Ein Spatz mit dem Her­zen ei­nes Stor­ches

Eu­ro­pas Ant­wort auf die Pixar-Fil­me: das ge­fie­der­te Road­mo­vie „Über­flie­ger – Klei­ne Vö­gel, gro­ßes Ge­klap­per“

Neue Osnabrucker Zeitung - Lotte, Westerkappeln, Mettingen, Tecklenburg - - Film - „Über­flie­ger – Klei­ne Vö­gel, gro­ßes Ge­klap­per“.

Von Da­ni­el Be­ne­dict

Am An­fang heißt es erst mal: Schna­bel zu­sam­men­bei­ßen! Denn be­vor Richard der Spatz in sein gro­ßes Aben­teu­er star­tet, er­lebt der Held des Ani­ma­ti­ons­films „Über­flie­ger“ein klas­si­sches Bam­bi-Trau­ma: Die Grau­sam­keit der Na­tur macht ihn zur Voll­wai­se, noch be­vor er auch nur aus dem Ei ge­schlüpft ist. Als Richard zum ers­ten Mal die Au­gen öff­net, starrt er auf die lan­gen ro­ten Bei­ne ei­ner Stör­chin, die das Spat­zen­kü­ken spon­tan ad­op­tiert – ge­gen den Wil­len ih­res ei­ge­nen Gat­ten, der um sei­nen Ruf als Leit­tier der ört­li­chen Vo­gel­zug-For­ma­ti­on fürch­tet. Bis zum Herbst ge­nießt Richard in der Er­satz­fa­mi­lie ein fro­hes Le­ben. Aber als die Stör­che nach Afri­ka auf­bre­chen, las­sen sie ihn ein­fach im Nest sit­zen. Für Richard selbst ein un­be­greif­li­cher Skan­dal: Der Spatz hält sich näm­lich für ei­nen Storch und ord­net al­le Un­ter­schie­de im Kör­per­bau als leich­te Ent­wick­lungs­ver­zö­ge­rung ein.

Was macht ei­nen Storch zum Storch? Die Her­kunft oder das Herz? To­by Gen­kel Spatz oder Storch? und Re­za Me­ma­ri vo­tie­ren in ih­rem Ge­mein­schafts­pro­jekt für die Selbst­be­stim­mung – wer­den aber auch der na­tür­li­chen Flug­leis­tung ei­nes Spat­zen ge­recht: Richard schafft es zwar nach Afri­ka, das al­ler­dings nur un­ter Zu­hil­fe­nah­me der Ei­sen­bahn.

Nach „Oo­ops! Die Ar­che ist weg“bie­tet Gen­kel zum zwei­ten Mal den ame­ri­ka­ni­schen Trick­film­schmie­den die Stirn. Dass er sei­ne Hel­den dies­mal in bes­ter Road­mo­vie-Ma­nier durch ganz Eu­ro­pa flat­tern lässt, ist ein ge­lun­ge­nes Spie­gel­bild der Pro­duk­ti­ons­be­din­gun­gen. Denn um die ho­hen Kos­ten ei­nes Trick­films zu de­cken, muss­te Gen­kel tat­säch­lich Geld aus ganz Eu­ro­pa auf­trei­ben.

Aus die­sem Geist her­aus fei­ert das Spat­zen-Aben­teu­er fröh­lich den Mut zur Selbst­über­for­de­rung und be­singt die stär­ken­de Kraft der Freund­schaft – die selbst dann wirkt, wenn man sich sei­nen al­ler­bers­ten Freund nur aus­ge­dacht hat. Trotz sei­nes heik­len Auf­takts mit ei­nem Trau­er­fall peilt „Über­flie­ger“da­bei ein kind­li­che­res Pu­bli­kum an als ver­gleich­ba­re US-Pro­duk­tio­nen – de­ren vir­tuo­ser An­spie­lungs­reich­tum ja oft kom­plett an Kin­dern vor­bei­geht.

B, D, Lux, N 2017. R: To­by Gen­kel, Re­za Me­ma­ri. 84 Mi­nu­ten. Kei­ne Al­ters­be­schrän­kung. Ci­ne­ma-Ar­thouse, Ci­nes­tar, Film­pas­sa­ge

Der „Über­flie­ger“Richard. Fo­to: Wild­bunch

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