfle­ge­schü­lern tä­tig ist, gab ein an­de­res Bei­spiel: Wenn sie den Pfle­ge­schü­lern er­klä­re, wie sie zum Bei­spiel wich­ti­ge Hy­gie­ne­vor­schrif­ten um­set­zen soll­ten, sag­ten die­se nicht sel­ten: Das klingt gut, doch da­für ha­be ich im Ar­beits­all­tag kei­ne Zeit.

Was be­deu­tet das für an­ge­hen­de Pfle­ge­schü­ler?

Die gu­te Nach­richt für Ju­gend­li­che ist, dass sie im Pfle­ge­be­reich ge­sucht sind. „Die Chan­cen auf ei­nen Aus­bil­dungs­platz sind in der Al­ten­und Kran­ken­pfle­ge gut“, sag­te Kie­fer. Et­was an­ders se­he es in der Kin­der­kran­ken­pfle­ge aus. Dort ge­be es vie­ler­orts nach wie vor mehr Be­wer­ber als Aus­bil­dungs­plät­ze.

Die schlech­te Nach­richt ist, dass es nach Aus­sa­ge von Micha­el Zei­ser von der Mett­nau-Schu­le Ra­dolf­zell mit­un­ter auf­grund des Per­so­nal­man­gels zu De­fi­zi­ten in der Aus­bil­dung kom­men kann. In ei­ni­gen Fäl­len wür­den Aus­zu­bil­den­de wie Ar­beits­kräf­te ein­ge­setzt – und es ha­be nie­mand Zeit, ih­nen et­was zu zei­gen. Ist das bei Ju­gend­li­chen der Fall, soll­ten sie ih­re Pfle­ge­dienst­lei­tung an­spre­chen oder ih­re Lehr­kraft in der Schu­le.

Fried­helm Fiedler vom Ar­beit­ge­ber­ver­band Pflege macht deut­lich: „Aus­zu­bil­den­de sind Aus­zu­bil­den­de und kei­ne Er­satz­ar­beits­kräf­te.“Es lie­ge auch im In­ter­es­se der Pfle­ge­un­ter­neh­men, dass die Ju­gend­li­chen gut aus­ge­bil­det wer­den.

Was ist mit der Re­form der Pfle­ge­be­ru­fe?

Bis­her gibt es in der Pflege die drei Aus­bil­dungs­be­ru­fe Kin­der­kran­ken­pfle­ge, Kran­ken­pfle­ge und Al­ten­pfle­ge. Die Re­form sieht vor, dass die drei Aus­bil­dungs­we­ge ver­ein­heit­licht wer­den– künf­tig soll es ei­ne ge­mein­sa­me Pfle­ge­aus­bil­dung ge­ben. Das hät­te zum Bei­spiel den Vor­teil, dass man zwi­schen den ver­schie­de­nen Pfle­ge­be­ru­fen leich­ter wech­seln könn­te. Das Ka­bi­nett hat vor ei­nem Jahr ein Ge­setz da­zu be­schlos­sen. Ei­ne Ver­ab­schie­dung

im Par­la­ment war dann aber nicht zu­stan­de ge­kom­men. Der­zeit gibt es wei­te­re Be­ra­tun­gen.

Ist der Be­ruf für Ju­gend­li­che über­haupt at­trak­tiv?

Trotz al­ler Pro­ble­me wa­ren sich al­le Po­di­ums­teil­neh­mer ei­nig, dass die Pflege ein sehr

schö­ner Be­ruf ist. Man ar­bei­te sehr nah am Men­schen, er­zähl­te die Al­ten­pfle­ge­rin Do­ro­thee Hei­merl. Wenn ein Pa­ti­ent ein­zie­he und man ei­ne Ebe­ne auf­baue, dann be­kom­me man ein un­heim­li­ches Ver­trau­en. „Es ist toll, je­man­den be­glei­ten zu dür­fen.“

Was soll­ten jun­ge Men­schen mit­brin­gen, die in die Pflege wol­len?

Ge­fragt sei vor al­lem ei­ne ho­he so­zia­le Kom­pe­tenz, er­klär­te Kie­fer. Hin­zu kä­me ein In­ter­es­se an me­di­zi­ni­schen Grund­la­gen, so­wie Aus­dau­er, Ge­duld und Be­last­bar­keit.

Un­halt­ba­re Si­tua­ti­on: Nicht zu­letzt auf­grund des de­mo­gra­fi­schen Wan­dels fehlt in vie­len Pfle­ge­be­ru­fen Per­so­nal. Fo­to: An­ge­li­ka War­muth/dpa

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