Froh­na­tur kon­tra Lan­des­mut­ter

NRW-Re­gie­rungs­che­fin Kraft muss ih­ren Her­aus­for­de­rer La­schet fürch­ten

Neue Osnabrucker Zeitung - Lotte, Westerkappeln, Mettingen, Tecklenburg - - Einblicke - Von Flo­ri­an Pfitz­ner und Lothar Schma­len

Die ak­tu­el­len Um­fra­gen zur Land­tags­wahl in Nord­rhein-West­fa­len fal­len über­ra­schend aus. Kann Re­gie­rungs­che­fin Han­ne­lo­re Kraft die SPD an der Macht hal­ten und für Kanz­ler­kan­di­dat Schulz vor­le­gen?

In der Fuß­gän­ger­zo­ne in Mül­heim an der Ruhr lädt Mar­tin Schulz ins Twit­ter-Zeit­al­ter. #NRWIR, die Über­tra­gung des Wahl­kampf­schla­gers „Wir in Nord­rhein­West­fa­len“in die Welt der Hash­tags, ver­ei­ne am En­de ganz klas­si­sche Wer­te, sagt der Kanz­ler­kan­di­dat: Em­sig­keit und Ge­mein­sinn, den Stolz auf den Wirt­schafts­wan­del – den sei­ne SPD maß­geb­lich vor­an­ge­trie­ben ha­be. „Und da­hin­ter steht ein Na­me“, ruft Schulz: „Han­ne­lo­re Kraft.“

In ih­rer Hei­mat­stadt kann Kraft noch ein­mal rich­tig auf­dre­hen. Was sie aus ih­rer Sicht so er­folg­reich ins Land ge­tra­gen hat, die vor­beu­gen­de Po­li­tik, zu­sam­men­ge­fasst in der Pro­gramm­for­mel „Kein Kind zu­rück­las­sen“, „hab ich hier mit­ge­nom­men“, sagt die Mi­nis­ter­prä­si­den­tin auf der Wahl­kampf­büh­ne. „Die­je­ni­gen, die hier sind, wis­sen das.“

Dass ih­re Re­gie­rungs­bi­lanz mit­tel­präch­tig aus­fällt, ver­zeiht man ihr groß­zü­gig. Als die Kin­der­ar­mut in NRW an­ge­stie­gen ist, ver­tei­dig­te sich Kraft mit ei­ner Ana­ly­se der ge­werk­schafts­na­hen Han­sBöck­ler-Stif­tung. Da­nach hängt die La­ge zu­al­ler­erst mit zu­ge­wan­der­ten und ge­flüch­te­ten Kin­dern zu­sam­men, kaum mit den ein­hei­mi­schen. Über­haupt steht ja nun erst die Aus­wei­tung des Mo­dell­pro­jekts an. Es si­ckert nur lang­sam ins Land hin­ein, da rei­che ei­ne Wahl­pe­ri­ode nicht aus, sagt Kraft. „Vor­beu­gung wirkt und rech­net sich.“

Hand­ball­spie­le­rin

Ei­ni­ge vor ihr auf der „Plat­te“ken­nen sie noch als Han­ne­lo­re Külz­ham­mer, die Hand­ball­spie­le­rin aus Mül­heimDümp­ten. Erst mit Mit­te drei­ßig ist sie in die SPD ein­ge­tre­ten – auf­grund der „Po­li­tik der Durch­läs­sig­keit im Bil­dungs­sys­tem, die mich ge­för­dert hat“, sagt sie heu­te. „Auch wenn ich das erst spä­ter rich­tig be­grif­fen ha­be.“20 Jah­re spä­ter holt sie nun die Ar­gu­men­te ei­ner Amts­in­ha­be­rin her­vor, er­zählt den Mül­hei­mern von der ge­mein­sa­men Wegstre­cke. Ge­wiss, es gibt Punk­te, da läuft es noch holp­rig, bei der schu­li­schen In­klu­si­on et­wa oder bei den ga­ran­tier­ten Ki­ta-Plät­zen. „Die Zu­sa­ge steht, das Geld liegt be­reit“, sagt Kraft und wirbt mit ih­rem Ruhr­pot­tZun­gen­schlag für Ver­ständ­nis: „Im Mo­ment geht’ s noch nicht im­mer gleich um Ecke, aber wir kom­men vor­an.“

Nach den Über­grif­fen in der Köl­ner Sil­ves­ter­nacht 2015 hat man ihr vor­ge­wor­fen, sie sei

ab­ge­taucht. In­ter­na­tio­nal schrie­ben die Zei­tun­gen vom „Fa­nal ei­ner au­ßer Kon­trol­le ge­ra­te­nen Ein­wan­de­rung“, Krafts Pa­ra­de­mi­nis­ter, In­nen­res­sort­chef Ralf Jä­ger, stand über Ta­ge al­lein im Wind. Pri­vat sel­ber in schwe­rer See ob des na­hen­den To­des ih­rer Mut­ter, hat sie in der Pha­se ei­ne Chan­ce ver­ge­ben. Ob­wohl sie die Rol­le der ein­fühl­sa­men Trös­te­rin glaub­wür­dig aus­füllt, ließ sie ei­ne an­ge­mes­se­ne Re­ak­ti­on ver­mis­sen.

At­trak­ti­ves Bü­ro

Sze­nen­wech­sel: Ar­min La­schet, der Op­po­si­ti­ons­füh­rer und Her­aus­for­de­rer von Mi­nis­ter­prä­si­den­tin Han­ne­lo­re Kraft, ge­nießt den Blick aus sei­nem Bü­ro auf Rhein und Düs­sel­dor­fer Alt­stadt. Das at­trak­ti­ve Bü­ro sei ei­ne der au­gen­zwin­kern­den Ge­mein­hei­ten des da­ma­li­gen Mi­nis­ter­prä­si­den­ten Jo­han­nes Rau ge­we­sen. Als der neue Land­tag

ge­plant wur­de, ha­be er da­für ge­sorgt, dass der Op­po­si­ti­ons­füh­rer ein solch schö­nes Bü­ro be­kommt, da­mit er am bes­ten gar kei­ne Am­bi­tio­nen ent­wi­ckelt, es für den Ein­zug in die Staats­kanz­lei auf­ge­ben zu wol­len, er­zählt La­schet lä­chelnd.

Da ist er wie­der, der freund­li­che Mann, der tief aus dem Wes­ten Deutsch­lands kommt, von dem im­mer wie­der kol­por­tiert wird, er sei ei­gent­lich zu nett, um den Kampf um das Amt des Re­gie­rungs­chefs in NRW wirk­lich ge­win­nen zu kön­nen. Ja, freund­lich und fröh­lich ist La­schet, aber im Lau­fe des Wahl­kamp­fes ist er an­griffs­lus­ti­ger ge­wor­den. Wie zu­letzt beim Fern­seh­du­ell des WDR, als La­schet vie­le Be­ob­ach­ter über­rascht hat und zu­min­dest nicht als der Ver­lie­rer vom Platz ging.

Für ei­nen Her­aus­for­de­rer ist das viel­leicht zu we­nig. Aber wer La­schet in den ver­gan­ge­nen Wo­chen be­ob­ach­tet hat,

merkt, dass er selbst­be­wuss­ter und auch sou­ve­rä­ner ge­wor­den ist – spä­tes­tens seit dem über­ra­schend kla­ren Sieg von An­ne­gret Kramp-Kar­ren­bau­er im Saar­land. Und seit der SPD-Nie­der­la­ge in Schles­wi­gHol­stein glau­ben La­schet und sei­ne Leu­te, dass auch in NRW für die CDU al­les drin ist.

Ja­mai­ka ab­ge­sagt

Da­bei sind sei­ne Re­gie­rungs­op­tio­nen um ei­ne Va­ri­an­te re­du­ziert wor­den. Seit den Grü­nen we­gen mi­se­ra­bler Um­fra­ge­wer­te angst und ban­ge ge­wor­den ist, ha­ben sie der von La­schet im­mer wie­der ins Spiel ge­brach­ten Ja­mai­ka-Ko­ali­ti­on (CDU, Grü­ne, FDP) ei­ne Ab­sa­ge er­teilt. Da­bei hät­te La­schet, der von christ­li­chen Wer­ten ge­präg­te Ex-In­te­gra­ti­ons­mi­nis­ter, die­ses Ex­pe­ri­ment si­cher ger­ne ge­wagt.

Wer ge­glaubt hat­te, der Rhein­län­der La­schet ha­be schon des­halb kei­ne Chan­ce,

weil er nur die hal­be NRWCDU hin­ter sich ha­be, sieht sich ge­täuscht. Zwar ist der 56-Jäh­ri­ge ein ech­ter „Öcher“mit Lie­be zum Kar­ne­val, zum Reit­tur­nier und zum Aa­che­ner Dom. Doch er ist klug ge­nug, gera­de des­halb dem west­fä­li­schen Teil des Lan­des be­son­ders viel Auf­merk­sam­keit zu wid­men. Auch, weil er weiß, dass die CDU bei der Land­tags­wahl nur et­was rei­ßen kann, wenn sie ih­re Wäh­ler im länd­li­chen Raum mo­bi­li­sie­ren kann. Und Karl-Jo­sef Lau­mann, den Laut­spre­cher der west­fä­li­schen CDU aus dem Müns­ter­land und eins­ti­gen Ri­va­len um die Par­tei­füh­rung in NRW, hat La­schet längst auf sei­ne Sei­te ge­zo­gen und zum ein­zi­gen ech­ten Mi­nis­ter­kan­di­da­ten in sei­nem „Kom­pe­tenz­team“ge­macht.

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Es wird span­nend: CDU-Op­po­si­ti­ons­füh­rer Ar­min La­schet und SPD-Mi­nis­ter­prä­si­den­tin Han­ne­lo­re Kraft. Fo­to: dpa

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