Shop­pen, wo KZ-Häft­lin­ge schuf­te­ten

Wolfs­burg will auf den Gr­und­fes­ten ei­nes Au­ßen­la­gers ein Ein­kaufs­zen­trum bau­en – Hin­ter­blie­be­nen­ver­bän­de sind em­pört

Neue Osnabrucker Zeitung - Lotte, Westerkappeln, Mettingen, Tecklenburg - - Einblicke -

Von Mei­ke Baars

Es gab kein Trink­was­ser, die har­te Ar­beit brach­te die Häft­lin­ge Tag für Tag an ih­re Gren­zen, im­mer­zu muss­ten sie Miss­hand­lun­gen des Wach­per­so­nals fürch­ten: Knapp 800 Häft­lin­ge schuf­te­ten im Wolfs­bur­ger Au­ßen­la­ger Laag­berg des Kon­zen­tra­ti­ons­la­gers Neu­eng­am­me un­ter bru­ta­len Be­din­gun­gen. 1945 räum­te die SS das La­ger. 50 Men­schen star­ben beim Trans­port in ein an­de­res KZ.

Es ist ein dunk­les Ka­pi­tel in der Ge­schich­te der Stadt Wolfs­burg, das ak­tu­ell um ei­ne hit­zi­ge Dis­kus­si­on er­wei­tert wird: Denn ge­nau auf dem Ge­län­de des ehe­ma­li­gen Au­ßen­la­gers will die Stadt ein Wohn­ge­biet mit an­ge­schlos­se­nem Ein­kaufs­zen­trum bau­en.

Bei ar­chäo­lo­gi­schen Un­ter­su­chun­gen im Vor­feld leg­ten Ar­bei­ter die Über­res­te ei­ner KZ-Ba­ra­cke frei – ein wich­ti­ger Er­in­ne­rungs­ort, so emp­fan­den Op­fer- und Hin­ter­blie­be­nen­ver­bän­de. Doch die Stadt sah das lan­ge an­ders – und woll­te die Fun­de le­dig­lich do­ku­men­tie­ren und ab­tra­gen. „Das hät­te be­deu­tet, dass sie für im­mer zer­stört wor­den wä­ren“, sagt Mecht­hild Har­tung vom Wolfs­bur­ger Kreis­ver­band der Ver­ei­ni­gung der Ver­folg­ten des Na­zi-Re­gimes (VVN). Sie be­tont, wie wich­tig es sei, dass an au­then­ti­schen Or­ten an die un­mensch­li­chen Ver­bre­chen des Drit­ten Rei­ches er­in­nert wer­de. „Wenn es Bei Gra­bun­gen leg­ten Ar­bei­ter Über­res­te ei­ner KZ-Ba­ra­cke frei. Dort soll nun ein Ein­kaufs­zen­trum ent­ste­hen. kaum noch le­ben­de Zeit­zeu­gen gibt, brau­chen wir die­se Or­te als Mah­nung.“

Erst der wort­rei­che Pro­test von Hin­ter­blie­be­nen brach­te die Stadt zum Ein­len­ken – zu­min­dest ein Stück weit. An dem Plan, das Ein­kaufs­zen­trum samt Tief­ga­ra­ge zu bau­en, hält sie zwar fest. Doch der ge­mau­er­te Grund­riss der KZ-Ba­ra­cke soll nun ver­legt und an an­de­rer Stel­le auf dem ehe­ma­li­gen La­ger­ge­län­de wie­der auf­ge­baut wer­den – in­te­griert in ei­ne Er­in­ne­rungs- und Bil­dungs­stät­te. „Die Ein­rich­tung hebt die be­son­de­re Ver­ant­wor­tung der Stadt her­vor so­wie den fes­ten Wil­len, sich die­ser zu stel­len und sie zu über­neh­men“, ließ sich Ober­bür­ger­meis­ter Klaus Mohrs zi­tie­ren. Ei­ne An­fra­ge un­se­rer Re­dak­ti­on beim Pres­se­amt der Stadt blieb zu­nächst un­be­ant­wor­tet.

Mit ei­nem be­we­gen­den Brief hat­te sich zu­vor der Prä­si­dent des Freun­des­krei­ses der KZ-Ge­denk­stät­te Neu­eng­am­me, Je­an-Mi­chel Gaus­sot, an das Stadt­ober­haupt ge­wandt. Der Va­ter Gaus­sots war bei der Räu­mung des Au­ßen­la­gers ums Le­ben ge­kom­men. „Die Fun­da­men­te sind ein wich­ti­ges Zeug­nis der na­tio­nal­so­zia­lis­ti­schen Ge­walt­herr­schaft in Wolfs­burg“, schrieb der Freun­des­kreis-Prä­si­dent. „Wir kön­nen nicht nach­voll­zie­hen, dass die Pla­nun­gen zur Be­bau­ung oh­ne vo­ri­ge Rück­spra­che mit den be­trof­fe­nen In­sti­tu­tio­nen durch­ge­führt wur­den.“

Auch Mecht­hild Har­tung wun­der­te sich dar­über, dass die Stadt das Ge­län­de über­haupt als an­ge­mes­se­nen Bau­grund be­trach­te­te. „Die sind da ja nicht ein­fach drü­ber ge­stol­pert. Dass ge­nau dort die mit St­a­chel­draht um­zäun­ten KZ-Ba­ra­cken stan­den, war be­kannt.“Seit vie­len Jahr­zehn­ten ist der größ­te Teil des La­gers zwar über­baut, und es war nicht klar, dass die Gr­und­fes­ten ei­ner Ba­ra­cke dar­un­ter so gut er­hal­ten sein wür­den. Aber die his­to­ri­schen Flä­chen lie­gen in den Bau­plä­nen vor. Zu­dem er­in­nert seit 1987 ein st­ei­ner­nes Mahn­mal an das Au­ßen­la­ger.

Dass die Über­res­te nun an an­de­rer Stel­le ge­zeigt wer­den sol­len, hal­ten die Hin­ter­blie­be­nen­ver­tre­ter im Ver­gleich zu Ver­schüt­tung und Über­bau­ung für die sorg­sa­me­re Al­ter­na­ti­ve – aber für al­les an­de­re als ide­al. „Die Um­sied­lung von Tei­len ei­nes Kon­zen­tra­ti­ons­la­gers ist in der mo­der­nen Ge­schich­te ein­ma­lig und nicht an­ge­mes­sen“, sag­te der ehe­ma­li­ge VW-Chef-His­to­ri­ker Man­fred Grie­ge dem NDR.

Auch ein wei­te­rer Aspekt stößt den Op­fer­ver­tre­tern bit­ter auf: Für den Bau von Wohn­ge­biet und Ein­kaufs­zen­trum zeich­net die Neu­land Woh­nungs­ge­sell­schaft ver­ant­wort­lich, ei­ne Bau­fir­ma in städ­ti­scher Hand, die 1938 ge­grün­det wur­de und Teil der na­tio­nal­so­zia­lis­ti­schen Deut­schen Ar­bei­ter­front (DAF) war. Dar­an wird aber kaum mehr zu rüt­teln sein – ge­nau­so we­nig wie an dem ge­plan­ten Ein­kaufs­zen­trum.

Die Vor­stel­lung, dass bald Men­schen ih­re Ein­kaufs­wa­gen durch Su­per­markt-Gän­ge schie­ben sol­len, wo sich vor 70 Jah­ren KZ-Häft­lin­ge zu To­de ar­bei­te­ten, sorgt bei Op­fer­an­wäl­ten wie Mecht­hild Har­tung für ei­ne Gän­se­haut: „Das ist un­mög­lich. Ich wer­de kei­nen Fuß da hin­ein­set­zen.“

Fo­to: Stadt Wolfs­burg

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