„Man hört, ob je­mand ehr­lich ist“

Re­por­ter-Le­gen­de Koch über Ab­stiegs­kampf und Lei­den­schaft – im Fuß­ball wie im Le­ben

Neue Osnabrucker Zeitung - Lotte, Westerkappeln, Mettingen, Tecklenburg - - Sport -

„Hier ist Nürn­berg, wir mel­den uns vom Ab­grund.“Sät­ze wie die­ser mach­ten aus Ra­dio-Re­por­ter Gün­ther Koch ei­ne Le­gen­de. Der 75-Jäh­ri­ge mit der prä­gnan­ten Stim­me spricht über den ak­tu­el­len Bun­des­li­ga-Ab­stiegs­kampf und die Ent­wick­lung des Fuß­balls.

Von Ben­ja­min Kraus

Herr Koch, heu­te sind wie auch am letz­ten Spiel­tag al­le Bun­des­li­ga-Par­ti­en zeit­gleich an­ge­setzt. Geht Ih­nen da als Ra­dio-Mann nicht das Herz auf ? Ab­so­lut. Die sonst herr­schen­de Zer­stü­cke­lung des Spiel­plans ist fa­mi­li­en­feind­lich, un­so­zi­al – und ein Be­weis da­für, dass es im Prin­zip nur noch ums Geld geht. Des­halb freue ich mich rie­sig auf die letz­ten Spiel­ta­ge mit Ori­gi­nal-Ra­dio-Kon­fe­renz, die ich un­ab­hän­gig und ent­spannt hö­ren kann.

Zen­tral wird der Ab­stiegs­kampf sein – wer, glau­ben Sie, muss am En­de run­ter? Es wür­de mich schon sehr wun­dern, wenn es tat­säch­lich mal den HSV er­wischt – mehr will ich da­zu nicht sa­gen. Als Lo­kal­pa­tri­ot hof­fe ich, dass die be­wun­derns­wert gut ar­bei­ten­den Augs­bur­ger drin blei­ben. Auch für In­gol­stadt wür­de es mich freu­en: Von dort ha­be ich schon zu Lan­des­li­ga-Zei­ten der Vor­gän­ger­clubs MTV und ESV be­rich­tet.

Was ha­ben Augsburg und In­gol­stadt zu­letzt bes­ser ge­macht als Ihr Her­zens­ver­ein 1. FC Nürn­berg?

Das ist na­tür­lich ei­ne ge­mei­ne Fra­ge – ich sit­ze ja beim Club im Auf­sichts­rat. Wenn ich of­fen dar­auf ant­wor­te, wä­re es nicht för­der­lich für un­se­ren Auf­trag, den Club best­mög­lich nach vor­ne zu brin­gen. Al­so sa­ge ich da­zu jetzt lie­ber nix.

Dann las­sen Sie uns ein we­nig in die Ver­gan­gen­heit schau­en: Et­wa ins Jahr 1999, als ein eben­so span­nen­des Sai­son­fi­na­le im Ta­bel­len­kel­ler an­stand. Was fällt Ih­nen ein, wenn Sie an den da­ma­li­gen Ab­stieg des 1. FC Nürn­berg nach Las­tMi­nu­te-Sturz von Rang 12 auf Rang 16 den­ken? Furcht­bar. Das Schlimms­te, was ich in mei­nem Job er­lebt ha­be. Wenn ich dar­an den­ke, könn­te ich mich im­mer noch auf­re­gen. Als ich ge­spürt ha­be, dass auf den an­de­ren

Plät­zen al­les ge­gen den Club läuft, hät­te ich mei­ne Ver­ka­be­lung lo­ckern und mit dem mo­bi­len Sen­der in der Ge­säß­ta­sche in den In­nen­raum des Sta­di­ons lau­fen sol­len. Das hat­te ich schon beim 4:0 ge­gen die Bay­ern 1989 ge­macht, mit In­ter­views mit Man­ni Schwabl und Uli Ho­en­eß bei lau­fen­dem Spiel. In Nürn­berg hält mich ja kei­ner auf – und 1999 wä­ren sie viel­leicht auf­ge­wacht nach dem Mot­to: „Wenn der Koch durch­dreht, muss ir­gend­was faul sein.“Dann wä­re be­stimmt noch das 2:2 ge­gen Frei­burg ge­fal­len – das hät­te ge­reicht. Ich wür­de nach wie vor al­le Prei­se, die ich für die da­ma­li­ge Re­por­ta­ge be­kom­men Re­por­ter-Le­gen­de Gün­ther Koch im Nürn­ber­ger Sta­di­on.

ha­be, ge­gen den Klas­sen­er­halt des 1. FC Nürn­berg ein­tau­schen.

Sie gel­ten am Mi­kro­fon als „Stim­me Fran­kens“, ha­ben Ih­re Lie­be zum Club nie ver­bor­gen. War­um, glau­ben Sie, ha­ben Sie trotz­dem bun­des­weit An­er­ken­nung für Ih­re Ar­beit er­fah­ren? Weil die Leu­te ge­merkt ha­ben, dass ich ehr­lich bin. Man hört an der Stim­me, ob je­mand ehr­lich ist – das gilt üb­ri­gens auch für das nor­ma­le Le­ben. Wich­tig ist, die Wahr­heit zu be­rich­ten: Fach­lich, fair, ob­jek­tiv. Dann kann man auch mal ein we­nig ver­rückt sein oder emo­tio­nal. Die Leu­te ha­ben ge­merkt, dass mir

das weh­tut, wenn ich über den Club ge­schimpft ha­be – und als Fuß­bal­ler ha­ben sie das ver­stan­den.

Ein we­nig ge­schimpft ha­ben Sie of­fen­bar auch über schlech­te Ra­dio-Re­por­ta­gen – als Sie vor 40 Jah­ren ei­nen Brief an den BR schrie­ben, in dem stand, Sie könn­ten das bes­ser... Das war si­cher frech. Schuld dar­an war ei­gent­lich mei­ne Toch­ter, da­mals zehn Jah­re alt. Sie hat er­lebt, wie ich als Leh­rer bei ei­ner Schul­fahrt in En­g­land bei den schwer er­zieh­ba­ren Jungs am Feld stand und aus Spaß de­ren Fuß­ball­spiel kom­men­tiert ha­be. Sie hat dar­auf be­stan­den, dass ich dem BR schrei­be – ich stand bei ihr im Wort. So ging al­les los bei ei­ner Pro­be­re­por­ta­ge der Par­tie SpVg. Fürth ge­gen Bay­ern Hof.

Sie ha­ben un­ter an­de­rem den FC Bay­ern quer durch Eu­ro­pa be­glei­tet, den Pro­fi­fuß­ball stets ver­folgt. Wie be­ur­tei­len Sie des­sen Lang­zeit-Ent­wick­lung?

Ich ha­be selbst zwar dem Fuß­ball viel zu ver­dan­ken, aber schon seit den 80er-Jah­ren kri­ti­sche In­ter­views zu die­sem The­ma ge­ge­ben. Lei­der ist der Pro­fi­fuß­ball all­zu oft nur noch Ge­schäft. In­zwi­schen bin ich selbst ein­fach zu alt, um noch aus­zu­stei­gen.

Hat die Aus­übung des Auf­sichts­rat-Am­tes Ih­ren Blick auf den Fuß­ball ver­än­dert? Das hat auf je­den Fall mei­nen Blick er­wei­tert. Ich muss zu­ge­ben, dass ich kei­ne Ah­nung da­von hat­te, wel­che Mäch­te – ich sa­ge nur Spie­ler­be­ra­ter, an­ge­kop­pel­te Pseu­do-Un­ter­stüt­zer – bei den Ver­ei­nen mit­spie­len und mit­re­den. Ich bin täg­lich meh­re­re St­un­den in die­sem Amt un­ter­wegs – aus Lie­be zum Club und aus Dank­bar­keit.

Im­mer auch mit dem Her­zen da­bei: Fo­to: imago/Schiff­mann

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