Auf den Spu­ren von Max Frisch

Al­te Män­ner und jun­ge Frau­en: Re­gis­seur Sch­lön­dorff ge­währt Ein­bli­cke in sein ei­ge­nes Le­ben

Neue Osnabrucker Zeitung - Lotte, Westerkappeln, Mettingen, Tecklenburg - - Film - Rück­kehr nach Mon­tauk.

In sei­ner zwei­fach au­to­bio­gra­fisch ge­präg­ten Li­te­ra­tur­ver­fil­mung „Rück­kehr nach Mon­tauk“wan­delt Vol­ker Sch­lön­dorff im al­ten Lie­bes­leid von Max Frisch.

Von Frank Jür­gens

Ei­nes der größ­ten un­ge­lös­ten Ge­heim­nis­se der Mensch­heit steckt in der Fra­ge, wie­so sich man­che jun­ge Frau­en in deut­lich äl­te­re Män­ner ver­lie­ben. Sich ih­nen nicht aus Geld­gier, Macht­kal­kül oder ähn­li­chen mensch­li­chen Be­weg­grün­den an den Hals wer­fen, son­dern ih­nen tat­säch­lich Herz über Kopf ver­fal­len. Der Film „Rück­kehr nach Mon­tauk“ver­sucht, die­se Fra­ge am En­de mit ei­nem kur­zen State­ment aus dem Mund ei­ner be­trof­fe­nen Prot­ago­nis­tin zu be­ant­wor­ten. Al­ler­dings fällt die­se Ant­wort, man kann es sich den­ken, höchst un­be­frie­di­gend aus.

Film­au­tor Vol­ker Sch­lön­dorff („Die Blech­trom­mel“) hat sich mit die­sem Film nun ei­nen Her­zens­wunsch er­füllt. Als Vor­la­ge, oder bes­ser ge­sagt als An­re­gung, dien­te ihm die Er­zäh­lung „Mon­tauk“(1975) sei­nes Freun­des Max Frisch, der da­für zu­nächst ein­mal viel Kri­tik ein­ste­cken muss­te. Des­sen eins­ti­ge Le­bens­part­ne­rin­nen so­wie sei­ne Ehe­frau fühl­ten sich durch das Buch pein­lich be­rührt, dü­piert und bloß­ge­stellt, und die Kri­ti­ker re­agier­ten kon­tro­vers. Von Ab­leh­nung we­gen pein­li­cher Film mit Nach­wir­kun­gen: Stel­lan Skars­gård (l.) ali­as Max Zorn liebt jün­ge­re Frau­en wie Re­bec­ca (Ni­na Hoss).

Na­bel­schau bis hin zu be­geis­ter­ter Zu­stim­mung in ei­nem „Satz mit nicht we­ni­ger als sechs Su­per­la­ti­ven“(Mar­cel Reich-Ra­ni­cki) reich­te die öf­fent­li­che Re­zep­ti­on.

Nun al­so Sch­lön­dorff. Be­reits mit dem Ti­tel „Rück­kehr nach Mon­tauk“stellt er klar, dass sei­ne neu­es­te Lein­wan­der­zäh­lung kei­ne Li­te­ra­tur­ver­fil­mung

im ei­gent­li­chen Sin­ne ist, son­dern in An­leh­nung an Frisch zu ver­ste­hen sein soll. Hier kehrt nun ein Schrift­stel­ler na­mens Max Zorn (Stel­lan Skars­gård) nach lan­gen Jah­ren der Ab­we­sen­heit zu ei­ner Le­se­rei­se nach New York zu­rück, wo ihn einst ei­ne kur­ze Lie­be­lei mit ei­ner viel jün­ge­ren

Frau aus Ost­deutsch­land ver­band. Sei­ne eben­falls deut­lich jün­ge­re Part­ne­rin Cla­ra (Su­san­ne Wolff) weilt be­reits seit ein paar Mo­na­ten im Big App­le, wo sie an der Über­set­zung von Zorns Ro­man „Jä­ger und Ge­jag­te“ge­ar­bei­tet hat.

Kaum in New York an­ge­kom­men, lässt der al­tern­de

Schrift­stel­ler nichts un­ver­sucht, um Kon­takt zu sei­ner al­ten Lie­be her­zu­stel­len. An die nun äu­ßerst er­folg­rei­che An­wäl­tin Re­bec­ca (Ni­na Hoss) ist nicht ein­fach her­an­zu­kom­men. Doch letzt­end­lich fin­den die bei­den zu ei­nem lei­den­schaft­li­chen Wo­che­n­en­de in Mon­tauk auf Long Is­land zu­sam­men. Wie vor bei­na­he zwan­zig Jah­ren, be­vor er die Be­zie­hung schein­bar grund­los ab­brach.

Der al­te Mann und die Frau­en – Sch­lön­dorff de­gra­diert sei­nen Prot­ago­nis­ten zu ei­ner lä­cher­li­chen, tra­gi­ko­mi­schen Fi­gur. Das ist mu­tig, schließ­lich trägt sie er­klär­ter­ma­ßen au­to­bio­gra­fi­sche Zü­ge des Re­gis­seurs. Aber das Dreh­buch ver­ant­wor­tet dann doch in ers­ter Li­nie der iri­sche Schrift­stel­ler Colm Tói­bín.

Der lässt den al­tern­den Zorn dann un­ent­wegt mit sei­nem Lie­bes­le­ben zau­dern, lässt ihn jam­mern und in selbst­ver­lieb­tem Selbst­mit­leid er­trin­ken. Haupt­dar­stel­ler Skars­gård spielt die­se Fi­gur mit bei­na­he ab­we­sen­der Zu­rück­hal­tung, was sie um­so un­si­che­rer er­schei­nen lässt. Aber die ei­gent­li­che Cha­rak­te­ri­sie­rung je­nes Au­tors na­mens Zorn fin­det über den Um­weg der Frau­en statt, de­ren Fo­kus hier aus­schließ­lich auf den Mann ge­rich­tet ist. Ein Schelm, wer hier an Chau­vi­nis­mus denkt.

Man muss die­sen schwer­mü­ti­gen Film über ver­pass­te Chan­cen und das Re­den und Schwei­gen über die Lie­be nicht mö­gen. Aber man soll­te ihn ge­se­hen ha­ben. Sch­lön­dorffs per­sön­lichs­ter Film wirkt nach. D/F/IRL 2017. R: Vol­ker Sch­lön­dorff. D: Stel­lan Skars­gård, Ni­na Hoss, Su­san­ne Wolff, Niels Ares­trup. Lauf­zeit: 106 Mi­nu­ten. Kei­ne Al­ters­be­schrän­kung. Film­thea­ter Ha­se­tor

Fo­to: Wild Bunch

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