Fast ver­ges­se­ne Mo­or­lei­chen aus Blech

War­um Dut­zen­de Old­ti­mer im nie­der­säch­si­schen Moor ver­rot­ten

Neue Osnabrucker Zeitung - Lotte, Westerkappeln, Mettingen, Tecklenburg - - Wochenende - Von Kars­ten Grosser

Cle­mens Krö­ner klingt be­geis­tert. „Wir ha­ben Num­mer 37 ge­fun­den“, freut sich der Steu­er­be­ra­ter aus Uch­te, ei­nem Ort im süd­li­chen Land­kreis Ni­en­burg. Als Stepp­ke ha­be er beim Pa­pa auf dem Schoß im na­hen Moor erst­mals ein Au­to len­ken dür­fen. Ei­nen Ford Tau­nus 12 M P4. Nun zie­hen ihn wie­der Au­tos ins Moor. Sehr al­te Au­tos. Old­ti­mer. Oder zu­min­dest das, was von ih­nen üb­rig ge­blie­ben ist. „Mo­or­lei­chen aus Blech“, nen­nen er und Film­pro­du­zent Ul­rich Hau­fe aus En­ger (Land­kreis Her­ford) die ver­rot­ten­den Ka­ros­se­ri­en. Au­tos aus der Wirt­schafts­wun­der­zeit, die von ih­ren Be­sit­zern im nie­der­säch­si­schen Moor ent­sorgt wur­den und nun­mehr seit Jahr­zehn­ten vor sich hin­ros­ten. Un­be­ach­tet, ver­bor­gen, ver­ges­sen. Und nun wie­der­ent­deckt.

Die Fund­or­te blei­ben ge­heim

Drei Dut­zend Fahr­zeu­ge aus den 1950er- und 1960er-Jah­ren hat­ten Krö­ner (Jahr­gang 1963) und Hau­fe (Jahr­gang 1954) in den ver­gan­ge­nen Jah­ren in den Moo­ren zwi­schen dem Ni­en­bur­ger Süd­kreis und Bremen be­reits ge­fun­den. Nun sind es 37. Ein Jä­ger ha­be wäh­rend der Ablenk­füt­te­rung für Wild­schwei­ne ei­nen Ford Tau­nus 12 M aus dem Jahr 1959 ent­deckt, be­rich­tet Krö­ner sei­nem Part­ner von der Neu­ig­keit. Das Au­to ste­he im Was­ser – und zwar so ab­seits, dass selbst frü­her dort wohl nie ein Kind zum Spie­len ge­we­sen war. Die Ar­ma­tu­ren sei­en noch drin, die Sei­ten­schei­ben heil. Ein un­ge­wöhn­li­cher Um­stand nach rund ei­nem hal­ben Jahr­hun­dert im Moor. Wo der Tau­nus zu fin­den ist? Das ver­ra­ten die bei­den nicht. Die Kar­te mit den Fund­or­ten hal­ten Krö­ner und Hau­fe ge­heim. Die Bil­der von den al­ten Schät­zen je­doch nicht. Mit Fotos und Vi­de­os do­ku­men­tie­ren sie ein längst ver­ges­se­nes Ka­pi­tel deut­scher Au­to­mo­bil­ge­schich­te.

In der Wirt­schafts­wun­der­zeit er­füll­ten sich vie­le Deut­sche den Traum vom ers­ten Au­to. Doch we­gen man­geln­den Kor­ro­si­ons­schut­zes knab­ber­te schon nach we­ni­gen Jah­ren der Rost an der Ka­ros­se­rie. Was tun? Den Wa­gen fach­män­nisch ent­sor­gen oder ihn ein­fach ver­schwin­den las­sen? Min­des­tens 37 Men­schen in nord­deut­schen Mo­or­ge­gen­den wähl­ten die kos­ten­güns­ti­ge­re Va­ri­an­te und ran­gier­ten den aus­ge­dien­ten Wa­gen ein­fach in ei­nen Mo­or­gra­ben oder Hand­torf­stich. Von En­de der 1950er-Jah­re bis zu Be­ginn der 1970er-Jah­re war das kei­ne an­rü­chi­ge Pra­xis. Um­welt- und Na­tur­schutz wur­den da­mals längst nicht so groß­ge­schrie­ben wie heu­te. Aus­ge­schlach­tet, oh­ne Mo­tor und zu­meist oh­ne Rä­der, die mög­li­cher­wei­se auch an das Nach­fol­ge­mo­dell pass­ten, wur­den die Old­ti­mer ab­ge­scho­ben – im wahrs­ten Sin­ne des Wor­tes.

An den eh schon an­ge­fres­se­nen Fahr­zeu­gen nag­ten wei­ter­hin die Zeit und nun auch das feuch­te Moor. „Die Au­tos fin­gen an, ein­zu­schrump­fen“, be­schreibt Hau­fe sei­ne Ein­drü­cke. „Sie mach­ten die Grät­sche, weil die Bo­den­flä­che weg ist.“Ver­ros­tet. Zer­brö­selt. Teil­wei­se gu­cke dann nur noch das Lenk­rad her­aus. Dort, wo einst ein stol­zer Au­to­be­sit­zer saß, häuft sich Laub, aus dem sich Far­ne stre­cken. Um so man­ches Wrack ist ein Bir­ken­wald ge­wach­sen. Im Wech­sel der Jah­res­zei­ten ver­schwin­den die aus­ran­gier­ten Old­ti­mer im Grün der Ve­ge­ta­ti­on, oder sie ver­schwim­men im tris­ten Grau des Win­ters. Mit­un­ter ver­kriecht sich ein Fuchs in ei­ner Blech­ka­bi­ne, um sich vor Re­gen zu schüt­zen. Ein an­de­res Au­to sei in ei­nem Jahr mal an­nä­hernd un­ter ei­nem rie­si­gen Amei­sen­hau­fen ver­schwun­den, er­in­nert sich Krö­ner. Da­bei han­del­te es sich aus­ge­rech­net um das äl­tes­te Fahr­zeug, das die bei­den bis­lang ge­fun­den ha­ben: ei­nen Opel Olym­pia Kas­ten­wa­gen aus dem Bau­jahr 1951.

Aus­stel­lung im „PS.Spei­cher“

Die Hälf­te der ent­deck­ten Wa­gen sei­en Opel, sagt Hau­fe. Oft­mals ein Re­kord, Olym­pia oder Ka­pi­tän. Aber auch Au­tos der Mar­ken Fi­at, DKW, VW und NSU ha­ben ih­re End­sta­ti­on im Moor ge­fun­den. Ob­wohl: Ei­nen NSU Prinz der ers­ten Bau­rei­he ha­ben Krö­ner und Hau­fe ge­bor­gen. Da­bei sei reich­lich Mus­kel­kraft von­nö­ten ge­we­sen. „Der war to­tal ein­ge­wach­sen“, er­in­nert sich der Uch­ter. Jetzt steht das Über­bleib­sel aus dem Moor im Mu­se­um „PS.Spei­cher“in Ein­beck di­rekt ne­ben ei­nem re­stau­rier­ten NSU Prinz. Es ge­hört zur Aus­stel­lung „Mo­or­lei­chen im Blech“, die dort seit Fe­bru­ar ge­zeigt wird und ein­zel­ne Bau­tei­le so­wie 30 groß­for­ma­ti­ge Fo­to­gra­fi­en prä­sen­tiert. Be­ein­dru­cken­de Fotos, die aus an­ge­nag­ten Ka­ros­se­ri­en wun­der­vol­le Kun­st­ob­jek­te zau­bern und Er­in­ne­run­gen an ei­ne ver­gan­ge­ne Epo­che we­cken. Ei­ni­ge Wer­ke las­sen sich auch im In­ter­net auf www.bil­der­re­vue.de be­stau­nen.

So­wohl in den Fotos, aus­ge­wählt aus Hun­der­ten von Auf­nah­men, als auch in ei­nem auf Youtube ab­ruf­ba­ren Vi­deo zeigt sich die Pro­fes­sio­na­li­tät der bei­den Au­to­fans. Nicht nur Hau­fe als Film­pro­du­zent ar­bei­tet auf ho­hem Ni­veau, son­dern auch Krö­ner als be­geis­ter­ter Na­tur­fo­to­graf. Vie­le Ki­lo­gramm schwe­res Equip­ment wie Ka­me­ras, Sta­ti­ve und Lauf­schlit­ten ha­ben die bei­den in die Moo­re ge­tra­gen, um die al­ten Schön­hei­ten von ih­ren bes­ten Sei­ten zu zei­gen. Im Win­ter, im Früh­jahr, im Som­mer und im Herbst. Im­mer wie­der ha­ben sie die Au­tos vom sel­ben Stand­punkt auf­ge­nom­men, um in Über­blen­dun­gen die Old­ti­mer im Ver­lauf ei­nes Jah­res zu zei­gen. Ei­ne Ar­beit, die Ge­nau­ig­keit und Ge­duld er­for­dert.

Ken­nen­ge­lernt hat­ten sich der Nie­der­sach­se und der Ost­west­fa­le im Jahr 2013 auf ei­nem Fo­to­graf­en­tref­fen, bei dem Krö­ner Bil­der der ble­cher­nen Mo­or­lei­chen zeig­te. Den Uch­ter Steu­er­be­ra­ter hat­te zu­vor ein Man­dant auf die Idee ge­bracht, nach den Old­ti­mern zu su­chen. „Er hat­te ein Mo­or­grund­stück ge­kauft und dann er­zählt, dass er nun drei Au­tos mehr ha­be.“Das er­in­ner­te Krö­ner an frü­her, als er beim Pa­pa auf dem Schoß mit dem Ford Tau­nus durchs hei­mi­sche Moor kurv­te. Er be­gann zu for­schen, Leu­te zu be­fra­gen – und wur­de fün­dig.

Zeit­zeu­gen ge­sucht

Ziel des Du­os Krö­ner/Hau­fe ist es nun, ei­nen län­ge­ren Film über die „Mo­or­lei­chen aus Blech“zu dre­hen. Ger­ne fürs Fern­se­hen. Ger­ne 45 Mi­nu­ten lang. Doch da­für su­chen sie Zeit­zeu­gen, die am bes­ten da­von be­rich­ten, wie sie selbst ih­re Au­tos einst ins Moor ge­scho­ben ha­ben. „Wir wis­sen von Leu­ten, dass sie et­was wis­sen. Aber sie wol­len es nicht er­zäh­len“, sagt Hau­fe. War­um nicht? Fürch­ten sie, für ih­re Ta­ten von da­mals in Re­gress ge­nom­men zu wer­den? In den Old­ti­mern sei­en zwar noch die Fahr­ge­stell­num­mern ab­zu­le­sen, aber die frü­he­ren Be­sit­zer lie­ßen sich heu­te den­noch nicht mehr fest­stel­len. „Die Da­ten wur­den nicht ar­chi­viert“, weiß Hau­fe.

Al­ler­dings könn­ten die Grund­stücks­ei­gen­tü­mer da­zu auf­ge­for­dert wer­den, die Au­tos auf ei­ge­ne Kos­ten end­gül­tig zu ent­sor­gen – auch wenn von den al­ten Schätz­chen nach Mei­nung des Fil­me­ma­chers kei­ne Ge­fahr für die Um­welt aus­geht. In den uri­gen Mo­or­land­schaf­ten laue­re eher ei­ne Be­dro­hung für den Men­schen, wie Hau­fe aus ei­ge­ner Er­fah­rung be­zeu­gen kann. Und zwar ei­ne tie­ri­sche Be­dro­hung: „Ze­cken, Ze­cken, Ze­cken!“

Fo­to: HBO/Sky

Wie­der­ge­fun­de­ne Old­ti­mer:

Ul­rich Hau­fe (an Ka­me­ra) und Cle­mens Krö­ner (steigt rechts aus ei­nem NSU Prinz) ha­ben Dut­zen­de „Mo­or­lei­chen aus Blech“ge­filmt und fo­to­gra­fiert. Wie et­wa oben ei­nen Opel Olym­pia P1. Der Mo­tor­block ge­hört zu ei­nem Ford P3. Fotos: Bil­der­re­vue/C. Krö­ner/U. Hau­fe

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