Apo­the­ker ban­gen um ih­re Zu­kunft

Wie ge­fähr­det ist Ver­sor­gung in der Re­gi­on? – „Oh­ne Arzt nicht über­le­bens­fä­hig“

Neue Osnabrucker Zeitung - Lotte, Westerkappeln, Mettingen, Tecklenburg - - Einblicke - Mehr zum The­ma auf noz.de/ge­sund­heit

Seit Jah­ren war­nen Apo­the­ker vor dem Apo­the­kenster­ben auf dem Land. In Nie­der­sach­sen ge­be es mitt­ler­wei­le so­gar so we­ni­ge Apo­the­ken wie seit 28 Jah­ren nicht, heißt es. Müs­sen tat­säch­lich im­mer mehr In­ha­ber auf­ge­ben? Ist die Ver­sor­gung mit Me­di­ka­men­ten in der Re­gi­on We­ser-Ems ge­fähr­det?

Von Ste­fa­nie Wit­te

OS­NA­BRÜCK. Mit ei­li­gen Schrit­ten über­quert ein Mann den Markt­platz in Mep­pen, in der Hand meh­re­re Me­di­ka­men­ten­schach­teln. Es ist Sonn­tag­nach­mit­tag. Die Ge­schäf­te ha­ben ge­schlos­sen. Nur die Tür der „Al­ten Stadt­A­po­the­ke“öff­net sich im Mi­nu­ten­takt. „Ent­we­der ha­ben al­le Durch­fall, oder al­le ha­ben Schar­lach“, sagt Her­mann Kerck­hoff. Der 54-jäh­ri­ge Apo­the­ker hat sich vor­be­rei­tet: In ei­nem Ne­ben­raum lie­gen meh­re­re Schach­teln von Me­di­ka­men­ten, die gera­de be­son­ders viel ver­schrie­ben wer­den. Den Ver­kaufs­raum rah­men schwe­re, dunk­le Holz­re­ga­le ein. Auf dem Tre­sen ste­hen Tü­ten mit Hus­ten­bon­bons. Ge­schmacks­rich­tung Ho­nig und Mil­de Min­ze.

Die La­ge der Apo­the­ker ver­schlech­te­re sich im­mer mehr, schimpft der Apo­the­ker. Wer ihm zu­hört, ge­winnt den Ein­druck, dass Kran­ken­kas­sen und Po­li­tik der Ur­sprung al­len Übels sei­en. Die Kran­ken­kas­sen stell­ten im­mer ab­sur­de­re An­sprü­che, da­mit Me­di­ka­men­te über­haupt be­zahlt wer­den. Zum Bei­spiel müs­se der ver­ord­nen­de Arzt auf ei­nem Re­zept kennt­lich sein, das mach­ten aber nicht al­le Pra­xen. Au­ßer­dem wer­de ei­ne durch­schnitt­li­che Apo­the­ke zer­rie­ben zwi­schen der Spar- und Re­gu­lie­rungs­wut der Po­li­tik. „Ich wer­de das ir­gend­wie schon noch über­le­ben“, sagt Kerck­hoff. Bei der nächs­ten Ge­ne­ra­ti­on von Apo­the­kern ist er sich da nicht so si­cher.

Die nie­der­säch­si­sche Apo­the­ker­kam­mer teilt die Sor­gen des Mep­pe­ners. „Et­wa ein Vier­tel der Apo­the­ken in Nie­der­sach­sen steht wirt­schaft­lich am Ran­de. Es wird im­mer en­ger“, sagt Kam­mer­prä­si­den­tin Mag­da­le­ne Linz. Die Phar­ma­zeu­ten war­nen: Wenn die Zahl der Apo­the­ken wei­ter ab­neh­me, wer­de es Pro­ble­me ge­ben, Notdienste zu be­set­zen. Vor al­lem al­te Men­schen und Fa­mi­li­en mit Kin­dern wür­den dar­un­ter lei­den.

Je­de Nacht öff­nen nie­der­sach­sen­weit 140 Apo­the­ken. Phar­ma­zeu­ten war­nen, In der Stadt darf die nächs­te Not­dienstapo­the­ke ma­xi­mal 10 Ki­lo­me­ter ent­fernt sein, auf dem Land 20 Ki­lo­me­ter. Im Mo­ment kön­nen die­se Ent­fer­nun­gen laut Kam­mer je­doch noch oh­ne grö­ße­re Pro­ble­me ein­ge­hal­ten wer­den.

In Dör­fern schwie­rig

Was be­droht das Über­le­ben ei­ner Apo­the­ke? Ei­ner, der das er­klä­ren kann, ist Gui­do Mi­chels von der Treu­hand Han­no­ver. Das Un­ter­neh­men be­rät deutsch­land­weit rund 3500 Apo­the­ken in Steuer­und Wirt­schafts­fra­gen. Laut Mi­chels ar­bei­ten rund zwan­zig Pro­zent der Apo­the­ken am Ran­de der Wirt­schaft­lich­keit. „Ei­ne ein­zi­ge Er­klä­rung gibt es da­für nicht. Ein Grund kann der Stand­ort sein. Oh­ne Arzt in der Nach­bar­schaft ist ei­ne ty­pi­sche Land­apo­the­ke fast nicht über­le­bens­fä­hig“, sagt der Öko­nom. 80 Pro­zent ih­res Um­sat­zes macht ei­ne Land­apo­the­ke mit re­zept­pflich­ti­gen Me­di­ka­men­ten. Oh­ne Arzt kein Um­satz. „Es kann auch sein, dass zu viel Per­so­nal an­ge­stellt ist oder dass nicht mehr ge­nug Kun­den in ei­ner Re­gi­on le­ben“, fügt Mi­chels hin­zu. Laut dem Land­kreis Ems­land wer­de es in Dör­fern im­mer schwe­rer, frei wer­den­de Pra­xen zu be­set­zen. Den­noch ist in die­ser Re­gi­on noch kein Apo­the­kenster­ben

zu be­ob­ach­ten. Die Apo­the­ken­zahl sank im Ems­land von 84 im Jahr 2009 auf 81 im ver­gan­ge­nen Jahr. Drei Apo­the­ken we­ni­ger in sie­ben Jah­ren – sind die War­nun­gen viel­leicht über­trie­ben?

Der Vor­stands­vor­sit­zen­de der nie­der­säch­si­schen AOK, Jür­gen Pe­ter, teilt die Be­fürch­tun­gen der Apo­the­ker je­den­falls nicht: „Die Ver­sor­gung se­he ich nicht ge­fähr­det. Der leich­te Rück­gang bei den ab­so­lu­ten Apo­the­ken­stand­or­ten ist ein nor­ma­ler Kon­so­li­die­rungs­pro­zess. Wir ha­ben heu­te so vie­le Apo­the­ken wie in den frü­hen 1990er-Jah­ren, auch im eu­ro­päi­schen Ver­gleich lie­gen wir gut.“

Bei der Lan­des­re­gie­rung ist man ähn­lich ge­las­sen. Laut Ge­sund­heits­mi­nis­te­ri­um ver­sorgt ei­ne Apo­the­ke in Nie­der­sach­sen

im Schnitt 4000 Men­schen. Die brau­che es auch min­des­tens, da­mit ei­ne Apo­the­ke wirt­schaft­lich be­trie­ben wer­den kann.

In Lin­gen, zwan­zig Ki­lo­me­ter von Mep­pen ent­fernt, steht Char­lot­te Hüll­sieck im ro­ten Ka­pu­zen­pull­over in der Apo­the­ke Da­masch­ke. „Ges­tern war hier die Höl­le los“, sagt die 31-Jäh­ri­ge. Ih­re Kun­den kämpf­ten gera­de vor al­lem mit Bin­de­haut­ent­zün­dun­gen und Übel­keit. Hüll­sieck ist an­ge­stellt und ar­bei­tet seit elf Jah­ren in der Bran­che. „Frü­her war der bü­ro­kra­ti­sche Auf­wand ge­rin­ger“, sagt die ge­bür­ti­ge Lin­ge­ne­rin. Au­ßer­dem wer­de über­all ge­spart. Selbst Kun­den ar­gu­men­tier­ten mitt­ler­wei­le: „Im In­ter­net zah­le ich we­ni­ger.“Kei­ne La­den­mie­te, ge­rin­ge­re

Per­so­nal­kos­ten – In­ter­n­etapo­the­ken wie Doc Mor­ris wer­ben mitt­ler­wei­le mit ho­hen Ra­bat­ten.

„Aber ich ma­che den Job schon ger­ne, muss ich sa­gen“, sagt Hüll­sieck und lä­chelt. Ob sie sich vor­stel­len kann, ei­ne ei­ge­ne Apo­the­ke zu er­öff­nen? „Eher nicht. Als Frau ist es am si­chers­ten, an­ge­stellt zu sein – vor al­lem, wenn man ei­ne Fa­mi­lie ha­ben will.“

Künf­ti­ge Pro­ble­me

Am Bei­spiel der jun­gen Apo­the­ke­rin wer­den meh­re­re Pro­ble­me deut­lich. Zwar ist der Raum We­ser-Ems ak­tu­ell gut mit Apo­the­ken ver­sorgt. Ein Blick in die Sta­tis­tik zeigt aber: Von rund 1600 selbst­stän­di­gen Apo­the­kern in Nie­der­sach­sen sind 343 über 65 Jah­re alt. Oh­ne selbst­stän­di­gen In­ha­ber darf ei­ne Apo­the­ke nicht be­trie­ben wer­den. Aber Nach­fol­ger zu fin­den wird zu­neh­mend schwie­rig. Weil ei­ne Apo­the­ke meist un­mit­tel­bar vom be­nach­bar­ten Arzt ab­hän­gig ist, scheu­en vie­le jun­ge Phar­ma­zeu­ten auf dem Land den Schritt in die Selbst­stän­dig­keit. Au­ßer­dem stu­die­ren heu­te zu­neh­mend Frau­en Phar­ma­zie. Für vie­le von ih­nen pas­sen Fa­mi­li­en­pla­nung und Nacht- und Notdienste schlecht zu­sam­men. Und auch Phar­ma­zie­stu­den­ten wis­sen längst, dass sich bei gro­ßen Phar­ma­un­ter­neh­men mehr ver­die­nen lässt als in ei­ner Dorf­apo­the­ke.

Bei der Apo­the­ker­kam­mer in Nie­der­sach­sen denkt man da­her schon wei­ter. „Man könn­te über­le­gen, we­ni­ger at­trak­ti­ve, aber für die Ver­sor­gung not­wen­di­ge Stand­or­te nach skan­di­na­vi­schem Vor­bild zu sub­ven­tio­nie­ren“, regt Prä­si­den­tin Mag­da­le­ne Linz an. „Um die Ver­sor­gung auf dem Land zu ge­währ­leis­ten – zu­mal wenn es in ei­nem Ort kei­nen Arzt mehr gibt –, könn­te man Apo­the­ken zu Ge­sund­heits­pos­ten aus­bau­en. Das Per­so­nal könn­te ge­schult wer­den und zu­sätz­li­che Auf­ga­ben über­neh­men – Imp­fun­gen zum Bei­spiel.“

Herz, Lun­ge, Le­ber:

dass sich die Be­din­gun­gen, un­ter de­nen sie ar­bei­ten, im­mer mehr ver­schär­fen. Fo­to: dpa

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