Ho­mann: Feh­ler­haf­te Po­li­tik und Ver­wal­tung aus­schlag­ge­bend

Neue Osnabrucker Zeitung - Lotte, Westerkappeln, Mettingen, Tecklenburg - - Dialog -

Zur Be­richt­er­stat­tung über Ho­mann, u.a. zu den Ar­ti­keln „Ho­mann-Gip­fel ge­schei­tert“(Aus­ga­be vom 10. Mai) und „Bei­hil­fen schon vor Mo­na­ten The­ma“(Aus­ga­be vom 11. Mai).

„Herr Wie­sche­mey­er, bit­te mehr Fak­ten im Kom­men­tar und nicht post­fak­ti­sche Ar­gu­men­ta­tio­nen. Ja, die Schlie­ßungs­pla­nung von fünf Stand­or­ten und ins­be­son­de­re in Dis­sen ist für die be­trof­fe­nen Mit­ar­bei­ter hart und teil­wei­se mit gra­vie­ren­den Aus­wir­kun­gen. Aber ei­ne sys­te­mi­sche Be­trach­tung er­folgt nicht.

Ein Zu­sam­men­fü­gen von fünf ver­schie­de­nen Be­triebs­stät­ten ist be­triebs­wirt­schaft­lich als Le­bens­mit­tel­her­stel­ler ab­so­lut not­wen­dig im Wett­be­werb zu den Han­dels­rie­sen von Al­di, Lidl bis Ede­ka, Rewe und zu­künf­tig auch Ama­zon etc. Der Kon­su­ment, al­so wir, will güns­tig mit ho­her Qua­li­tät die Wa­re ein­kau­fen.

Der Hin­weis ei­nes Kauf­boy­kotts ist we­gen sei­ner re­gio­na­len Aus­wir­kung kaum ein Ge­gen­ar­gu­ment für die Mül­ler-Grup­pe. Und der Kon­su­ment ist oft auch lei­der sehr schnell ver­gess­lich. Dass die Po­li­tik/Ver­wal­tung viel­leicht ein nütz­li­cher ,Idi­ot‘ ist, ist ge­sell­schafts­po­li­tisch/volks­wirt­schaft­lich ge­se­hen nicht rich­tig.

Sie hat die Auf­ga­be, ein re­la­tiv aus­ge­wo­ge­nes wirt­schaft­li­ches Gleich­ge­wicht in Deutsch­land her­zu­stel­len, was durch die fö­de­ra­len Struk­tu­ren zum Teil kon­ter­ka­riert wird. Er­gän­zend da­zu sind in den 90er-Jah­ren in Ost­deutsch­land gan­ze In­dus­tri­en ver­schwun­den. Wo war denn da der mo­ra­li­sche Auf­schrei in West­deutsch­land?

Eben­so ist die steu­er­li­che Wirt­schafts­för­de­rung (Steu­er­ver­güns­ti­gun­gen/ Sub­ven­tio­nen etc.) na­tio­nal wie in­ter­na­tio­nal ein Mit­tel der Steue­rung, und ein Un­ter­neh­men be­rück­sich­tigt dies in sei­ner Kal­ku­la­ti­on. Al­so nicht der bö­se Un­ter­neh­mer ist aus­schlag­ge­bend, son­dern die Po­li­tik und Ver­wal­tung ha­ben durch nicht sys­te­mi­sche Ana­ly­se und Be­ar­bei­tung feh­ler­haf­te Ge­set­ze und Vor­schrif­ten er­las­sen.

Und lie­be Ge­werk­schaf­ter, Po­li­ti­ker und Me­di­en, wie­so ist der mo­ra­li­sche und post­fak­ti­sche Auf­schrei bei gro­ßen Un­ter­neh­men im­mer so groß? In der klein­struk­tu­rier­ten Druck­in­dus­trie zum Bei­spiel ha­ben seit [dem Jahr] 2000 mehr als 85000 von 210 000 Mit­ar­bei­tern ih­ren Ar­beits­platz ver­lo­ren. […]“

Wolf­gang Wes­se­ler Ge­orgs­ma­ri­en­hüt­te

„Auch wir Ver­brau­cher kön­nen da­zu bei­tra­gen, dass die Ho­mann-Wer­ke zu­min­dest in Deutsch­land blei­ben. Soll­ten sie ihr Haupt­werk nach Po­len ver­le­gen, wer­de ich kein Pro­dukt mehr von die­ser Fir­ma kau­fen.“Chris­tel Birk­holz Gü­ters­loh

„Le­ben und le­ben las­sen – wer die­ses Prin­zip miss­ach­tet (wie zum Bei­spiel gera­de der Mül­ler-Kon­zern bei Ho­mann in Dis­sen), der kann leicht in ei­ne miss­li­che Ver­kaufs­la­ge kom­men, wenn

vie­le Kun­den die ,Ethik‘ die­ser Fir­ma äch­ten und Pro­duk­te von Mül­ler-Milch, Kamps Back­wa­ren und (lei­der auch) Ho­mann mei­den.

Mal se­hen, wer da den län­ge­ren Atem hat. Der Kun­de ist Kö­nig! […]“

Mo­ni­ka Ho­hen­stein Os­na­brück

„Selbst­ver­ständ­lich gibt es für Un­ter­neh­mens­in­ves­ti­tio­nen, die neue Ar­beits­plät­ze schaf­fen, Sub­ven­tio­nen – und zwar ge­nau aus dem in der Ant­wort der Bun­des­re­gie­rung ge­nann­ten Pro­gramm. Und al­le Po­li­ti­ker, die sich jetzt dar­über er­re­gen, ha­ben das im­mer ge­wusst, ge­wollt und auch so mit be­schlos­sen.

Ich war in den ver­gan­ge­nen Jah­ren als Un­ter­neh­mer selbst auf Stand­ort­su­che in den neu­en Bun­des­län­dern und weiß aus ei­ge­ner Er­fah­rung, wie drin­gend dort um Ar­beits­plät­ze ge­run­gen wird und dass die För­der­mit­tel dort hö­her sind als in den al­ten Län­dern. Al­le, die sich jetzt dar­über be­kla­gen, müs­sen aber wis­sen, dass die­se Um­ver­tei­lung von Geld ein wich­ti­ges Ele­ment der EUBü­ro­kra­tie ist. Be­zahlt wer­den al­le die­se Sub­ven­tio­nen mit un­se­ren Steu­ern, al­so auch de­nen der Ho­mann-Be­schäf­tig­ten.

In die­sem Fall fließt das Geld we­nigs­tens wie­der nach Deutsch­land, es hät­ten näm­lich auch Ar­beits­plät­ze in Po­len oder Tsche­chi­en ent­ste­hen kön­nen. Ver­kauft wird uns all das doch im­mer als So­li­da­ri­tät mit an­de­ren Tei­len der EU!

Da­her ist es rei­ne Heu­che­lei, wenn jetzt EU-Ab­ge­ord­ne­te ei­nen Brief an Juncker schrei­ben – die­se Ab­ge­ord­ne­ten, die für ein Mo­nats­sa­lär von rund 10 000 Eu­ro und ei­ne üp­pi­ge Al­ters­ver­sor­gung für uns in Brüs­sel sit­zen, ha­ben ge­nau die­se Sub­ven­tio­nen mit be­schlos­sen. La­den Sie doch mal Herrn McAl­lis­ter nach Dis­sen ein und fra­gen Sie ihn da­nach.

Die Lan­des­re­gie­rung von Nie­der­sach­sen ver­säumt es re­gel­mä­ßig, mit Un­ter­neh­men kon­struk­tiv im Ge­spräch zu blei­ben, und zeigt sich jetzt über­rascht. Wenn man Un­ter­neh­men stets mit neu­en Re­gle­men­tie­run­gen be­drängt, braucht man sich über sol­che Ent­schei­dun­gen nicht zu wun­dern. För­der­mit­tel sind nicht al­lein aus­schlag­ge­bend für Stand­ort­ent­schei­dun­gen, vie­le Fak­to­ren kön­nen von der Po­li­tik po­si­tiv be­ein­flusst wer­den und hät­ten ei­ne sol­che dra­ma­ti­sche Ent­schei­dung viel­leicht ver­hin­dern kön­nen.

Und noch ei­ne In­for­ma­ti­on zu Sach­sen: In die­sem Bun­des­land wer­den durch die so­ge­nann­te Ener­gie­wen­de in den nächs­ten Jah­ren Tau­sen­de von gu­ten Ar­beits­plät­zen ver­lo­ren ge­hen, weil Braun­koh­le als Ener­gie­trä­ger plötz­lich po­li­tisch nicht mehr ge­wollt ist. Wen küm­mert die­ses Pro­blem in Nie­der­sach­sen? Ins­be­son­de­re rot-grü­ne Po­li­ti­ker (und Wäh­ler!) soll­ten zur Kennt­nis neh­men, dass Ar­beits­plät­ze weit wich­ti­ger sind als vie­les, wor­um Po­li­ti­ker sich ger­ne küm­mern!“

Dr. Pe­ter Lan­ger Has­ber­gen

Ver­är­ge­rung, aber auch Ver­ständ­nis: Die Schlie­ßung des Ho­mann-Werks spal­tet un­se­re Le­ser­schaft Fo­to: Micha­el Grün­del

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