Zeit­punkt des To­des ver­tuscht?

Pro­zess ge­gen Frau­en­arzt

Neue Osnabrucker Zeitung - Lotte, Westerkappeln, Mettingen, Tecklenburg - - Osnabrück - Zum Nach­le­sen auf noz.de/os

Im Tot­schlag­pro­zess ge­gen ei­nen Frau­en­arzt aus Os­na­brück ging es am Frei­tag vor der ers­ten Straf­kam­mer des Land­ge­richts Lands­hut um die Fra­ge, ob je­mand die Hei­zung im Ba­de­zim­mer be­wusst ver­stellt hat, um den To­des­zeit­punkt der Frau zu ver­schlei­ern.

Von Andrea Kö­nigl

Der 57-jäh­ri­ge Me­di­zin­pro­fes­sor aus Os­na­brück, der zu­letzt in Er­ding ei­ne Frau­en­arzt­pra­xis be­trie­ben hat­te, soll sei­ne 60-jäh­ri­ge Ehe­frau am 4. De­zem­ber 2013 ge­gen 12.30 Uhr im Bad des ge­mein­sa­men Rei­hen­hau­ses mas­siv ver­prü­gelt und dann er­stickt ha­ben.

Am fünf­ten Ver­hand­lungs­tag ging es vor al­lem um die Fra­ge, ob die Tem­pe­ra­tur im Ba­de­zim­mer nach der Tat ma­ni­pu­liert wor­den ist. Die­ser Spe­ku­la­ti­on hat­te die Tat­sa­che Nah­rung ge­ge­ben, dass die Ein­stel­lun­gen an Fuß­bo­den­und Wand­hei­zung, die nor­ma­ler­wei­se zu ei­nem Wert um die 21 Grad ge­führt hät­ten, nicht zu den Mes­sun­gen der Kri­po ge­passt ha­ben, die ei­nen Wert von 23,4 Grad er­ge­ben ha­ben. So kam die Mut­ma­ßung auf, je­mand muss die Hei­zung zu­nächst hö­her und dann wie­der zu­rück­ge­stellt ha­ben mit dem Ziel, den To­des­zeit­punkt durch ein Ver­zö­gern des Er­kal­tens der Lei­che auf den Nach­mit­tag zu ver­schie­ben. Ein Di­plom-Phy­si­ker des Lan­des­kri­mi­nal­am­tes hat­te für sein Gut­ach­ten ta­ge­lang vor Ort „di­ver­se Sze­na­ri­en“nach­ge­stellt und da­bei mög­li­che Ver­fäl­schun­gen wie et­wa durch Licht­quel­len oder die Kör­per­tem­pe­ra­tur des Mes­sen­den be­rück­sich­tigt. Um­so ent­täu­schen­der fiel dann sein Fa­zit vor Ge­richt aus: Ei­ne Ma­ni­pu­la­ti­on der Hei­zung ist nicht be­leg­bar.

Kein Hei­zungs­feh­ler

Ei­nen Feh­ler in der Heiz­an­la­ge hat­te zu­vor der Ver­mie­ter des 57-Jäh­ri­gen aus­ge­schlos­sen, der zu­fäl­li­ger­wei­se auch Hei­zungs­in­stal­la­teur im Ru­he­stand ist. Es hand­le sich um ei­ne nor­ma­le Gas­hei­zung, die sich durch ei­nen Au­ßen­tem­pe­ra­tur­füh­ler re­gu­liert, so der 75-Jäh­ri­ge. Un­ab­hän­gig von der Au­to­ma­tik las­se sich die Tem­pe­ra­tur aber auch in je­dem Raum ma­nu­ell re­geln. Dem Rohr­ver­lauf der Fuß­bo­den­hei­zung ge­mäß, ha­be es an der Stel­le, auf der die Lei­che lag, ei­ne aus­ge­gli­che­ne Raum­tem­pe­ra­tur ge­ben müs­sen.

Zur Fra­ge der An­wen­dung ei­nes Bra­ten­ther­mo­me­ters zur Mes­sung von Lei­chen- und Raum­tem­pe­ra­tur er­hiel­ten die Er­mitt­ler Bei­stand von dem Phy­si­ker. „Kann man ma­chen“, sag­te der Sach­ver­stän­di­ge. Ein Bra­ten­ther­mo­me­ter funk­tio­nie­re „so gut wie je­des an­de­re“. Die Er­din­ger Kri­po war durch die­se Vor­ge­hens­wei­se hef­tig in die Kri­tik ge­ra­ten.

Die Be­am­ten des Kri­mi­nal­dau­er­diens­tes kom­men den­noch nicht zur Ru­he. Die Ver­tei­di­ger des Frau­en­arz­tes wol­len in den Aus­sa­gen von zwei Er­mitt­lern am vor­an­ge­gan­ge­nen Ver­hand­lungs­tag Un­stim­mig­kei­ten aus­ge­macht ha­ben. Um dies zu klä­ren, stell­te Ver­tei­di­ger Flo­ri­an Op­per den An­trag, zwei Mit­ar­bei­ter ei­nes Be­stat­tungs­in­sti­tuts als Zeu­gen zu la­den. Die­se wa­ren zum Zeit­punkt der re­le­van­ten Ge­scheh­nis­se eben­falls im Ba­de­zim­mer. Mit ei­ner Zu­stim­mung des Ge­richts ist zu rech­nen.

Die ers­te Straf­kam­mer hat­te den An­ge­klag­ten im Ja­nu­ar 2015 frei­ge­spro­chen. Nach­dem der Bun­des­ge­richts­hof das Ur­teil aber ein­kas­siert hat, wird der Fall seit En­de April vor der sechs­ten Straf­kam­mer neu auf­ge­rollt. Der re­nom­mier­te Gy­nä­ko­lo­ge hat­te zu Pro­zess­be­ginn er­neut sei­ne Un­schuld be­teu­ert und sei­nen Sch­wa­ger als Al­ter­na­tiv­tä­ter be­nannt.

Ein­las­sung und Be­fra­gung des An­ge­klag­ten hat­ten die ers­ten bei­den Ver­hand­lungs­ta­ge des mit 15 Ver­hand­lungs­ta­gen an­ge­setz­ten Pro­zes­ses ein­ge­nom­men. Da­bei hat­te er im­mer wie­der be­tont, dass ein Al­ko­ho­lis­mus ihm bei sei­ner Frau nie auf­ge­fal­len ist. Die Ne­ben­kla­ge­ver­tre­te­rin wies nun in ei­ner Pro­zes­s­er­klä­rung dar­auf hin, dass der Gy­nä­ko­lo­ge in sei­ner ers­ten po­li­zei­li­chen Ver­neh­mung hin­ge­gen ge­sagt hat­te, sei­ne Frau sei seit 2007 al­ko­hol­krank. Ei­nem Ak­ten­ver­merk ei­nes frü­he­ren Ver­tei­di­gers zu­fol­ge hat­te der 57-Jäh­ri­ge an­ge­ge­ben, sei­ne Frau ha­be zu­letzt ein­ein­halb Li­ter Wein oh­ne Aus­fall­er­schei­nun­gen trin­ken kön­nen. Die An­wäl­tin er­wähn­te auch die Zeu­gen der letz­ten Ver­hand­lungs­ta­ge. So hat­te ei­ne Frau, die als Mit­ar­bei­te­rin des Kri­sen­in­ter­ven­ti­ons­teams zeit­nah vor Ort war, an­ge­ge­ben, der Pro­fes­sor ha­be ihr ge­sagt, sei­ne Frau sei seit elf Jah­ren Al­ko­ho­li­ke­rin.

Der Pro­zess wird am Mon­tag fort­ge­setzt.

Der ge­sam­te Pro­zess

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