Min­dest­lohn­ver­stö­ße: Ge­schirr­spü­len für vier Eu­ro die St­un­de

Ge­werk­schaft Nah­rung-Ge­nuss-Gast­stät­ten be­klagt man­geln­de Kon­trol­len – Ro­sen­ber­ger: Schäu­b­le spart an fal­scher Stel­le

Neue Osnabrucker Zeitung - Lotte, Westerkappeln, Mettingen, Tecklenburg - - Politik - Der NGG. mehr Ge­sprä­che auf noz.de/in­ter­view

Von Dirk Fis­ser

OS­NA­BRÜCK. Die Ge­werk­schaft Nah­rung-Ge­nus­sGast­stät­ten (NGG) be­klagt mas­si­ve Ver­stö­ße ge­gen den Min­dest­lohn im Gast­stät­ten­ge­wer­be. Im In­ter­view mit un­se­rer Re­dak­ti­on for­dert die Vor­sit­zen­de Michae­la Ro­sen­ber­ger des­halb, die Kon­trol­len zu ver­schär­fen.

Frau Ro­sen­ber­ger, es ist still ge­wor­den um die Ta­rif­ver­hand­lun­gen für et­wa 100 000 Be­schäf­tig­te bei McDo­nald’s, Bur­ger King und an­de­ren Sys­tem­gas­tro­no­men. Was ist da los? Wir ha­ben die Ge­sprä­che zu­nächst er­geb­nis­los ab­ge­bro­chen. Ge­schei­tert sind sie aber noch nicht. Wir su­chen der­zeit nach ei­ner Lö­sung. Aber un­ser Stand­punkt ist klar: Wir for­dern deut­lich mehr als neun Eu­ro pro St­un­de in der un­ters­ten Lohn­grup­pe. Das An­ge­bot der Ar­beit­ge­ber ist un­ver­schämt – gera­de ein­mal sechs Cent über dem Min­dest­lohn. Hier will man sich wohl auf dem Min­dest­lohn aus­ru­hen. Al­so 8,90 Eu­ro statt min­des­tens 8,84 Eu­ro pro St­un­de. Ist Ihr Or­ga­ni­sa­ti­ons­grad denn hoch ge­nug, um McDo­nald’s oder Bur­ger King im Zwei­fels­fall flä­chen­de­ckend zu be­strei­ken?

Nicht in je­der Fi­lia­le wer­den wir das schaf­fen. Aber die Warn­streiks im Früh­jahr ha­ben ge­zeigt, dass wir den Be­trieb er­heb­lich stö­ren kön­nen. Da­bei muss man ei­nes be­den­ken: Wenn Mit­ar­bei­ter ei­nes Re­stau­rants auf die Stra­ße ge­hen und strei­ken, kön­nen sie sich nicht in ei­ner Mas­se von Hun­der­ten Strei­ken­den ver­ste­cken wie bei ei­nem gro­ßen Un­ter­neh­men. Sie ste­hen für je­den sicht­bar vor ih­rem Re­stau­rant. Das ist mu­tig! Noch ist es aber nicht so weit. Streik ist das letz­te Mit­tel in ei­ner Ta­rif­aus­ein­an­der­set­zung. Über den Mai wird es wei­te­re Ge­sprä­che ge­ben.

Wir ha­ben jetzt seit drei­ein­halb Jah­ren den Min­dest­lohn in Deutsch­land. Ak­tu­ell 8,84 Eu­ro in der St­un­de. Wie hat er sich in den Bran­chen aus­ge­wirkt, die die NGG ver­tritt? Nichts von dem ist ein­ge­tre­ten, was die Ar­beit­ge­ber­sei­te vor der Ein­füh­rung pro­gnos­ti­ziert hat. Nicht ein ein­zi­ger Job ist durch den Min­dest­lohn ver­lo­ren ge­gan­gen. Und wenn doch, hat der Be­trof­fe­ne an­ders­wo ei­nen bes­ser be­zahl­ten Job be­kom­men. Aber ich muss be­to­nen: Der Min­dest­lohn ist nicht mehr als ein Auf­fang­netz. Er reicht bei Wei­tem nicht, bei­spiels­wei­se ei­ne ver­nünf­ti­ge Ren­te auf­zu­bau­en. Ein po­si­ti­ver Ran­das­pekt ist aber, dass der Min­dest­lohn da­bei hilft, die Lohn­lü­cke zwi­schen Män­nern und Frau­en zu schlie­ßen.

Es gibt im­mer wie­der Kri­tik an der Kon­troll­dich­te … Die Zahl der Über­prü­fun­gen durch den Zoll ist rück­läu­fig, das ist ein Skan­dal. Im Gast­stät­ten­ge­wer­be ver­zeich­nen wir ei­nen Rück­gang von 17 Pro­zent im Ver­gleich zu der Zeit vor dem Min­dest­lohn. Der Staat sen­det hier ein fa­ta­les Si­gnal an die Ar­beit­ge­ber: „Es in­ter­es­siert Michae­la Ro­sen­ber­ger, uns noch we­ni­ger als frü­her, was ihr mit eu­ren Ar­beit­neh­mern macht.“Wir ken­nen Fäl­le von Spü­lern, die für vier Eu­ro in der St­un­de in ei­ner Gast­stät­te ge­ar­bei­tet ha­ben. Bei an­de­ren wird bei der Ar­beits­zeit ge­trickst, nach dem Mot­to: Mehr Ar­beit für glei­ches Geld. Die Bun­des­re­gie­rung hat 1600 neue Kon­trol­leu­re ver­spro­chen, 1000 feh­len im­mer noch. Hier spart der Bun­des­fi­nanz­mi­nis­ter an der fal­schen Stel­le.

Apro­pos Ar­beits­zeit: Die Ar­beit­ge­ber-Seite ver­langt nach ei­ner Re­form des Ar­beits­zei­ten­ge­set­zes. Es sei nicht mehr zeit­ge­mäß, heißt es. Tei­len Sie die­se Ein­schät­zung? Ich emp­feh­le ei­nen Blick in die Ta­rif­ver­trä­ge. Die­se las­sen be­reits jetzt ei­ne ho­he Fle­xi­bi­li­tät zu. Und auch das Ge­setz selbst ist we­ni­ger starr, als ger­ne be­haup­tet wird. Wir brau­chen al­so kei­ne Re­form. Ein star­kes Ar­beits­zeit­ge­setz schützt Ar­beit­neh­mer. Statt Aus­wei­tung und Fle­xi­bi­li­sie­rung der Wo­chen­ar­beits­zeit brau­chen wir ei­ne stär­ke­re Re­gu­lie­rung: Wir spre­chen in Deutsch­land von zwei Mil­li­ar­den Über­stun­den im Jahr, da­von ei­ne Mil­li­ar­de un­be­zahlt. Der Ruf nach ei­ner Lo­cke­rung des Ar­beits­zeit­ge­set­zes ist ge­trie­ben von dem Wunsch, die­se täg­li­chen Ge­set­zes­ver­stö­ße und die Aus­beu­tung zu le­ga­li­sie­ren.

Ne­ben in­ter­nen Gr­a­ben­kämp­fen steht doch gera­de die Er­näh­rungs­wirt­schaft vor ganz neu­en Her­aus­for­de­run­gen: die zu­neh­men­de Kri­tik der Ge­sell­schaft an Pro­duk­ti­ons­me­tho­den. Kann das ge­fähr­lich für Jobs wer­den?

Rich­tig, die Ver­brau­cher wer­den zu­neh­mend kri­ti­scher. Das ist nicht nur ei­ne Pha­se, wie im­mer noch vie­le in der Bran­che den­ken. Das wird blei­ben, da bin ich si­cher. Und des­we­gen müs­sen wir die­se Ent­wick­lung auch als Chan­ce ver­ste­hen. Bei­spiels­wei­se wenn es um die Kenn­zeich­nung von Le­bens­mit­teln geht. Da brau­chen wir ein­fach mehr Trans­pa­renz. Was ist drin? Wo kommt es her? Wie wur­de es her­ge­stellt? Der Ver­brau­cher hat ein Recht dar­auf, das zu er­fah­ren. Aus Zwei­fel kann an­sons­ten auch schnell Ab­leh­nung wer­den. Die NGG will ei­ne Ver­ant­wor­tungs­part­ner­schaft schmie­den: Ar­beit­neh­mer, Ar­beit­ge­ber, Ver­brau­cher­ver­bän­de, Po­li­tik und wei­te­re Be­tei­lig­te sol­len an ei­nem Tisch zu­sam­men­kom­men und sich zum The­ma Nach­hal­tig­keit be­ken­nen. Am Mitt­woch hal­ten wir da­her ei­ne le­bens­mit­tel­po­li­ti­sche Kon­fe­renz ab. Un­ser Cre­do: Ei­ne nach­hal­ti­ge Er­näh­rungs­wirt­schaft si­chert Ar­beits­plät­ze.

Wort­füh­rer im O-Ton:

Che­fin Fo­to: dpa

Newspapers in German

Newspapers from Germany

© PressReader. All rights reserved.