Sehn­sucht nach dem Zim­mer im Grü­nen

Bi­o­psy­cho­lo­ge: Na­tur macht uns le­bens­zu­frie­den

Neue Osnabrucker Zeitung - Lotte, Westerkappeln, Mettingen, Tecklenburg - - Film - Walsch­bur­ger.

Ges­tern Holz­stuhl, heu­te be­que­mes So­fa auf dem Ra­sen? Zum Kü­chen­gar­ten die mo­der­ne Gartenküche? Für den Bi­o­psy­cho­lo­gen Pe­ter Walsch­bur­ger steckt hin­ter der Sehn­sucht nach dem Zim­mer im Grü­nen mehr als ein Mo­de­trend.

Von El­ke Schrö­der

Gre­en Co­coo­n­ing oder Ho­m­ing: Sol­che Schlag­wör­ter do­mi­nie­ren seit Jah­ren die Trend­the­men von Haus- und Gar­ten­mes­sen und Li­fe­sty­le­ma­ga­zi­nen. Wer es sich leis­ten kann, der stat­tet dem­nach heut­zu­ta­ge sei­nen Gar­ten oder Bal­kon so ge­müt­lich, stil­voll und hoch­wer­tig aus wie Wohn­zim­mer oder Kü­che – und lädt dort gern zur Grill­par­ty ein. Wer da­zu noch gern krea­tiv ist oder auf den Geld­beu­tel ach­ten muss, der schmückt sei­ne grü­ne Oa­se in der Stadt mit selbst ge­fer­tig­ter De­ko und freut sich über selbst ge­zo­ge­ne To­ma­ten.

Zu­rück zu den Wur­zeln

Ein Gar­ten konn­te schon im­mer vie­les sein: Kunst, Sta­tus­sym­bol, Nutz­gar­ten, Er­ho­lungs­und Be­geg­nungs­ort. „Es gibt ei­ne fa­cet­ten­rei­che Kul­tur­ge­schich­te des Na­tur­er­le­bens“, sagt der Psy­cho­lo­ge Pro­fes­sor Pe­ter Walsch­bur­ger, der den Pro­to­typ un­se­rer mo­der­nen Frei­zeit­kul­tur un­ter das Mot­to fasst: „Ge­mein­sam ak­tiv sein in der Na­tur.“

Für den Wis­sen­schaft­ler mit dem Schwer­punkt Bi­o­psy­cho­lo­gi­sche An­thro­po­lo­gie an der Frei­en Uni­ver­si­tät Berlin steckt hin­ter dem Wunsch nach ei­nem Wohn­zim­mer im Grü­nen we­ni­ger ein Mo­de­trend als viel­mehr ei­ne tief sit­zen­de Sehn­sucht, die in die Na­tur­ge­schich­te des Men­schen zu­rück­reicht. „Na­tur­nä­he wird von uns Men­schen all­ge­mein mit ei­ner be­son­de­ren Le­bens­qua­li­tät as­so­zi­iert. Städ­ti­sche Le­bens­qua­li­tät wird heu­te an ih­rem Na­tu­r­an­teil ge­mes­sen. Na­tur macht uns auf ei­ne ganz ein­fa­che, ele­men­ta­re Art glück­lich oder bes­ser ge­sagt: le­bens­zu­frie­den.“Das liegt für Walsch­bur­ger an den „na­tür­li­chen Wur­zeln des Men­schen so­wie an kul­tu­rel­len und zi­vi­li­sa­to­ri­schen Ef­fek­ten“, denn „wenn wir Kin­der der Na­tur sind, dann ist un­se­re Kul­tur so deut­bar, dass sie wie ein Baum mit Blü­ten ver­wur­zelt ist im Bo­den der Na­tur. Kul­tur­his­to­ri­sche Pro­zes­se bie­ten sich so ge­se­hen an als ei­ne Spiel­wie­se, auf der wir Men­schen un­se­re stam­mes­ge­schicht­lich er­wor­be­nen Ver­hal­tens­mög­lich­kei­ten aus­tes­ten.“ Bi­o­psy­cho­lo­ge

Je­doch gibt es bei die­sem Kul­tur-Na­tur-Ver­hält­nis ei­nen Ha­ken, den nun vor al­lem der ge­stress­te Stadt­mensch spürt: „Wir kön­nen fast al­les ma­chen, aber wenn wir uns durch das zi­vi­li­sa­to­ri­sche Ge­sche­hen im­mer wei­ter von un­se­rer na­tür­li­chen Um­welt ent­fer­nen, zah­len wir da­für ei­nen um­so hö­he­ren Preis.“Ein Teil die­ses Prei­ses dürf­te in den ro­man­ti­schen Sehn­süch­ten der Städ­ter nach der Na­tur lie­gen, die sich in Trends wie Ur­ban Gar­de­ning oder Co­coo­n­ing äu­ßer­ten, sagt Walsch­bur­ger wei­ter.

Wer dem All­tags­stress ent­flie­hen will, kehrt im hei­mi­schen Grün al­so zu­rück zu den Wur­zeln. Für den Er­ho­lung su­chen­den Städ­ter wird der ei­ge­ne Gar­ten ein Stell­ver­tre­ter für das na­tür­li­che Bio­top: „Wer ir­gend­wie kann, folgt ei­nem Drang raus in die freie Na­tur. Da­hin­ter steht die Sehn­sucht nach ei­nem Pa­ra­dies.“Ei­ne Vor­stel­lung ei­ner Idyl­le, die ver­bun­den ist mit der Hoff­nung auf ei­nen ge­schütz­ten Raum, der Ge­bor­gen­heit ver­mit­telt, wie man ihn bes­ten­falls als Kind durch sei­ne El­tern ken­nen­ge­lernt hat.

So ge­se­hen, ist es auch ei­ne – un­be­wuss­te – Rück­be­sin­nung auf ein Ur­ver­trau­en, das ei­ne Bo­den­haf­tung gibt, die hilft, das in­ne­re Gleich­ge­wicht wie­der­her­zu­stel­len. „Der Mensch kommt als ein bin­dungs­be­dürf­ti­ges, un­si­che­res We­sen auf die Welt“, er­läu­tert Walsch­bur­ger. Spä­ter ent­wi­cke­le er ei­ne gro­ße Un­ter­neh­mungs­lust, die ihn da­zu be­fä­hi­ge, neue so­zia­le Kon­tak­te auf­zu­bau­en, „was im Sin­ne der Evo­lu­ti­on und der Fort­pflan­zung wich­tig ist“, und ihm er­mög­li­che, sich an neue Um­wel­ten be­son­ders gut an­zu­pas­sen.

Hy­gie­ni­sche Maß­nah­me

Aus an­thro­po­lo­gi­scher Sicht schwan­ke „die so­zia­le Mo­ti­va­ti­on des Men­schen im­mer zwi­schen zwei Po­len: ei­nem Ver­lan­gen nach Bin­dung, nach so­zia­ler Nä­he, nach Rück­zug ins ru­hi­ge Ver­trau­te, nach Hei­mat­ver­bun­den­heit ei­ner­seits – nach frei­er Ent­fal­tung, nach Er­re­gung und Un­ter­neh­mungs­lust an­de­rer­seits“. Letz­te­res wer­de ge­gen­wär­tig bei vie­len Men­schen „über­stra­pa­ziert durch die mo­der­nen Um­wel­ten städ­tisch ge­präg­ter Art, durch Glo­ba­li­sie­rungs­ten­den­zen und rie­si­ge Mi­gra­ti­ons­be­we­gun­gen, wo vie­le frem­de Men­schen in die ei­ge­ne Grup­pe ein­strö­men und und wo di­gi­ta­le Me­di­en die Ent­gren­zungs­er­fah­run­gen noch ver­stär­ken.“

Die stän­di­ge Aus­ein­an­der­set­zung mit sol­chen ge­sell­schaft­li­chen Ten­den­zen kann mas­siv ver­un­si­chern und be­las­ten. Wenn man­che Men­schen in ih­rer Frei­zeit dann den Rück­zug in den ei­ge­nen Gar­ten vor­zie­hen, um we­nigs­tens ein paar St­un­den den Kopf frei zu be­kom­men von ta­ges­po­li­ti­schen Er­eig­nis­sen und kon­tro­ver­sen Dis­kus­sio­nen, sei das, so Walsch­bur­ger, „ein­deu­tig ei­ne hy­gie­ni­sche Maß­nah­me“für die Psy­che.

Ein Ort der Idyl­le mit ei­nem So­fa im ei­ge­nen Gar­ten. Fo­to: co­lour­box.de

Prof. Pe­ter Fo­to: FU Berlin

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