Was ge­schah 2011 in Fu­kus­hi­ma?

Fünf Fra­gen und fünf Ant­wor­ten zur Nu­kle­ar­ka­ta­stro­phe – Ja­pan fährt Zick­zack­kurs in der Dis­kus­si­on um Aus­stieg aus der Atom­kraft

Neue Osnabrucker Zeitung - Lotte, Westerkappeln, Mettingen, Tecklenburg - - Jobwelt -

Von Alex­an­der Brüg­ge­mann

KNA TO­KIO. In der nord­ost­ja­pa­ni­schen Prä­fek­tur Fu­kus­hi­ma er­eig­ne­te sich am 11. März 2011 ei­ne schwe­re Nu­kle­ar­ka­ta­stro­phe. Sie war ei­ne Fol­ge von Un­fäl­len und Stör­fäl­len im Kern­kraft­werk Fu­kus­hi­ma-Daiichi („Fu­kus­hi­ma I“). Der Un­fall lös­te ein po­li­ti­sches Be­ben aus, das ins­be­son­de­re in Deutsch­land sei­ne Wir­kung ent­fal­te­te.

Was ge­schah im März 2011 in Fu­kus­hi­ma?

In der nord­ost­ja­pa­ni­schen Prä­fek­tur Fu­kus­hi­ma er­eig­ne­ten sich am 11. März 2011 ein schwe­res See­be­ben und in den fol­gen­den Ta­gen meh­re­re Nu­kle­ar­ka­ta­stro­phen im Kern­kraft­werk Fu­kus­hi­ma-Daiichi („Fu­kus­hi­ma I“). Die Ka­ta­stro­phe ging vom größ­ten be­kann­ten Be­ben der ja­pa­ni­schen Ge­schich­te der Stär­ke 9,0 aus. In des­sen Fol­ge bil­de­te sich ein Tsu­na­mi mit bis zu 15 Me­ter ho­hen Wel­len, die den Atom­mei­ler flu­te­ten. In drei der sechs Re­ak­tor­blö­cke von Fu­kus­hi­ma I kam es zu Kern­schmel­zen. Gro­ße Men­gen ra­dio­ak­ti­ven Ma­te­ri­als wur­den frei­ge­setzt; sie kon­ta­mi­nier­ten Luft, Bö­den, Was­ser und Nah­rungs­mit­tel der Um­ge­bung. Schät­zun­gen zu­fol­ge dürf­ten die Ent­sor­gungs­ar­bei­ten noch 30 bis 40 Jah­re dau­ern. Die Fol­ge­kos­ten wer­den auf 150 bis 200 Mil­li­ar­den Eu­ro ge­schätzt.

Wie vie­le Men­schen wa­ren be­trof­fen?

Durch die Flut­wel­le star­ben an der Ost­küs­te der ja­pa­ni­schen Haupt­in­sel Hons­hu mehr als 18 000 Men­schen. Fast ei­ne hal­be Mil­li­on Per­so­nen muss­ten in Not­un­ter­künf­ten un­ter­ge­bracht wer­den. 375000 Ge­bäu­de wur­den ganz oder zum Teil zer­stört. Un­ter­su­chun­gen zu­fol­ge kommt es un­ter den Um­ge­sie­del­ten et­wa fünf­mal häu­fi­ger zu psy­chi­schen Stö­run­gen als im Lan­des­durch­schnitt. Un­ter den eva­ku­ier­ten Se­nio­ren stieg die Sterb­lich­keit in den ers­ten drei Mo­na­ten um das Drei­fa­che. Die Zahl der To­ten im ha­va­rier­ten Kraft­werk so­wie durch die Eva­ku­ie­rung oder ih­re Fol­gen wird auf et­wa 600 be­zif­fert.

Ins­ge­samt wird lang­fris­tig mit bis zu 10 000 To­ten durch die Atom­ka­ta­stro­phe und ih­re Fol­ge­er­kran­kun­gen ge­rech­net. Di­rek­te Strah­lungs­er­kran­kun­gen ma­chen da­von nur den ge­rin­ge­ren Teil aus. Nach An­ga­ben der ja­pa­ni­schen Or­ga­ni­sa­ti­on AAR, Part­ner von Ca­ri­tas In­ter­na­tio­nal, leb­ten im Früh­jahr 2016 noch rund 170 000 Eva­ku­ier­te in pro­vi­so­ri­schen Ver­hält­nis­sen, da­von 55000 in den staat­li­chen Be­helfs­un­ter­künf­ten.

Wel­che Feh­ler wur­den am Re­ak­tor Fu­kus­hi­ma-Daiichi ge­macht?

Die Schutz­mau­ern zur Meer­sei­te wa­ren deut­lich zu nied­rig. Der größ­ten Flut­wel­le in der Ge­schich­te des Lan­des konn­ten sie kei­nes­falls stand­hal­ten. Die Erd­be­ben­si­cher­heit war bis zu ei­ner ma­xi­ma­len Stär­ke von 8,0 aus­ge­legt. Wei­te­re Kon­struk­ti­ons­män­gel wa­ren be­reits vor der Ka­ta­stro­phe be­män­gelt wor­den. Zu­dem muss­te die Be­trei­ber­fir­ma Tep­co nach­träg­lich ein­räu­men, über Jah­re War­tung und Schutz­maß­nah­men ver­nach­läs­sigt und meh­re­re Stör­fäl­le ver­schwie­gen zu ha­ben. Tep­co wie auch der da­ma­li­gen ja­pa­ni­schen Re­gie­rung wer­den man­geln­de Ko­or­di­na­ti­on und schlech­te In­for­ma­ti­ons­po­li­tik vor­ge­wor­fen. Da­durch sei­en un­nö­tig vie­le Men­schen schäd­li­cher Strah­lung aus­ge­setzt wor­den; vie­le, vor al­lem Al­te und Kran­ke, sei­en durch zu spät ein­ge­lei­te­te Ret­tungs­maß­nah­men ums Le­ben ge­kom­men.

Wie vie­le Ver­ant­wort­li­che wur­den ju­ris­tisch be­langt? In den ers­ten fünf Jah­ren nach der Re­ak­tor­ka­ta­stro­phe wur­den kei­ne Pro­zes­se an­ge­strengt be­zie­hungs­wei­se ent­spre­chen­de Kla­gen von den Ge­rich­ten ab­ge­wie­sen. Zum fünf­ten Jah­res­tag reich­te ein Ko­mi­tee un­ab­hän­gi­ger Bür­ger An­fang 2016 ei­ne neue Kla­ge ge­gen die drei da­ma­li­gen Top-Ma­na­ger der Be­trei­ber­fir­ma Tep­co we­gen Fahr­läs­sig­keit mit To­des­fol­ge und man­gel­haf­ter In­for­ma­ti­ons­po­li­tik ein. Die Staats­an­walt­schaft hat­te ei­ne An­kla­ge zu­vor mehr­fach aus Man­gel an Be­wei­sen ab­ge­lehnt. Wie steht es um Ja­pans Atom­aus­stieg?

Nach der Ka­ta­stro­phe von Fu­kus­hi­ma stieg welt­weit die Skep­sis ge­gen­über der Kern­ener­gie. In Deutsch­land be­schloss die Bun­des­re­gie­rung ei­nen stu­fen­wei­sen Atom­aus­stieg bis 2022. Die ja­pa­ni­schen Re­gie­run­gen steu­ern seit 2011 ei­nen Zick­zack­kurs: Zu­nächst wur­de ein bal­di­ger Aus­stieg an­ge­kün­digt; bald dar­auf wur­de die­ser Schritt auf Druck der In­dus­trie wie­der zu­rück­ge­nom­men. Schon vor der Ka­ta­stro­phe hat­te Ja­pan auf ei­nen Ener­gie-Mix mit nur ei­nem Drit­tel Atom­ener­gie ge­setzt. Die­ser An­teil sank bis 2016 auf rund 20 Pro­zent. Dies macht die ja­pa­ni­sche Wirt­schaft ab­hän­gig von teu­rer Im­port­koh­le aus Chi­na. In Um­fra­gen spricht sich ei­ne gro­ße Mehr­heit der Be­völ­ke­rung für ei­nen Aus­stieg aus der Atom­ener­gie aus.

Gi­gan­ti­sche Ka­ta­stro­phe: Die zer­stör­ten Re­ak­to­ren des Atom­kraft­werks Fu­kus­hi­ma im Jahr 2012. Fo­to: dpa

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