Im Span­nungs­feld der Viel­stim­mig­kei­ten

Ju­gend­club Ami­gos Ban­di­dos be­geis­tert Pu­bli­kum mit drit­tem Teil von „Ur­ban Pray­ers“

Neue Osnabrucker Zeitung - Lotte, Westerkappeln, Mettingen, Tecklenburg - - Kultur Regional -

Mit star­ken Bil­dern lo­te­te der drit­te Teil des Thea­ter­pro­jekts „Ur­ban Pray­ers“den Fa­cet­ten­reich­tum und die Wi­der­sprü­che re­li­giö­ser Viel­falt aus. „Nach Ba­bel – und noch wei­ter“lau­te­te der Ti­tel des Stücks, mit dem der Ju­gend­club Ami­gos Ban­di­dos in den Räu­men der jü­di­schen Ge­mein­de das Pu­bli­kum be­geis­ter­te.

Von Chris­toph Bey­er

Ener­gie­ge­la­den wippt der Mann im grel­len Dress hin und her, sei­nen Blick fest auf das in den Saal strö­men­de Pu­bli­kum ge­rich­tet. Sein Ge­sicht si­gna­li­siert ge­spann­te Vor­freu­de und Un­ge­duld. „Es geht um uns, es geht um Os­na­brück“schleu­dert er dem Pu­bli­kum ent­ge­gen. So man­cher Be­su­cher rich­tet sei­nen Blick ir­ri­tiert auf den zu­vor ver­teil­ten Zet­tel, in der Hoff­nung, ei­ne Er­klä­rung für die Sze­ne­rie zu fin­den. „1. Os­na­brü­cker Ju­gend-Glau­bens­kon­fe­renz“kann er dort le­sen – ei­ne of­fi­zi­ell klin­gen­de Be­zeich­nung, die al­ler­dings mit dem sich nun ent­wi­ckeln­den Spek­ta­kel kaum in De­ckung zu brin­gen ist. Un­er­war­tet er­he­ben sich drei­zehn Per­so­nen im Pu­bli­kum, ei­len nach vorn, an­ge­trie­ben von ei­ner dif­fu­sen Eu­pho­rie. Es ist der Satz „wenn wir be­ten“, der die Si­tua­ti­on schlag­ar­tig ver­än­dert und den „Chor der Gläu­bi­gen Sym­bo­li­sie­ren das Ju­den­tum, Chris­ten­tum und den Is­lam: die Darstel­ler des Ju­gend­clubs Ami­gos Ban­di­dos.

Bür­ger“ver­stum­men lässt. Aus der bunt schwir­ren­den An­samm­lung for­mie­ren sich drei Glau­bens­grup­pen, Ju­den­tum, Chris­ten­tum und Is­lam sym­bo­li­sie­rend. Bet­ges­ten wer­den durch­ge­führt, Hän­de ge­fal­tet und gen Him­mel ge­reckt.

Es sind sol­che Über­ra­schungs­mo­men­te, die die­ser und vie­len an­de­ren Sze­nen

un­er­war­te­te Wen­dun­gen ver­lei­hen und den Be­trach­ter in das Ge­sche­hen hin­ein­zie­hen. Die be­reits im Ti­tel an­klin­gen­de Sprach­ver­wir­rung fin­det dar­in ih­re Er­wei­te­rung, er­streckt sich über den kom­mu­ni­ka­ti­ven Aus­tausch hin­aus in ein Ne­ben­ein­an­der von Ges­ten, an­ge­deu­te­ten Ri­tua­len und re­li­giö­sen Ver­satz­stü­cken ver­schie­de­ner Epo­chen.

Mit enor­mer phy­si­scher Prä­senz und aus­ge­spro­chen lei­den­schaft­li­chem Spiel brin­gen die Darstel­ler die gro­ßen Fra­gen und Ge­füh­le zum Aus­druck. Un­be­ding­te Sehn­sucht nach Zu­ge­hö­rig­keit, die in­ne­re Zer­ris­sen­heit zwi­schen der Er­war­tung re­li­giö­ser Ein­deu­tig­keit und dem als her­aus­for­dernd wahr­ge­nom­me­nen Plu­ra­lis­mus der Mo­der­ne.

„Was glaubst du?“lau­tet der Cho­rus, zu dem sich die Darstel­ler im­mer wie­der ein­fin­den und dem Pu­bli­kum da­mit ei­nen Spie­gel vor­hal­ten, ein je­der von ih­nen als ei­ne Art Me­ta­pher und zugleich Sprach­rohr für die ver­wir­ren­de Viel­stim­mig­keit der Re­li­gio­nen agie­rend. Da­bei schafft es das Stück auch im­mer wie­der, Ge­gen­warts­be­zü­ge in star­ken Bil­dern und Dia­lo­gen ein­zu­fan­gen, sei­en es Be­dro­hun­gen, die aus Mo­ti­ven des re­li­giö­sen Ex­tre­mis­mus er­wach­sen, sei­en es Be­dro­hungsze­na­ri­en, de­nen Gläu­bi­ge selbst aus­ge­setzt sind. „Wir füh­len uns schon lan­ge nicht mehr si­cher“heißt es da et­wa mit Be­zug auf die Si­tua­ti­on zahl­rei­cher jü­di­scher Ge­mein­den, die rund um die Uhr be­wacht wer­den müs­sen. Ein­dring­lich wird auch die Ge­schich­te der jü­di­schen Ge­mein­de in Os­na­brück bis in die Ge­gen­wart nach­ge­zeich­net. Zu Bo­den ge­fal­le­ne Ja­cken und völ­li­ge Stil­le er­in­nern da­bei an das Grau­en der NS-Zeit.

Im Span­nungs­feld von In­di­vi­dua­li­tät und wert­ge­bun­de­ner re­li­giö­ser Ge­mein­schaft wird ab­schlie­ßend am Bei­spiel un­ter­schied­li­cher Hoch­zeits­pra­xen er­neut die Viel­ge­stal­tig­keit des Re­li­giö­sen deut­lich ge­macht. Lie­be und Kon­ven­ti­on pral­len da­bei auf­ein­an­der, ei­ne Auf­lö­sung des­sen deu­tet sich im Stück nur als Traum­se­quenz an. „Was glaubt ihr denn?“lau­tet zum Schluss die an das Pu­bli­kum ge­rich­te­te Fra­ge. Wie soll das al­les wer­den, in Os­na­brück, in die­sem Land, in die­ser Welt? Als Ant­wort dar­auf folg­ten ste­hen­de Ova­tio­nen des Pu­bli­kums für die strah­len­den jun­gen Darstel­ler.

Die Re­zen­sio­nen zu den ers­ten bei­den Tei­len von „Ur­ban Pray­ers“auf noz.de/kul­tur-re­gio­nal

Fo­to: Uwe Le­wan­dow­ski

Newspapers in German

Newspapers from Germany

© PressReader. All rights reserved.