Kö­nig der Nacht

Der ja­pa­ni­sche Pa­ra­dies­vo­gel Shi­ni­chi Mo­ro­ho­shi düst mit sei­nen Lam­bor­ghi­ni durch To­kios Näch­te

Neue Osnabrucker Zeitung - Lotte, Westerkappeln, Mettingen, Tecklenburg - - Wohnwelt -

Die Au­tos bes­ser denn je und der Ruf der Mar­ke längst re­no­viert: Spä­tes­tens seit Lam­bor­ghi­ni zu Au­di ge­hört, ge­ben sich die Ita­lie­ner und ih­re Su­per­sport­wa­gen be­wusst se­ri­ös. Für Kun­den wie Shi­ni­chi Mo­ro­ho­shi aus To­kio gilt das we­ni­ger.

Von Ben­ja­min Bes­sin­ger

TO­KIO. Sei­nen ers­ten Lam­bor­ghi­ni hat Shi­ni­chi Mo­ro­ho­shi mit 17 Jah­ren ge­se­hen, und es brauch­te nur ein paar Au­gen­bli­cke, dann war es um ihn ge­sche­hen. „Die­ses De­sign, die­ser Sound – vom ers­ten Mo­ment an ha­be ich ge­wusst, so ei­nen muss ich auch ha­ben. Kos­te es was es wol­le“, er­in­nert sich der Ja­pa­ner an den röh­ren­den Coun­tach auf dem Park­platz ei­nes Ein­kaufs­zen­trums, und er hat sich selbst nicht zu viel ver­spro­chen.

Zwar muss­te er sei­nen Füh­rer­schein trotz­dem auf ei­nem po­pe­li­gen To­yo­ta ma­chen und da­nach bis zum 33. Ge­burts­tag war­ten. „Aber nach 16 Jah­ren hat es end­lich für ei­nen Lam­bor­ghi­ni ge­reicht.“Und was für ein Mo­dell wür­de bes­ser zu Mo­ro­ho­shi pas­sen als ein Dia­blo. Schließ­lich ist der Mann, der sein Ver­mö­gen mit „Bu­si­ness“ge­macht hat, kein ge­wöhn­li­cher Ge­schäfts­mann und geht auch nicht wie so vie­le Ja­pa­ner in der grau­en Mas­se un­ter. Er ist viel­mehr ein Pa­ra­dies­vo­gel in der High So­cie­ty der Haupt­stadt und ein Nacht­schat­ten­ge­wächs, das erst nach Son­nen­un­ter­gang so rich­tig auf­blüht.

Mag ja sein, dass tags­über der Ten­no im Kai­ser­pa­last ein biss­chen mehr Ein­druck schin­det und der Bür­ger­meis­ter mehr Macht hat. Doch nachts ge­hört die Mil­lio­nen-Me­tro­po­le Men­schen wie ihm. Dann holt der „Bu­si­ness-Mann“ei­nen sei­ner mitt­ler­wei­le drei Lam­bor­ghi­ni aus der Ga­ra­ge und star­tet zum Schau­lau­fen auf den Ne­on-Bou­le­vards in Rop­pon­gi oder Ka­bu­ki­cho, fla­niert über die bunt be­leuch­te­te Rain­bow-Bridge oder jagt über den auf­ge­stän­der­ten Au­to­bahn-Ring, der die ja­pa­ni­sche Haupt­stadt um­gibt.

Ver­brann­tes Gum­mi

Renn­stre­cken sind ihm für sei­ne Sport­wa­gen zu lang­wei­lig und tags­über hat ein Lam­bor­ghi­ni auf den Stra­ßen ei­ner Stadt wie To­kio nichts zu su­chen, sagt Mo­ro­ho­shi. Aber kurz vor dem Mor­gen­grau­en, wenn selbst der Amei­sen­hau­fen To­kio ein we­nig zur Ru­he kommt, da blüht Mo­ro­ho­shi auf und mit ihm sei­ne Lam­bor­ghi­ni. Me­ter­lan­ge Spu­ren ver­brann­ten Gum­mis an den Am­peln, das fer­ne Dröh­nen der Zehn- und Zwölf­zy­lin­der in den viel­spu­ri­gen Spi­ra­len, die sich hin­auf zu den Hoch­stra­ßen win­den, und die ra­sen­den Licht­blit­ze, die bei sei­nen Vor­bei­fahr­ten wie Re­fle­xe durchs Blick­feld zu­cken, zeu­gen vom gro­ßen Spaß, den Män­ner wie Mo­ro­ho­shi mit ei­nem Sport­wa­gen auch in der Stadt ha­ben kön­nen. „Wer sagt denn, dass man ei­nen Lam­bor­ghi­ni hier nicht aus­fah­ren kann?“fragt der Mann mit fein­sin­ni­gem Grin­sen. „Man muss nur spät ge­nug star­ten und darf sich nicht er­wi­schen las­sen.“Ihn je­den­falls ha­be bis­lang noch kei­ner an­ge­hal­ten. Aber wel­cher Strei­fen­wa­gen soll­te auch ei­nen Lam­bor­ghi­ni stop­pen? Ge­gen die 700 PS des Aven­ta­dor je­den­falls kom­men die bra­ven To­yo­ta-Li­mou­si­nen der Po­li­zei nicht an.

Teu­res Op­tik-Pa­ket

Und da­bei hat Mo­ro­ho­shi am Mo­tor gar nichts ge­macht. Die um­ge­rech­net rund 100 000 Eu­ro, die er sei­nem Tu­ner al­lein für den Aven­ta­dor über­wie­sen hat, sind kom­plett im Op­tik-Pa­ket auf­ge­gan­gen: Glit­zernd gol­de­ne Zier­leis­ten, mes­ser­schar­fe Flaps und Fin­nen, zwei Dut­zend LED-Spots für den Un­ter­bo­den, strass­be­setz­te Schrift­zü­ge und selbst der Ab­schlepp­ha­ken sieht aus wie vom Ju­we­lier: „Die­sen Ge­schmack muss man sich schon et­was kos­ten las­sen,“lä­chelt der Lam­bo-Fan.

Sel­fie mit dem Fir­men­chef

Zwar muss­te er sich und sei­nen bun­ten Spiel­zeug­au­tos bei den et­wa 150 Lam­bor­ghi­ni-Fah­rern in To­kio erst ein­mal ein we­nig Re­spekt ver­schaf­fen. Aber mitt­ler­wei­le lacht kei­ner mehr über den Em­por­kömm­ling. Im Ge­gen­teil. Der Gelb strah­len­de und Gold glit­zern­de Aven­ta­dor ist ak­tu­ell sein drit­ter Lam­bor­ghi­ni und man kennt den Mann am Stamm­sitz der Ita­lie­ner in St. Aga­tha. Stolz prä­sen­tiert er des­halb die Sel­fies mit dem gera­de ab­ge­lös­ten Fir­men­chef Ste­phan Win­kel­mann auf sei­nem Face­boo­kAc­count. Zwar tun die Ita­lie­ner nach au­ßen al­les, um end­lich den halb­sei­de­nen Ruf ih­rer Mar­ke zu po­lie­ren. Doch wenn es ums Geld geht, wird das Image zur Ne­ben­sa­che und die Füh­rungs­spit­ze po­siert lie­bend ger­ne fürs Fo­to mit den Stamm­kun­den – egal, wo und wie die zu ih­rem Geld ge­kom­men sind.

An Selbst­ver­trau­en man­gelt es Shi­ni­chi Mo­ro­ho­shi nun wirk­lich nicht. Und was an­de­re Men­schen von ihm den­ken, wenn er sei­nen Lam­bor­ghi­ni Aven­ta­dor mit 6000 Tou­ren im ers­ten Gang durch die nächt­li­che Stadt bren­nen lässt, bis aus den En­d­roh­ren Feu­er schlägt, noch drei Stra­ßen wei­ter die Wän­de wa­ckeln und sein gelb la­ckier­ter Tief­flie­ger da­bei fun­kelt wie ei­ne ra­sen­de Leucht­re­kla­me, ist ihm das herz­lich egal: Denn Mo­ro­ho­shi-san ist viel zu be­schäf­tigt da­mit, sei­nen Spaß zu ha­ben, als dass er sich mit dem ab­ge­ben wür­de, was an­de­re Leu­te über ihn Kurz vor dem Mor­gen­grau­en, wenn selbst der Amei­sen­hau­fen To­kio ein we­nig zur Ru­he kommt, da blüht Mo­ro­ho­shi auf und mit ihm sei­ne Lam­bor­ghi­ni. sa­gen. Und wenn es et­was Schlech­tes sein soll­te, dann schmei­chelt es oh­ne­hin nur sei­nem Ego: „Lo­ve to ha­te me“lau­tet sein Le­bens­mot­to und im Ge­spräch lässt der Ja­pa­ner kei­nen Zwei­fel dar­an, dass er ger­ne ein bö­ser Bu­be ist. Zu­mal er es da­mit weit ge­bracht hat. Nach­dem er sich schon als Kind von nie­man­dem die Mei­nung sa­gen las­sen woll­te, be­nimmt sich der be­ken­nen­de Lam­bor­ghi­niFan heu­te so, als wä­re er der heim­li­che Kö­nig von To­kio.

Nicht ganz so bö­se

Wo­mit er das Geld für sei­ne Traum­wa­gen ver­dient, dar­über macht der Ja­pa­ner nicht vie­le Wor­te. Muss er auch nicht. Wenn er viel mei­nend und we­nig sa­gend von „di­ver­sen Ge­schäf­ten“spricht und sich selbst in die Grau­zo­ne rückt, wenn man die Vi­de­os an­schaut, die über ihn im In­ter­net kur­sie­ren, und wenn man die Re­ak­tio­nen sieht, wenn sei­ne Lam­bor­ghi­ni nachts durch die Ver­gnü­gungs­vier­tel von To­kio rol­len, dann hat je­der schnell sei­ne ei­ge­nen Bil­der von Mo­ro­ho­shis „Bu­si­ness“im Kopf – selbst wenn er mög­li­che Tä­to­wie­run­gen ge­schickt un­ter sei­nem bun­ten Hemd ver­steckt und de­mons­tra­tiv zwei Hän­de mit je­weils fünf Fin­gern in die Ka­me­ra hält: Ganz so bö­se, dass er sich of­fi­zi­ell zur Ma­fia der Ya­ku­za be­ken­nen wür­de, ist er of­fen­bar doch nicht. Aber als bräuch­te es noch ei­nes wei­te­ren Be­wei­ses, klet­tert zum In­ter­view­ter­min ei­ne jun­ge Da­me aus sei­nem Aven­ta­dor, die Mo­ro­ho­shi als Dol­met­sche­rin vor­stellt. Zwar kann sie kaum bes­ser Eng­lisch als er selbst, schmückt ihn aber un­ge­mein – auch wenn sie sei­ne Toch­ter sein könn­te.

Wo­bei das mit dem Al­ter bei ihm so ei­ne Sa­che ist: Die Haa­re frisch blon­diert und die Gar­de­ro­be tren­dy, gin­ge Mo­ro­ho­shi auch als 30- oder 40-Jäh­ri­ger durch, zu­mal er nicht so aus­sieht, als hät­te er in den letz­ten Jah­ren viel Son­ne ab­be­kom­men. Wie auch, wenn er vor al­lem nachts un­ter­wegs ist? Von Ne­on­licht be­kommt man nun ein­mal kei­ne ge­sun­de Ge­sichts­far­be.

Halb­wegs se­ri­ös

Wie so vie­les in Ja­pan ist aber auch beim heim­li­chen Kö­nig der Nacht nichts so, wie es scheint. Zwar gibt er bei Dun­kel­heit ger­ne den bö­sen Bu­ben und ko­ket­tiert mit sei­nem Ma­fia-Image. Und so­bald sich die Stra­ßen lee­ren, jagt er mit Voll­gas durch sein Reich. Doch so­bald die Son­ne auf­geht und die Dun­kel­heit ver­schwin­det, ist auch der düs­te­re Cha­rak­ter des Bad Guys ver­schwun­den. Dann gibt Mo­ro­ho­shi den halb­wegs se­riö­sen Ge­schäfts­mann, lässt sich von den un­ter­schied­lichs­ten Fir­men und Or­ga­ni­sa­tio­nen für PR vor den Kar­ren span­nen und sperrt sei­ne Lam­bor­ghi­ni bis zur nächs­ten Nacht in die Ga­ra­ge. Statt­des­sen holt er ei­nen ver­gleichs­wei­se un­auf­fäl­li­gen Rolls-Roy­ce aus dem Stall und lässt es viel lang­sam an­ge­hen – als Fahr­gast auf dem Rück­sitz. Denn: „Tags­über ist To­kio für Au­to­fah­rer die Höl­le“.

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