Das Ziel ist die grü­ne Wie­se

Ab­riss der Atom­mei­ler in Mül­heim-Kärlich und Biblis

Neue Osnabrucker Zeitung - Lotte, Westerkappeln, Mettingen, Tecklenburg - - Jobwelt -

Be­flü­gelt von der nu­klea­ren Eu­pho­rie vor 50 Jah­ren, sind in Deutsch­land zahl­rei­che Atom­mei­ler ge­baut wor­den. Doch Fu­kus­hi­ma hat die Po­li­tik er­schreckt, die An­la­gen sol­len wie­der ver­schwin­den. Wie sieht ihr Rück­bau aus? Ein­drü­cke aus Mül­heim-Kärlich und Biblis.

Von Jens Al­bes und Joa­chim Bai­er

dpa MÜL­HEIM-KÄRLICH/

BIBLIS. Mit Voll­mas­ke, Sau­er­stoff­ver­sor­gung, gel­ben Hel­men, oran­ge­far­be­nen Over­alls, Trenn­schlei­fern und un­ter grel­lem Licht zer­le­gen zwei Män­ner rie­si­ge Me­tall­roh­re. Im In­ne­ren des ab­ge­schal­te­ten Atom­kraft­werks Mül­heim-Kärlich bei Ko­blenz ar­bei­ten sie in ei­nem Zelt, aus dem die Luft ab­ge­saugt wird, um die Aus­brei­tung ra­dio­ak­ti­ven Staubs zu ver­mei­den.

Wer ein AKW ab­rei­ßen will, braucht Ge­duld. Schon seit 2004 läuft der Rück­bau des Mei­lers Mül­heim-Kärlich – und er könn­te sich noch zehn Jah­re hin­zie­hen. Ziel ist die grü­ne Wie­se. Die Bun­des­re­gie­rung hat nach der Re­ak­tor­ka­ta­stro­phe im ja­pa­ni­schen Fu­kus­hi­ma 2011 den Atom­aus­stieg be­schlos­sen – 2022 sol­len die letz­ten deut­schen Kern­kraft­wer­ke vom Netz ge­hen. Auch ihr Ab­riss dürf­te laut dem Mül­heim-Kär­li­cher AKW-Chef Tho­mas Vol­mar 15 bis 20 Jah­re dau­ern.

Der Es­se­ner Ener­gie­gi­gant RWE hat in Mül­heim-Kärlich Er­fah­run­gen ge­sam­melt, die ihm zu­nächst auch beim Ab­riss sei­nes still­ge­leg­ten süd­hes­si­schen AKW Biblis zu­gu­te­kom­men kön­nen. Noch in die­sem Mo­nat will Hes­sens Um­welt­mi­nis­te­rin Pris­ka Hinz (Grü­ne) da­für die Ge­neh­mi­gung er­tei­len.

Von au­ßen ist bei ei­nem AKW-Ab­riss vie­le Jah­re nichts zu se­hen: Die Ar­bei­ten lau­fen vor­erst in­nen, die

mar­kan­ten Kühl­tür­me blei­ben zu­nächst ste­hen, so auch bis heu­te der von Mül­heimKär­lich. Nach und nach zer­le­gen in­nen Ar­bei­ter in Schutz­klei­dung ein­zel­ne Be­stand­tei­le, lee­ren Räu­me – und hän­gen im­mer wie­der Lam­pen pro­vi­so­risch neu auf. „Das ist ein Hausbau rück­wärts“, er­klärt RWE-Spre­cher Jan-Pe­ter Cir­kel im ein­zi­gen rhein­land-pfäl­zi­schen Kern­kraft­werk, des­sen Wand­uh­ren um 13 Uhr ste­hen ge­blie­ben sind.

162 Me­ter ragt der weit­hin sicht­ba­re Kühl­turm von Mül­heim-Kärlich in den Him­mel, hö­her als der Köl­ner Dom. „Vie­le Ide­en wie ein Park­haus oder ein Event­turm wur­den da­für an uns her­an­ge­tra­gen“, er­zählt AKW-Spre­che­rin Dagmar Butz. „Das Pro­blem ist aber, dass er nur sein Ei­gen­ge­wicht trägt.“So wie ei­ne Eier­scha­le. AKW-Chef Vol­mar sagt: „In die­sem Früh­jahr be­gin­nen wir mit dem Ab­bau. Der Kühl­turm wird spi­ral­för­mig von oben ab­ge­knab­bert.“Bis 2018 wer­de das dau­ern.

Der 1300-Me­ga­watt-Re­ak­tor Mül­heim-Kärlich war be­reits 1988 nach nur 13-mo­na­ti­gem Be­trieb für im­mer vom Netz ge­gan­gen – nach ei­ner Ver­fü­gung des Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richts. Bei den Pla­nun­gen war die Erd­be­ben­ge­fahr nicht aus­rei­chend be­rück­sich­tigt wor­den – ein mil­li­ar­den­schwe­res Fi­as­ko. Rund 450 Män­ner und Frau­en hat das AKW einst be­schäf­tigt, das laut RWE ein Drit­tel von Rhein­land-Pfalz mit Strom hät­te ver­sor­gen kön­nen. Heu­te ar­bei­ten hier in­klu­si­ve Fremd­fir­men et­wa 100 Leu­te am Ab­riss.

„Al­les wird ge­mes­sen, nichts bleibt un­kon­trol­liert“, ver­si­chert AKW-Lei­ter Vol­mar. „Wir ha­ben dau­er­haft min­des­tens im­mer ei­nen Tüv-Mit­ar­bei­ter auf der An­la­ge. Die Kern­ener­gie ist ei­ne der best­ge­prüf­ten Tech­no­lo­gi­en in Deutsch­land.“Die nu­klea­ren Mül­heim-Kär­li­cher Brenn­stä­be sind schon vor mehr als zehn Jah­ren zur fran­zö­si­schen Wie­der­auf­be­rei­tungs­an­la­ge La Ha­gue ge­bracht wor­den.

Der Bund für Um­welt und Na­tur­schutz Deutsch­land (BUND) freut sich zwar über den Ab­riss von Atom­mei­lern, sieht aber das Vor­ge­hen der Ener­gie­kon­zer­ne sehr kri­tisch. „Das Pro­blem ist das so­ge­nann­te Frei­mes­sen“, sagt der rhein­land-pfäl­zi­sche BUND-Um­welt­schutz­re­fe­rent Micha­el Ull­rich. Bau­schutt mit ei­ner Ra­dio­ak­ti­vi­tät un­ter­halb ei­ner will­kür­lich fest­ge­leg­ten Schwel­le wer­de als nor­ma­ler Ab­fall „aus dem Atom­ge­setz ent­las­sen“. Als wie­der­ver­wer­te­ter Stahl oder Be­ton könn­te er dann et­wa in neu­en Brat­pfan­nen, Au­tos und Stra­ßen lan­den. „Aber auch ei­ne nied­ri­ge ra­dio­ak­ti­ve Do­sis kann über län­ge­re Zeit Krebs ver­ur­sa­chen“, mahnt Ull­rich. Sol­cher Bau­schutt soll­te da­her zum Bei­spiel in be­son­ders ge­si­cher­ten De­po­ni­en auf­be­wahrt wer­den.

Das Kraft­werk Biblis, Hes­sens ein­zi­ges AKW, ge­riet einst im­mer wie­der mit Pan­nen in die Schlag­zei­len, et­wa 1987 mit dem kurz­zei­ti­gen Ent­wei­chen ra­dio­ak­ti­ven Dampfs. Heu­te gibt es auch hier im Block A kei­ne ab­ge­brann­ten Brenn­stä­be mehr. Block B soll 2018 kern­stoff­frei sein. Die ab­ge­brann­ten Brenn­stä­be wer­den in Cas­tor-Be­häl­tern auf dem Kraft­werks­ge­län­de in ei­nem Zwi­schen­la­ger un­ter­ge­bracht. Nach ei­nem End­la­ger-Stand­ort für den hoch ra­dio­ak­ti­ven Atom­müll wird in Deutsch­land noch ge­sucht.

Ei­gent­lich hät­te das Atom­kraft­werk Biblis je nach Aus­las­tung

bis et­wa 2020 lau­fen kön­nen. Nach Fu­kus­hi­ma gin­gen die bei­den Biblis-Blö­cke 2011 mit sechs wei­te­ren deut­schen AKW-Blö­cken zu­nächst für drei Mo­na­te vom Netz. Bis da­hin galt das Kraft­werk als der äl­tes­te kom­mer­zi­ell ge­nutz­te Atom­re­ak­tor Deutsch­lands. Die Blö­cke A und B stam­men aus den Jah­ren 1974 und 1976.

Die Ge­mein­de Biblis hat das Aus für ihr Kraft­werk deut­lich zu spü­ren be­kom­men. Zu­vor wur­den je­des Jahr Mil­lio­nen Eu­ro in ih­re Kas­se ge­spült. „Bei vie­lem in der Ge­mein­de steht der Spar­ge­dan­ke im Vor­der­grund“, sagt nun der Vor­sit­zen­de des Wirt­schafts­und Ver­kehrs­ver­eins Biblis, Bru­no Ne­u­mann. Das AKW Biblis bot einst rund 1000 Ar­beits­plät­ze. Vie­le Be­schäf­tig­te ka­men von Fremd­fir­men und such­ten Über­nach­tun­gen. „Da gab es Un­ter­neh­men, die hat­ten das gan­ze Jahr Zim­mer ge­bucht“, er­in­nert sich Ne­u­mann.

Der Mül­heim-Kär­li­cher AKW-Lei­ter Vol­mar ist hin und her ge­ris­sen: „Als In­ge­nieur ist ein Rück­bau ei­ne span­nen­de Auf­ga­be. Das hat viel mit Krea­ti­vi­tät zu tun. Als Bür­ger die­ses Lan­des schmerzt mich das aber schon.“

Der Kühl­turm wird spi­ral­för­mig von oben ab­ge­knab­bert.“ Tho­mas Vol­mar , AKW-Chef Mül­heim-Kärlich „ Auch ei­ne nied­ri­ge ra­dio­ak­ti­ve Do­sis kann Krebs ver­ur­sa­chen“ Micha­el Ull­rich, BUND

Bis 2020 hät­te das AKW Biblis Strom aus Kern­ener­gie lie­fern kön­nen – doch Fu­kus­hi­ma hat al­les ver­än­dert. Fo­to: imago/Con­trast/Beh­rend

Über­all Warn­schil­der: welt­schüt­zern nicht. Un­ge­fähr­lich ist die Ar­beit laut Um-

„Hausbau rück­wärts“: Ar­bei­ter de­mon­tie­ren im Kon­troll­be­reich des Kern­kraft­werks Mül­heim-Kärlich Bau­ele­men­te.

Dau­er­bau­stel­le: Seit 2004 läuft der Rück­bau des Mei­lers Mül­heim-Kärlich – er könn­te sich noch zehn Jah­re hin­zie­hen.

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